Rund Rügen Teil II

Blind Date der Computersegler

Nach einem ordentlichen Start liegt das Gros des Feldes im Kielwasser © M. Jurschik

"Die fiese blaue Hanse rutscht nach ihrem Brutalo-Manöver und Near Miss kommentarlos in Luv drüber © M. Jurschik

Nette Jungs vom Team EXTRA DRY, die da zusammen gekommen sind. Man mag sich ja wer weiß wen vorstellen, wenn die Kennenlern-Klammer ein Computerspiel ist. Aber hier treffen zwei Ärzte, ein Goldschmied, ein Mathematik-Student, ein Manager einer Zeitarbeitsfirma, auf einen Studenten/Profiskipper, einen Markting-Mann und einen Journalisten. Eine ungewöhnliche Mischung. Aber nach den langen Winterabenden, an denen man sich über Regel- und Taktik-Szenarien die Köpfe heiß geredet hat, war vorher klar, dass sich die möglichen Verhaltensauffälligkeiten in Grenzen halten.

Die Regatta Rund Rügen ist nun nicht gerade der heilige Gral der Hochseesegler, aber für unsere Zwecke macht sie Sinn. Zwar gelingt es mit der Hanse 400 nur, einen Cruiser zu chartern, für den der Vercharterer nicht mal die Regattasegel rausrücken will. Aber der Gewinn von Blumentöpfen ist nicht das primäre Ziel der Zusammenkunft. Zumal wir uns nach Yardstick mit zwei Schwesterschiffen vergleichen sollen, die mit Foliensegeln, Genua und Faltpropeller ausgerüstet sind. Eine Anpassung des Yardstickwertes wird zwar zugesagt, taucht aber in der Ergebnisliste nie auf.

Egal. Darum geht es auch nicht. Pokale gewinnt diese Crew am Bildschirm. Immerhin zweiter und dritter der letzten beiden virtuellen Teamrace Weltmeisterschaften. Aber wir wollen uns teuer verkaufen. Der Start verläuft nicht schlecht, was kaum daran liegt, dass man mich ans Steuer gestellt hat. Vielmehr hält sich das Feld der 18 Yachten in unserer Gruppe vornehm zurück. Dabei sind wir spät dran, weil es ein Missverständnis bei der Zeitnahme gibt. Nach einer Fünf-Minuten-Kreuz zu einer gegen den Wind ausgelegten Luvtonne wird es an der Marke richtig eng.

Von links steuert eine Hanse 37 mit Wind von Backbord auf die Luvtonne zu. Eigentlich schreien wir früh genug. Und sicher auch laut genug. Match Racer Corni sieht rechtzeitig, dass da gar nichts geht. Der Typ kommt nie vorne durch. Er macht aber auch keine Anstalten auszuweichen. Es hackt. Der Speed dürfte ausreichen, um ihn mittschiffs zu zerteilen. Ich überlege kurz, ein Exempel zu statuieren. Mal sehen, was so eine Hanse aushält. Virtuell darf man so etwas sogar machen.

Aber es wäre unserer Beschleunigung abträglich, wenn wir im Salon des Gegners stecken. Und dann die vielen hellblauen Kunstoff-Splitter, die auf unserer Yacht herumfliegen würden. Im letzten Moment reiße ich das Steuer herum. Gott sei Dank geht die Großschot auf. Wir passieren knapp am Heck und erwischen gerade noch die Tonne, hinter der wir abfallen können.

Das Adrenalin legt sich schnell. Entspannt rauschen wir jetzt an der nächsten Bahnmarke entlang, Rügen. Raumschots mit fünfer Böen können wir einigermaßen mit den anderen Hanses, Salonas und Grand Soleils mithalten. Wenn das Schiff seine Rumpfgeschwindigkeit erreicht, bremsen die bauchigen Fahrten-Lappen nicht so sehr. Und wir machen sogar richtig Druck, als der schwule Regenbogen-Gennaker mit einem 1A-Manöver gesetzt ist. Jan, unserer erfahrener Volvo 60 “illbruck” Segler beim Speedsailing Team seines Vaters in Rostock, hat den Gennaker professionell mit Wollfäden fixiert und den Bergeschlauch abmontiert.

Hart am Limit rauschen wir durch den Greifswalder Bodden. Hin und wieder läuft der Kahn aus dem Ruder. Aber das ist gar nichts im Vergleich zu Konkurrenz. Das Schiff liegt leicht auf dem Ruder, ist mit zwei Fingern zu steuern – eigentlich. Ich gebe das Ruder an Uwe ab, den erfahrenen Korsar-Segler aus NRW, und flüchte vor der ersten Regenfront unter Deck. Heftiges Geschrei: “Auf, auf, die Schot auf – tierisch Ruderdruck – das Segel muss runter.”

Wie bitte? Kann doch nicht sein. Eben noch lag das Schiff super ausbalanciert. Zweifelnde Blicke wenden sich Uwe zu. Was treibt der denn da? Die Bewunderung für meine vermeintlichen Steuerkünste steigt. Aber sie verfliegt schnell als sich herausstellt, dass irgendjemand den elektrischen Autopiloten eingeschaltet hat. Der will permanent anluven. Uwe hält mit aller Kraft dagegen. Später wird vermutet, ich hätte mit diesem einfachen Trick einen Mythos als Über-Steuermann aufbauen wollen. Aber man kann es mir nicht beweisen.

Je weiter sich das Feld auseinander zieht, umso mehr kehrt der Bordalltag ein. Und als wir den Schutz der Küste bei Südwest-Wind verlassen, wird es richtig hart. Holland-Harmen steuert sicher durch die Nacht. Er führt auf dem IJsselmeer eine Dehler 34. Das Finale bestreitet Jan. Es wird noch einmal richtig eng im Fahrwasser vor Stralsund. Vier Yachten kreuzen auf. Aber Team EXTRA DRY behält die Oberhand mit einer Abkürzung, die als navigatorische Meisterleistung in die Annalen der Rund Rügen Regatta eingehen wird. Während einige Kollegen auf Schiet sitzen, rutschen wir hochmotiviert Richtung Ziel.

Nach 14 Stunden und 13 Minuten ist es vollbracht. Wir gehen als achtes Boot ins Ziel. Berechnet sind wir neunter und mit der eigentlich versprochenen angepassten Yardstickzahl sechster. Drei von 18 Schiffen haben aufgegeben. Die Hanse 400 von Jörg Krohn mit Profi-Skipper Oliver Schmidt Rybandt ist eindreiviertel Stunden vor uns im Ziel. Oliver, der für SegelReporter über einen Wintertörn geschrieben hat und mit Uwe Röttgering von Rund Skagen berichtete, hat seine Crew die ganze Nacht auf der hohen Kanten belassen. Das muss eine harte Truppe sein. Genauso wie die Beneteau Platu 25 von Marcus Paap. Die kam nach 16 Stunden ins Ziel. Eine Hammer Leistung!

http://www.ycstr.de/segelwoche/ergebnisse2010/rund_ruegen2010.html

Zum Thema:
Rund Rügen Teil I

Goldschmied Michael vom Ammersee hat seinen ersten Ausflug zur schäumenden Ostsee so erlebt:

logbuch einer landratte

do :: anflug auf HH :: die wolken wollen nicht aufhören :: flugbegleitung rückt immer noch kein frühstück heraus :: am boden null wind und regen :: mein käptn – matthias ist da und los geht es nach greifswald :: navi und autopilot sind an :: volle konzentration auf die gespräche :: ankunft am boot :: stillleben – uwe und jan und eine leere flasche auf dem tisch :: mirko und harmen truddeln auch ein :: ab nach stralsund :: vor der brücke von stralsund sonnenuntergang und industrie charme pur :: alles klar ::

fr :: carsten und cornelius fehlen noch :: ohne die zwei c’s wäre das team nicht komplett :: so segeln profis – carsten steigt gefühlte 15 minuten vor dem ablegen locker an bord :: cornelius ist das zu langweilig – er springt von der autobrücke nach rügen direkt auf das vorschiff und regelt dort gleich mal alles :: wir sind komplett :: start 18:20 :: guter wind :: ein volldepp mit wind von backbord will uns an der luvtonne versenken :: es gelingt ihm nicht – carsten lässt ihn ins leere schießen :: knapp an der luvtonnenberührung vorbei und kurs rund rügen :: sonne, wolken, eine schwarze gewitterfront :: und die nähert sich zügig :: da schweift der blick des jollenseglers mal eben prüfend zum ufer :: aber was soll unter blister schon groß passieren :: mirko navigiert uns sicher durch die fahrrinnen :: jetzt haben wir wirklich guten wind und pflügen nur so vorwärts bis das blisterfall reißt :: gut, dann bergen wir ihn eben :: uwe ist erleichtert :: unser boot trägt leider völlig bauchige segel aus dem letzten jahrtausend :: erstes reff :: als es schließlich sehr spät dunkel wird nimmt der wind noch zu :: zweites reff :: mitternacht :: zeit für landratten in die koje zu krabbeln? ::

sa :: fehler – unter deck -wummm- ist die hölle -wumm- los :: ohne -wummm- schlaf um 2 Uhr -wummm- aufstehen :: kotzen keine -wummm- minute später :: soviel -wummm- flüssigkeit in meinem – wummm- magen? :: danach gehts -wumm- bald unerwartet gut und ab nach oben zur wache :: nun hätte ich südlicht dunkle nacht erwartet :: weit gefehlt – die machen hier einen auf mini mitsommer nacht :: schon ziemlich hell und sogar leicht rosa im nordosten :: harmen am ruder gelassen und konzentriert :: hoch am wind :: jan übernimmt das ruder und grinst gut gelaunt :: stahlblauer himmel :: fiese kurze ostseewelle auf offener see :: konkurrenten weit entfernte irrlichter :: nun wieder alles mit wolken verhangen :: inzwischen kotzen matthias und carsten stereo auf dem klo :: sie haben mein mitgefühl, obwohl es sehr gut tut, dass auch ein profi mal kotzt :: und mit cornelius auch der zweite :: ich schaue jan an und er grinst :: alles klar :: nach vielen stunden auf der kreuz sind wir vier boote, die immer dichter zusammenkommen :: es geht auf die nächste fahrrinne zu :: mirko navigiert :: das regattagefühl kommt wieder auf :: wunderbar :: böenstreifen mit f7 blasen uns in die einfahrt :: im slalom der engen fahrrinne spielt jan seinen “heimvorteil” aus und legt 200 meter zwischen uns und die verfolger :: danach finden wir sogar die ziellinie und klatschen begeistert ab ::

so :: das war super :: sehr harmonisch und sehr eindrucksvoll ::

mo :: jetzt komme ich nach hause und irgend etwas fehlt :: -wummm- :: das war die haustür :: alles klar :: michael

Carsten Kemmling

Spenden
https://yachtservice-sb.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *