Der Kajakmaran-Mann: Andreas Gabriel mit schwachen Momenten in Portugal

"Ich habe gelernt zu weinen"

Vor meiner Blindfahrt bekomme ich heimischen Friesentee auf Erichs neuer Freydis in Cascais serviert © A.Gabriel

Vor meiner Blindfahrt bekomme ich in Cascais von den Wilts heimischen Friesentee auf ihrer neuen “Freydis”  serviert © A.Gabriel

Sonntag, der 19. August 2012: Von Cascais nach Peniche/Portugal

Nebel am Morgen und eigentlich ist es zu gefährlich zu starten. Wider Erwarten legt er sich um 9:30 Uhr und ich entscheide mich die 40 Meilen zu gehen. Aber nach nur 5 Meilen ist der Nebel wieder da und soll sich an diesem Tag auch nicht mehr auflösen.

Eine Blindfahrt, die in ihrer anstrengenden Art wohl kaum zu beschreiben ist. Mein Kopf rotiert permanent 360 Grad, um kein Schiff zu verpassen, dass unter Umständen plötzlich aus dem Nebel vor mir auftauchen kann. Nur manchmal schimmert die Küste mit ihrer Brandung etwas durch und eigentlich bin ich zu dicht dran, denn auch vorgelagerte Felsen können mir hier sehr schnell den Garaus machen.

Dichter Nebel an Portugals Küste - AIS ist nicht an Bord meiner Karre: Dauerstress © A.Gabriel

Dichter Nebel an Portugals Küste – AIS ist nicht an Bord meiner Karre: Dauerstress © A.Gabriel

Immer wieder tauchen vor mir die Fischereibojen auf, an denen wohl irgendwelche Fangkonstruktionen hängen mögen. Ich stelle mir vor, dass ich mich auf dieser Fischerlinie im Abstand zur Küste auf einem gesichertem Pfad bewege. Würden die Fischer sich freiwillig zu nah an gefährliche Felsen heranwagen mit ihren Netzen oder Fanggerätschaften?

Die Sicht geht später unter 50 Meter und der Tag ist unglaublich anstrengend. Das darf doch alles nicht wahr sein, was für ein Nebel!!! Zwei Fischerboote und ein “weißer Katamaran” passieren mich in der dichten Suppe an diesem Tag.

Die plötzlich einfallende Dunkelheit an der Küste vor Aveiro © A.Gabriel

Die plötzlich einfallende Dunkelheit an der Küste vor Aveiro © A.Gabriel

Peniche ist wie ein Pickel vorgelagert und als Hafen in dieser Situation etwas leichter anzufahren. Ich beschließe, mich so nah wie möglich am Ufer entlang zu hangeln, um nicht aus Versehen am Hafen vorbei zu fahren. In der untergehenden Sonne sagt mir plötzlich mein GPS: “Meister?… Wir sind da!” Nicht sehr nett, wenn die Koordinatengenauigkeit die Sichtweite zu unterbieten versucht.

Vorsichtig taste ich mich weiter … Die Sicht geht mit der heranrasenden Dunkelheit im Nebel Richtung Null … Plötzlich Brandung!!! Noch 3 Wellen und ich werde auf den Sand geschmissen … Vor mir ein erstaunter Badegast. Ich fasse mich knapp, da ich Angst habe, dass meine Karre von den Wellen geschreddert wird und schreie nur:”Harbour???…Porto???” Er zeigt wortlos nach links. Jetzt muss es ganz schnell gehen: rückwärts raus aus der Brandung, im Abstand von 20 m folge ich ihr parallel nach Gehör, schon ein wenig wie ein Blinder. Nach nur einer Minute taucht dann plötzlich die dunkle hohe Hafenwand im Dunst vor mir. Was für ein unheimlicher Moment!!!

Dieser dunklen unheimlichen Erscheinung folge ich. Eine Angelsehne hängt plötzlich im Mast. Ich kann mich befreien … Eine Zweite zischt herbei – das schwere Blei schnalzt mit voller Wucht gegen meine Brust, der Angelhaken bleibt in meiner Hand stecken. Weg damit … nur nicht die Hafenwand verlieren. Da, die grüne Einfahrtstonne!!!

Über 30 Minuten taste ich mich in nur zwei Metern Entfernung zu dem Gemäuer durch das Hafenbecken, vorbei an Fischerbooten und einem gekenterten Pott, bis plötzlich vor mir Masten und Schwimmstege auftauchen.

Nicht überall ist mein Liegeplatz so höflich markiert © A.Gabriel

Nicht überall ist mein Liegeplatz so höflich markiert © A.Gabriel

Doch meine Arbeit ist noch nicht zu Ende. Ein Polizist, der Einzige, der hier noch Gäste in Empfang nimmt, möchte meine Personalien aufnehmen. “Auf dem Steg zelten?UNmöglich!!!” sagt er und steht mehr als 25 Minuten mit verschränkten Armen neben mir, um zu überlegen, was er in seinem Rahmen zu entscheiden vermag. Seine Botschaft ist klar, auch wenn wir nicht die gleiche Sprache sprechen: Ich habe mich hier an die gängige Ordnung zu richten. Doch ich will es wissen und starte mit einer Charmeoffensive … mache Scherzchen … klopfe seine Schulter … kann aber auf der anderen Seite vor Müdigkeit und Hunger kaum noch stehen.

Ende vom Lied: Zelten darf ich dann letztendlich auf dem Steg direkt vorm Polizeiboot. Während der eine Polizist mich einweiht in die Geheimnisse seiner “60 Knotenschüssel”, holt der Andere mir doch tatsächlich zu dieser späten Stunde noch eine warme Mahlzeit.

Das war ein harter Tag, Andreas … Vielen Dank ihr Zwei … gute Nacht!!!

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Andreas Gabriel

... ist Frohnatur, Geschichtenerzähler, Abenteurer und Maurer zugleich. Er brach von Tönning in NORDfriesland Ende April 2011 auf, um mit seinem Kajakmaran Europa zu umrunden. Über Kanäle, Rhein, Main, Donau, ins Schwarze Meer und dann über das Mittelmeer zurück. Alles ohne Geld. Andreas Gabriel erzählt wahre Geschichten, die er unterwegs erlebt, und seine Zuhörer freuen sich, dass er eigentlich ihren Traum lebt. Ihre Unterstützung kommt postwendend. Dass dieses spannende und intensive Reisen funktioniert, hat er schon in den ersten 2 Etappen bewiesen. In der dritten Etappe geht es von Laredo / Nordspanien nach Hause nach Tönning. Seine Webseite lautet www.der-mit-dem-wind-faehrt.de
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2 Kommentare zu „Der Kajakmaran-Mann: Andreas Gabriel mit schwachen Momenten in Portugal“

  1. avatar Reinhard aus MeckPom sagt:

    Andreas Du bist mein Held!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 1

  2. avatar Lyr sagt:

    durchhalten!!! ich drück weiter die Daumen und lese mit großen Augen!

    Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 0

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