“America” Nachbau: Wie “Skythia” nach Rostock kam, warum die Masten schief sind

Witwenmacher aus Bulgarien

Im America’s Cup Jahr rückt die “America” Replik “Skythia” in den Blickpunkt: Spezielles Schiff, spezieller Mix. Amerikanisches Vorbild, bulgarischer Werftbau, österreichischer Eigner, die Ostsee vor dem langen Klüverbaum.

Skythia mit Nixen

Skythia mit Nixen, aufgenommen im Sommer 2012 vor Rostock. Im Sinne guter Seemannschaft ist der Skipper selbstverständlich gerade unter Deck und holt den Ankerball. © Helge Nug/Archiv Skythia

Seit einigen Jahren ist an der Ostsee ein ungewöhnliches Schiff zu sehen. Meist liegt es vor den Rostocker Seeterrassen an der Warnow, gelegentlich auch an der Flensburger Schiffbrücke und ist bei den Traditionsschiff- oder Tall Ship-Events unserer Gewässer dabei.

Rasant ist der Mastfall, kühn der gestreckte Klüverbaum mit arg, etwa 45 Grad geneigten Vorstagen für Fock und Klüver. Schräg. Hat da ein Bastler seine persönlichen Vorstellungen von einer speziellen Arche verwirklicht? Macht so viel Mastfall Sinn? Der schwarze Rumpf mit Klippersteven hat jedenfalls Klasse. Seine Form stammt erkennbar aus den Staaten. Als Aufbauten ducken sich hinter dem angehobenen Schanzkleid zwei funktional fensterlose Kästen, dazu einige Skylights und Niedergänge.

Mysteriöser Bootsname, Wurzeln in Bulgarien

Erste Erkundigungen zu Schiff und Eigner führten vor einigen Jahren ins Leere. Ein Einheimischer murmelte etwas von einem Nachbau der legendären „America“ und einem Österreicher, dem es gehören soll. Tamsen Maritim in Rostock, die Werft, die den Rumpf neu lackiert hat, hüllte sich in Schweigen. Mysteriös ist auch der Bootsname „Skythia“.

Er erinnert an ein Reitervolk im ersten Jahrtausend vor Christi in Dobdrudscha. Das ist eine Gegend im heutigen Bulgarien und Rumänien. Dort erfüllte sich in der Hafenstadt Varna 2003 bis 5 ein Werftbesitzer mit der etwas verkleinerten Nachahmung des legendären Schoners „America“ einen Traum.

Das Original schrieb am 22. August 1851 bei einer Regatta anlässlich der Londoner Weltausstellung Segelgeschichte. Es hatte das Geschwader des ortsansässigen Royal Yacht Squadron beim 53 Seemeilen Kurs um die Isle of Wight mit 18-minütigem Vorsprung brüskiert.

Der Queen musste beim Zieldurchgang der „America“ auf Nachfrage mitgeteilt werden, dass kein zweites Boot in Sicht sei. Aus dem eigens für die Wettfahrt gestifteten „One Hundred Sovereigns Cup“ wurde der bis heute ausgefochtene America’s Cup. Seitdem sind Schiff und Pokal Legende.

“Skythia” ist die “America” Replik Nummer drei

Bislang gab es zwei Nachahmungen der wohl berühmtesten Yacht der Segelgeschichte, und alle sehen anders aus. Das mag an den gern genutzten Interpretationsspielräumen und an der lange unsicheren Quellenlage liegen, oder auch daran, dass die 1945 abgewrackte „America“ geändert wurde (verlängerter Klüverbaum, weniger Mastfall).

Dabei gibt es auf den Seiten 42/43 des Buches „America’s Cup Yacht Designs 1851 – 1986“ von Francois Chevalier und Jacques Taglang eine ausgezeichnete Vorlage. Riss und Segelplan wurden dazu in detektivischer Arbeit aus verschiedenen Quellen rekonstruiert.

Chartertörns sollen die Kosten einfahren

Der bulgarische Eigner wollte mit Chartertörns entlang der schönen Schwarzmeerküste die Kosten einspielen, aber es wird schwierig. 2007 gibt er das Schiff an den österreichischen Hotelier Udo M. Chistée ab. Im Jahr darauf wird der Schoner nach Rostock überführt. Hier soll nun gelingen, was im sonnigen Süden nicht klappte.

Allerdings ist einige Jahre nach dem Stapellauf allerhand am schwarzen Schlitten zu tun. Das rustikale Interieur mit dem funktionalen Charme eines Arbeitsseglers passt jedenfalls zu den Bedürfnissen des Tagescharterbetriebs.

Jana Otte kümmert sich um die Buchungen und Organisation der Törns. „Skythia“ wird von einer vierköpfigen Besatzung bewegt. Johannes Beilig skippert das Schiff. Er berichtet, dass bereits ab fünf Windstärken nicht mehr alle Tücher gesetzt werden.

Witwenmacher

Oft ist die „Skythia“ dann nur mit dem Schonersegel, Fock und Klüver unterwegs. Das war die Standby-Besegelung historischer Lotsenversetzer, wenn sie mit kleiner Besatzung bewegt wurden. Angesichts des zu einem Drittel über das Heck ragenden Großsegelbaums ist die Segelführung verständlich. Die 135 qm des Großsegels, dessen Baum ein Drittel über das Heck hinaus ragt, refft oder packt man bei unwirtlichen Bedingungen nicht ohne weiteres ein.

Abweichend vom Original wird das Schonersegel übrigens wie ein Trysegel baumlos geschotet. Rollanlagen auf dem Klüverbaum erleichtern die Handhabung der „Skythia“. Die amerikanischen Schoner mit dem extrem weit über den Bug hinaus ragenden Klüverbaum wurden aus gutem Grund „widowmaker“ (Witwenmacher) genannt. So gefährlich und unbeliebt war der Job ganz vorne.

Neben der gezielten Anordnung des Segelschwerpunkts bot der Mastfall vieler Schoner, bei dieser Nachahmung der „America“ ist er unübersehbar, den Vorteil, dass er den Schub auf die Gaffelklau mindert. Das erleichterte das Segelsetzen in winschlosen Zeiten entscheidend. Zugleich spart reichlich Mastfall offenbar die Backstagen.

Schonern wie 1851

Es gibt schon verrückte Leute, die so einen Schlitten wie damals neu vom Stapel lassen, die sich solch einen Zossen ans Bein binden und ihn segeln beinahe wie 1851 – abgesehen von gewissen Zugeständnissen, versteht sich.

Bei einem normaldeftigen Südwest wäre ich gern dabei, wenn der lange Küverbaum nach Norden zeigt. Da wäre mit Turbolader – gesetztem Groß und Topsegel – zu erleben, wie flott die zwanzig Meter Wasserlinie die Meilen von Warnemünde bis „wondercool Copenhagen“ wegputzt. Spätestens beim leichten Luven nordöstlich der Kadetrinne muss das so sein wie damals, als die “Skythen” es beim Ritt durch die Dobdrudscha immer sehr eilig hatten.

„Skythia“: Stahlschoner 2003-5 in Varna von der Nautica Werft gebaut. Länge über alles 36 m, Länge über Deck 23,85 m, Breite 5,70 m, Tiefgang 2,70 m, Verdrängung 55 t, am Wind-Besegelung 377 qm, Klüver 55 qm, Fock 55 qm, Großsegel 135 qm, Schonersegel 118 qm, Topsegel 14 qm, Maschine 250 PS, vierköpfige Crew, 12 – 14 Kojen, Tagestörns mit bis zu 20 Personen. www.skythia-rostock.de

Zweimastgaffelschoner „America“, Konstruktion Georg Steers, Stapellauf bei der William H. Brown Werft in New York März 1851  gebaut aus Eiche, Kastanie und Zeder, Länge über Alles (spreaded length) Großbaum- bis Klüverbaumnock) 42 m (Maß von 1851), Länge über Deck 30,86 m, Wasserlinie 27,38 m, Breite 6,96 m, Tiefgang 3,33 m, 492 oder 526 qm, Verdrängung 170 t, bewaffnet mit zwei Kanonen.

Weitere Repliken: Der erste Neubau des Schiffes lief 1967 bei der Goudy & Stevens Werft in Boothbay/Maine für den amerikanischen Brauereibesitzer Rudolph Schaefer jr, vom Stapel. Die zweite Replik entstand 1995 ebenfalls aus Holz und legt heute vom Maritimen Museum in San Diego mit Chartergästen zu Walbeobachtungstörns ab. „Skythia“ ist als dritter Neubau etwas kleiner als das Original (24 statt 31 m Deckslänge, Breite 5,70 statt 7 m, etwas kleinere Besegelung und aus Stahl).

Die UMC Hotelerrichtungs,- Betriebs- und VerwaltungsgmbH von Udo M. Chistée hat mehrere Häuser und als Sahnehäubchen das Schlosshotel Wendorf mit dem Gourmet Restaurant „Cheval Blanc“ in der Nähe von Schwerin.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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2 Kommentare zu „“America” Nachbau: Wie “Skythia” nach Rostock kam, warum die Masten schief sind“

  1. avatar Wilfried sagt:

    im Satz über den Klüverbaum müssen ein paar Wörter abhanden gekommen sein. Oder hast du schon mal einen Klüverbaum gesehen der nicht über das Deck hinausragt? 😉

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  2. avatar SR-Fan sagt:

    Wer das und noch einiges mehr über das Boot erfahren möchte, ist beim folgenden Video richtig:

    http://www.yachtblick.de/segelyachten/skythia-der-film/

    VG

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