Kajakmaran-Mann: Samstag 10:30 h geplante Ankunft am Eidersperrwerk

„Es ist vollbracht!“

Andreas Gabriel ist fast zuhause. Nach insgesamt 14 Monaten und 7800 Meilen rund Europa ohne Geld in der Tasche kommt der Abenteuerer am Samstag an seinem Ausgangspunkt Tönning an.

Andreas Gabriel

Andreas Gabriel in Büsum. © SegelReporter

 „Immer war ich auf dem Weg nach Hause und bin es auch noch. Mit unbändiger Kraft und vollem Herzen, Heimweh und Sehnsucht. Kaum etwas hätte mich aufhalten können auf meinem Weg zurück. Oft habe ich geweint, weil mir meine Lieben sehr fehlten. In den letzten 2 Wochen passierte es immer öfter… doch diesmal aus einem anderen Grund. Dieses Abenteuer ist und wird für immer wundervoll bleiben. Ich bin kurz vor meinem Zuhause und ich weiß, dass etwas ganz Besonderes dem Ende entgegen geht.

Jetzt am Samstag dem 03.08.2013, ist es endlich soweit. Um 10 Uhr 30 werde ich in unser Eidersperrwerk einlaufen und 7.800 Seemeilen im Rücken haben. Mit einem Boot, das seinesgleichen sucht. “Vielen Dank meine Karre…Du hast mich am Leben gehalten.”

Kayakmaran-mann, Ziel, Gabriel

Andreas Gabriel kurz vor dem Ziel © kemmling

Letzter Bericht des Kayakmaran-Mannes Andreas Gabriel mit Höhepunkten vom Cap de la Hague bei 10 kn Strom und wenige Tage darauf verwirrten Sicherheitsbeamten am Strand, die keine Pommes Mayo bereit halten wollten…

Sonntag der 30.06.2013/Dielette. Auf Facebook und über E-Mail warnt man mich von vielen Stellen Europas vor diesem gefährlichen Cap de la Hague und doch aber führt mein Weg unweigerlich an ihm vorbei. Ich muß ruhig bleiben und meinen Moment abwarten…so wie immer. Doch ich weiß, so ruhig es auch werden mag…um dieses Cap kann der Strom bis auf 10 Knoten beschleunigen und dann kocht das Wasser. Die Verwirbelungen der Wassermassen sind so gigantisch, dass man tatsächlich mit allem rechnen muss. Vor 2 Jahren hat ein Segler an diesem Cap bei drei Windstärken seine 35 Fuß Yacht verloren.

Kayakmaran-Mann, Gabriel

Unterwegs auf zwei miteinander verbundenen Streichhölzern © gabriel

Es war nur eine Welle…nur eine Welle!!! “Gehe nicht zu dicht ran”, heißt es von der einen Seite…”Niemals Wind gegen Strom”, von der anderen Seite. In diesen Momenten bin ich sehr angespannt. Nach Außen immer der lustige Luftikus…kaum aus der Ruhe zu bringen, aber in meinem Inneren sieht es anders aus. Ich weiß, welche Kraft dort auf mich wartet.

Ich habe bereits meine dritte Nacht im Obergeschoß des Toilettenhauses verbracht. Niemand hatte sich daran gestört und ich meine Ruhe und ein Dach über dem Kopf. Das schlechte Wetter scheint sich verzogen zu haben, doch was mich an diesem Morgen empfängt, ist Nebel. Der Hafen ist ruhig, kaum hört man die Geräusche der wenigen Fischer auf den Stegen, die mit unbändiger Ruhe scheinbar nichts anderes zu tun haben in ihrem Leben, als an den Fischernetzen herum zu fummeln. Sie winken ab, als ich ihnen erzähle, dass ich um das Cap will. Mit Händen und Füßen erklären sie, dass die Sicht an diesem Tag wohl kaum besser werden wird. Meine Stimmung ist ohnehin schon nicht gut. Ich habe einfach zu wenig menschliche Kontakte im Moment. Noch länger bleiben an diesem Ort? Nein…ich muß mir was einfallen lassen!

So sieht die personifizierte Freude auf eine Dusche aus © gabriel

So sieht die personifizierte Freude auf eine Dusche aus © gabriel

Kaffeetrinken mit den Musto-Jungs

Drüben auf der anderen Seite der Steganlage, machen sich drei “Musto-Jungs” fertig zum Auslaufen. Ich werde sie fragen, ob sie auch nach Cherbourg wollen und um Sichtkontakt während der Fahrt bitten, bis wir um das Cap herum sind. Sie fahren tatsächlich dorthin…willigen ein, wenn auch nur zögerlich. Der Skipper guckt etwas überrascht, als ich meine Yacht von Steg 1 direkt vor ihr Boot verfrachte. Sie hatten meinen Zweimaster vorher doch tatsächlich nicht gesehen. “Damit willst Du um das Cap? Wir geben Dir unsere Handynummer und sobald Du ein Problem hast, lässt Du von Dir hören, ok?” Die Männer sind nett, wir trinken noch einen Kaffee zusammen, bevor es los geht und ich erzähle nur kurz von meinem Abenteuer.

Ich bin vor ihnen aus der Hafeneinfahrt raus und habe beide Segel auf. Der Wind kommt vorerst nur schwach, aber er hilft mir zumindest. Nach einer Stunde ist die Sicht etwas besser geworden und der Wind legt etwas Kohle auf den Grill. Es geht los. Ich kann das Wellenwirwarr bereits mit dem Fernglas erkennen und bin eigentlich zu dicht dran, aber was soll`s. Dieses Boot hat so vieles geschafft. Es wird auch das hier überstehen. Die Segelyacht mit meinen drei Freunden ist kaum noch zu erkennen. Ich weiß nicht, wie weit sie von mir weg sind und mir fällt ein, dass sie etwas von “an den Segeln zerren” erzählten, was soviel heißt wie: “Wir werden Gas geben.” Anscheinend ist es nun soweit.

Bockender Bronco

Die Bojen der Fischernetze werden unter Wasser gezogen, die Strömung demonstriert ihre unglaubliche Macht. Manchmal ist es besser, wenn man keine Bojen sieht…nichts, woran man erkennen kann, was sich unter einem abspielt. Meine Geschwindigkeit geht auf über 10 Knoten…ich bin da. Die Wellen fangen an zu springen. Aus allen Richtungen scheinen sie nach meiner Karre greifen zu wollen. Schnell und kraftvoll entstehen sie wie aus dem Nichts und rollen einfach auf mich zu. Das Boot ist wie ein wildes Pferd, das sich einfach nicht zureiten lassen will. Jede dritte Welle ist so schnell und kraftvoll, dass sie über mir hereinbricht. Wie an einer Schnur gezogen, ist es nach zwanzig Minuten urplötzlich wieder ruhig und man kann das Ende der wilden Wellen kommen sehen. Es war nicht ganz so schlimm, wie die Sandbank vor Royan, aber jeden Tag muss ich hier auch nicht durch.

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Andreas Gabriel

... ist Frohnatur, Geschichtenerzähler, Abenteurer und Maurer zugleich. Er brach von Tönning in NORDfriesland Ende April 2011 auf, um mit seinem Kajakmaran Europa zu umrunden. Über Kanäle, Rhein, Main, Donau, ins Schwarze Meer und dann über das Mittelmeer zurück. Alles ohne Geld. Andreas Gabriel erzählt wahre Geschichten, die er unterwegs erlebt, und seine Zuhörer freuen sich, dass er eigentlich ihren Traum lebt. Ihre Unterstützung kommt postwendend. Dass dieses spannende und intensive Reisen funktioniert, hat er schon in den ersten 2 Etappen bewiesen. In der dritten Etappe geht es von Laredo / Nordspanien nach Hause nach Tönning. Seine Webseite lautet www.der-mit-dem-wind-faehrt.de
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8 Kommentare zu „Kajakmaran-Mann: Samstag 10:30 h geplante Ankunft am Eidersperrwerk“

  1. avatar Lars sagt:

    Herzlichen Glückwunsch! Eine tolle Leistung!

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  2. avatar Digger sagt:

    Welcome back. Ich ziehe vor Dir echt den Hut, Andreas! Und freu mich, wenn mal ein Buch von Dir erscheint. Großartiges Projekt, großartige Sache.

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  3. avatar Matthias sagt:

    super Sache und tolle LEISTUNG ANDREAS!!!…es zeigt doch wieder einmal mehr,dass es nicht unbedingt auf die Seetauglichkeit eines Bootes ankommt sondern vielmehr auf das können und die Erfahrung des Skippers! Es gibt genug Leute die super Yachten segeln und im Hafen noch nicht mal richtig anlegen können.Ein schönes Beispiel ist Diggers Bericht von BIMMEL und Bommel.Nochmals Glückwunsch Andreas und ein Buch wäre echt interessant!

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  4. avatar Blankeneser Hochsee-Segler-Abende sagt:

    Andreas Gabriel, das ist eine Überleistung, die all unseren verschärften Respekt verdient. Ganz ganz toll! Sollte es ein Buch geben: Wir kaufen es auf alle Fälle!

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