Andreas Gabriel segelt mit Kajak-Katamaran-Selbstbau rund Europa. Ohne Geld.

Schnorrer, Spinner oder Spaßvogel

Andreas Gabriel turnt auf dem selbstgebauten Kajak-Kat, mit dem er rund Europa segeln will. © Jörg Knorr

Eine letzte Umarmung, ein letzter Gruß, ein großer Schritt auf den verwundbar scheinenden, selbst gebauten Kajak-Katamaran, ein Zug am Anlasser des 3,3 PS Motörchens und los geht´s. Das Abenteuer hat begonnen. Andreas Gabriel ist im nordfriesischen Tönning gestartet, um Europa zu umrunden.

Der 41-Jährige will gut ein Jahr lang unterwegs sein. Von Nordfriesland über die Flüsse nach Südosten bis zum Schwarzen Meer. Durch den Bosporus zum Mittelmeer und immer an der Küste entlang zurück nach Tönning. Das alles ohne einen Cent Geld in der Tasche.

Schnorrer, Spinner oder Spaßvogel? Andreas Gabriel lässt sich in keine Schublade stecken. Er segelt für gute Gedanken, „gegen Vorurteile“, wie er sagt. „Sailing for good thoughts“ steht groß auf seinen Rümpfen. Klingt abgedreht. Aber wenn er selbst darüber redet, füllt sich die Hülse mit Inhalt.

Gabriel lacht, erklärt, parliert. Der Mann sprüht vor Lebenslust. Lachfalten erscheinen unter seinen lustigen kleinen Augen. Die positive Art steckt an. Das will er. Das ist seine Mission. „Die Qualität meiner Gedanken unterscheidet mich von anderen Menschen“, sagt der Nordfriese. „Sie sind frei von Neid und Missgunst.“

Es mag sich überheblich anhören, aber die ehrliche Absicht kommt an. Das ist seine Gegenleistung. Diese Botschaft will er vermitteln. Deshalb ist er ohne Geld unterwegs. „Das zwingt mich, auf die Leute zuzugehen.“ Er fragt nach einem Platz für sein Mini-Zelt und hofft, eine Kartoffel abzustauben.

Die geplante Route. Auf Flüssen bis zum Schwarzen Meer, dann die Küste entlang rund Europa. © A. Gabriel

Der Abenteurer weiß, dass es funktioniert. Selbst wenn er nach einigen Wochen mit Vollbart wie ein Landstreicher aussieht. 2008 startete er das vielleicht noch verrücktere Unternehmen. Mit einem selbstgebauten Segelfahrrad-Roller, seinem „Asphaltsegler“, bewältigte er die Strecke von Skagen in Nord-Dänemark nach Marseille. Er gab keinen Cent aus.

In Tönning steht Andreas Gabriel stolz vor seiner Konstruktion. Sechs Monate hat er gebastelt. Es wäre einfacher gewesen, eine alte Jolle oder einen Katamaran aufzumöbeln. Aber das Basteln ist ein wichtiger Bestandteil seines Projekts. „Ich mag das Gefühl, wenn man etwas mit den eigenen Händen baut.“

Er ist Handwerker, Maurermeister. Elf Jahre arbeitete er selbstständig. Dann machte der Körper nicht mehr mit. „Ich bin froh den Betrieb geschlossen zu haben. Rücken, Knie, Schulter, der Kopf wollte immer mehr als der Körper konnte.“ Seitdem geht es ihm besser. Er verdient nicht viel, übernimmt Jobs für die große Familie, die einige Ferienhäuser betreibt und sieht sich als „Meister der Kostenreduktion“.

Gabriel lebt getrennt von seiner Frau, hält aber engen Kontakt. Seine beiden Söhne Torge (13) und Nils (15) spielen eine große Rolle im Leben. Er wohnt zusammen mit seiner Freundin. Die Familie ist ihm wichtig. „Das Heimweh fährt von Anfang an mit. Aber ich glaube, dass man durch solche Herausforderungen auch noch mehr zusammenwächst.“

Selbst der Vater sei aus dem Team nicht mehr wegzudenken. „Mein Leben lang schon, schüttelt er über mich den Kopf.
 Aber er liebt diesen Blödsinn!“

Andreas Gabriel kann gut über sich selber lachen. Ein Bild von sich kommentiert er: „So ganz richtig kann da irgendetwas nicht sein!“ Zu einem anderen schreibt er: „Hier sucht mein Gehirn gerade nach einer Lösung… …nicht sehr einfach für einen 41-Jährigen Computer, der die letzten 500 Updates verpasst hat.
 Aber er läuft!!!“. Und er sagt: „Beim Bau der Ruderanlage habe ich wieder viel Gedankenschweiß gelassen. Bin ja auch nur ein Maurermeister.“

Ob er die Tour schafft? Sein Gefährt sieht solide und durchdacht aus. Gabriel bezeichnet sich als Segler. Überwiegend mit kleinen Jollen machte er die Nordsee und das Wattenmeer unsicher, eines der schwierigsten Reviere überhaupt. Er fühlt sich gerüstet für das Abenteuer auf See. Große Risiken will er nicht eingehen. Adrenalinschübe seien Okay, aber er hänge doch an seinem Leben.

Mehr Gedanken macht er sich darüber, wie er zum Beispiel mit seinem knapp 200 Kilo schweren und sechs Meter langen Zweimaster den Rhein gegen den Strom hoch kommt. „Vielleicht hänge ich mich an die Wasserschutzpolizei.“ Ansonsten ist er mit der Seetauglichkeit und dem Speed seines Konstrukts sehr zufrieden. 14 Knoten erreichte er schon.

„Irgendwie wird es funktionieren“, glaubt der Skipper. Die Unplanbarkeit seiner Aktion mache den Reiz aus. Er vertraut auf Hilfe. Für den Fall, dass sein Anliegen im Ausland nicht verstanden wird, will er mit Händen und Füßen kommunizieren und die Route auf einem Zettel zeigen. Das müsse reichen.

Und wenn er nichts zu essen bekommt, hat er noch eine Notreserve dabei: Zwei Pakete Morgenstund – Hirse-Buchweizen-Brei mit Früchten und Samen. Dann kann nichts mehr schief gehen.

SegelReporter wird an dieser Stelle regelmäßig von den Abenteuer Andreas Gabriels berichten.

Website von Andreas Gabriel

Wenn Segel “brechen”. Das Video vom NDR zum Start.

Das Video vom ersten Abenteuer. Mit dem Asphaltsegler von Skagen nach Marseille:


avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden
https://northsails.com/sailing/de/

7 Kommentare zu „Andreas Gabriel segelt mit Kajak-Katamaran-Selbstbau rund Europa. Ohne Geld.“

  1. avatar Ketzer sagt:

    Finde es zwar doof zu unken, aber bin gespannt, wann es ihn in der ersten Brandung zerlegt. Im Filmchen sind die Rümpfe offen. Keine Spritzdecken, nichts…?

    Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 3

    • avatar Doc sagt:

      Ich kenne die gesamte Bauphase. An dem Gefährt ist nichts dem Zufall überlassen. Einlaminierte Querschotten und Verstärkungen. Laminierte Spritzdecken gehören selbstredend dazu. (mal die homepage besuchen-dort kann man die Bauphase in Bildern nachvollziehen).
      Alle Tests auf der Nordsee bestanden – solide Kontruktion, die nicht so schnell ermüden wird.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  2. avatar Jörg Knorr sagt:

    … wishing many good thoughts!

    Alles Gute und komm heil wieder.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 1

  3. avatar T.K. sagt:

    Ha – und Segelreporter hat die ollen Optisegel spendiert….. Da kann ja nix mehr schiefgehen

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 2

  4. avatar Stephan sagt:

    Der packt das.

    Ein Kumpel von “80” ( Andreas Spitzname)

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

  5. avatar Uwe Jans sagt:

    Hallo Drees ! Hab` leider Deinen Start hier in Tönning verpasst. Wir , die ganze Familie Jans incl. Firma wünschen Dir : TOI , TOI , TOI !!! Uwe , Marion , Sven , Michaela , Talia , Tarje , Timo , Anne-Mirja , Ruben , Jana , Leni , Lennart , Vanessa , Michael , Finn-Ole , Björn 1 und Björn 2 !

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

  6. avatar Heinz sagt:

    Cooler Typ,
    habe Andreas Gabriel am Freitag den 13. auf dem Dortmund-Emskanal getroffen und 4 Stunden mit ihm parliert. Bei Kanalkilometer 143 eine Flasche Flens (aus der Gegend kommt er ja) beim grünen Jäger kostenlos organisiert und ich konnte nicht umhin, ihm den 2Takter zu füllen.

    Hoffe ihn bald per GPS verfolgen zu können. Da macht Google Earth richtig Spass.

    Junge du schaffst das. Du hast mir versprochen die Eiderstedter Flagge heimzubringen.

    Heinz von der deutsch/holländischen Grenzstadt Nordhorn

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0