Bootsbau Ärger: Schwere Mängel bei Carbomare-Neubau

Die Rettung des Blasenkreuzers

Die Bodenseeversion des Carbomare-Werftbaues CM 35 verblüfft mit Bauschaum statt geeignetem Kernmaterial, unregelmäßiger Verwendung von Harz und einem Außenlaminat, das ohne Vakuumdruck und ungebacken abgeliefert wurde.

"Komposit-Nanny" Albane Leclerc

Mal schauen, wie gut das Pflaster anliegt. “Komposit-Nanny” Albane Leclerc prüft die Reparaturarbeiten. © Steiner Design GmbH

Wird die Bordwand beim Anschleifen für einen Anstrich unebener als sie vorher war stimmt etwas nicht. Nun sind die Mitarbeiter der Graf Werft am Bodensee vom Fach. Sie haben alles richtig gemacht. Trotzdem wölbt sich ihnen beim Schliff manche Beule entgegen. Sie hören auf und bitten den Komposit-Spezialisten Peter Andrin Steiner sich die Bodensee-Version der CM 35 anzusehen. Es handelt sich um ein Erzeugnis der Carbomare Werft von Dirk Huneke aus dem schleswig-holsteinischen Büdelsdorf.

Dieses hatte der Eigner den Bootsbauern der Graf-Werft 2011 zur Fertigstellung gegeben. Endlos viel, so schien es zunächst, ist am 10,5 m Leichtbau nicht zu machen. Im Prinzip vier Jobs: Der Hubkiel muss in Betrieb genommen, das Interieur komplettiert und fehlende Beschläge ergänzt werden. Da der Eigner mit dem Finish der lackierten Bordwand nicht zufrieden ist, hat er die Graf Werft gebeten, sie neu zu lackieren. Voraussetzung dazu ist der besagte Schliff Ende des Jahres.

Angesichts der Schilderung der Schleifarbeit und der sichtbaren Beulen vermutet Steiner, „dass sich ungefähr ein Kubikzentimeter große Lufteinschlüsse im Laminat befinden. Die Luft hat sich infolge der Erwärmung ausgedehnt und das Laminat nach außen gedrückt“. Nun stellt sich die Frage, wie viele Blasen im Laminat des gesamten Bootes stecken. Wird es beim Segeln halten?

Bootsbau als Chemiestunde

Faserverbundstoff-Bauteile halten nur, wenn besagter Verbund aus Kernmaterial (meist Schaum), Gelegen (Faser) und Elefantenkleber (meist Epoxidharz) besteht. Kompositbootsbau ist eine Art Chemiestunde, wo der Bootsbauer innerhalb einer kurzen Zeit alles richtig machen muss. Er fügt das Bootsbaumaterial erst beim Bau zusammen.

Beispielsweise muss die Temperatur, das Mischungsverhältnis von Harz und Härter, die Harzmenge und der Anpressdruck unter der Vakuumfolie stimmen. Bei herkömmlichen Nasslaminaten muss es schnell gehen, weil das Harz-Härtergemisch rasch reagiert und – einschließlich eingerührter Luftblasen – fest wird.

Außerdem ist das Bauteil abschließend in einem weiteren Arbeitsgang nochmals zu erhitzen, damit die chemischen Prozesse zum Abschluss kommen. Nur dann hat das Harz die angenommenen Eigenschaften und verflüssigt sich bei erhöhten Temperaturen später nicht.

Klopfen statt Ultraschall

Die bei solchen Befunden übliche Ultraschallanalyse kommt aus Kostengründen nicht in Frage. Doch lassen sich faule Stellen im Laminat auch einfacher finden. Das gesamte Boot wird innen und außen abgeklopft. Das Innenlaminat scheint blasenfrei zu sein.

Nun wird eine vier Quadratmeter Fläche der Bordwand gezielt geschliffen und die verdächtigen Stellen werden angebohrt. Unter jedem bearbeiteten Quadratmeter der Außenhaut gibt es etwa zehn große Blasen. Das entspricht bei 30 qm Bordwand etwa 300 Blasen auf dem gesamten Rumpf. Dieser Befund stellt das gesamte Boot infrage.

Krängungs- und Bananentest

Abgesehen vom Transport an den Bodensee hat das Boot bisher nur unbelastet in der Halle gestanden. Hält es die Kräfte vom Rigg oder Kiel nicht, wäre jede weitere Beschäftigung mit dem Boot hinaus geworfenes Geld. Auch zur Klärung dieser Frage ist eine preiswerte Lösung gefragt.

Das Boot wird aufgetakelt und im Hafen von Langenargen einem 45 Grad Krängungstest unterzogen. „Wenn eine Karbon Struktur nicht homogen laminiert wurde, brechen bereits bei der ersten Belastung Fasern. „Das hört man“ erklärt Steiner.

Der Krängungstest verläuft aber ermutigend, ebenso der Biegungstest des Rumpfes mit einer zwischen Bug und Heck dicht über den Mastkragen gespannten Schnur bei Zug auf dem Vor- und Achterstag. Der bestandene Bananentest verlockt zu einem kühnen Probeschlag bei knapp sechs Windstärken. Er wird aber sicherheitshalber rasch beendet.

Fragwürdige Kielaufhängung

Abgesehen von der verbogenen Kielaufhängung (dem nächsten, aber reparablen Mangel) könnte sich die Rettung des Carbomare-Werftbaues lohnen, sofern die Kosten im Rahmen bleiben. „Normalerweise wird bei so einem Befund das defekte Laminat komplett heruntergenommen und ein neues aufgebracht, für dessen Ausführung und Festigkeit ich garantieren kann“ berichtet Steiner.  Leider würde das viel zu teuer.

Der Eigner entscheidet sich für die kleine Lösung. Dazu wird der Rumpf nun von den Bootsbauern der Graf-Werft komplett geschliffen. Die dabei durch Erwärmung entstehenden Beulen werden geöffnet, mit einem Gemisch aus Harz und Microballoons gefüllt und die „Vulkankegel“ beigeschliffen. Dann werden die entsprechenden Stellen mit Karbonpflastern unter Vakuumdruck verarztet.

Sicherheitshalber wird die Umgebung von Kiel und Ruder auf einer Fläche von 12 Quadratmetern mit zusätzlichen Gelegen nach Steiners eigenem Laminatplan verstärkt. Jetzt wird der gesamte Rumpf vorbereitend zu einer weiteren Lage Karbon gespachtelt und geschliffen, weil ebene Gelege mehr halten als wellig verlegte. Die Aushärtung des Nasslaminats erfolgt unter Vakuumdruck bei -0,92 bar. Abschließend wird das Harz durch nachträgliches Tempern des gesamten Rumpfes bei 56 Grad Celsius widerstandsfähiger und zäher gemacht. Nun folgt das Finish mit einer Lackierung der Außenhaut, wie der Eigner sie sich ursprünglich gewünscht hat.

Probleme mit der Kielaufhängung

Die verbogene Platte der Kielaufhängung ersetzt der Eigner in eigener Regie durch ein geeigneteres U-Profil. Die vorgefundene Konstruktion des Kielkastens selbst erschien Steiner gewagt: „Das Hubkielsystem steckt in einem Kasten, der etwa 70 Zentimeter über den Fußboden ragt. Das hält den Salon übersichtlicher und offener, erhöht aber die Belastung des Bodens und Rumpflaminats gegenüber einem zum Kajütdach oder Deck geführten Kielkasten um das vierfache.

Da der Kielkasten oben nicht seitlich abgefangen war musste auch hier eine effektive Lösung gefunden werden. Bei einem Tiefgang von mehr als zwei Metern mit einer Bombe von 1,3 t ergeben sich nach meinen Berechnungen über 16 Tonnen Seitenbelastung auf das betroffene Laminat. Deshalb wurde das obere Ende des Kielkastens sicherheitshalber seitlich mit abgewinkelten 5 mm Karbonplatten mit dem Boden verbunden. Die Konstruktion wird rechnerisch mit 30 Tonnen Last fertig“ berichtet Steiner.

„Es ist offensichtlich dass beim Außenlaminat kein Vakuum angewendet wurde. Hinzu kommt, dass der Rumpf anscheinend nicht nachgetempert ist. Beides gehört zum Standard bei der Fertigung von Komposityachten. Ich begreife nicht, wie ein Bootsbauer so etwas abliefern kann“ fasst Steiner zusammen. „Das rückt unser Handwerk in ein schlechtes Licht.

Verlorene Segelsaison, Ärger und Kosten

Abgesehen von der verlorenen Segelsaison hatte der Eigner eine Menge Ärger und Kosten. Er hat für den von Carbomare gelieferten, zu einem Drittel ausgebauten Rohbau einschließlich Karbonmast und –baum 150.000 Euro ausgegeben. Hinzu kamen etwa 50.000 Euro für die Fertigstellung des Bootes und Reparatur des Außenlaminats.

Zweitens wurde „das Schiff durch unsere Verstärkung und die Spachtelarbeiten etwa 80 kg schwerer. Das erscheint mir angesichts der vorgefundenen Probleme und bei einer angenommenen Verdrängung von 2,75 Tonnen vertretbar“ fasst Steiner zusammen. Die Segelsaison 2013 wird zeigen, ob das Boot auch bei harten Bedingungen hält und sich der Aufwand gelohnt hat.

CM 35 Bodenseeversion
Konstruktion: Thomas Röper

Werft: Carbomare
Länge: 10,50 m
Breite: 3 m
Tiefgang: Hubkiel mit 1,70 –  2,38 m
Bleibombe 1,3 t
berechnete Verdrängung 2,75 t
Segelfläche 73,91 qm
Karbonmast
Bauweise: Karbon/Epoxy Sandwich Rumpflaminat im Nass Verfahren, bestehend aus drei Lagen 200 gr/qm mit 0°, 45°, -45°, 90° und zwei Lagen 225 gr/qm für die Außenhaut mit 0 und 90° Ausrichtung. Harz System Larit 235/236, vorgesehenes Postcuring (Tempern) 24 Stunden bei 40 bis 50° Celsius.

Die Reparatur des Laminats und die Modifikationen am Boot wurden von Andy Steiner und seiner langjährigen französischen Kollegin Albane Leclec im Sommer vergangenen Jahres in Bodman am Bodensee ausgeführt. Die beiden arbeiten seit den 90er Jahren in der Chantier Naval de La Ciotat bei Marseille regelmäßig bei kniffeligen Projekten zusammen. In Südfrankreich waren sie neben der Reparatur und Umbauten an großen Yachten mit zwei Dutzend 36 m Karbonmasten beschäftigt. Leclec ist auch seit der Reparatur zahlreicher Wallys im Thema und hat als Kompositboot-Nanny gemeinsam mit ihrer Schwester auch das Laminat einer großen Yacht des Scheichs Al Maktoum von Dubai saniert.

Die insolvente Carbomare Werft kam bereits 2008 mit dem Bau der ersten „Mare“, einem Mini-Open-6.50-Prototypen für Segelprofi Jörg Riechers ins Gerede 

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Erdmann Braschos

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13 Kommentare zu „Bootsbau Ärger: Schwere Mängel bei Carbomare-Neubau“

  1. avatar Christian sagt:

    dieses Boot wird einen excellenten Wiederverkaufswert erzielen.

    Segelsport hat manchmal schon was mit Masochismus zu tun… und manche Bootsbauer sind echte Sadisten.

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  2. avatar Carl-Marcus Scheffler sagt:

    Und gibt es eine Stellungnahme von Carbomare zu dem Ganzen? Das wäre ja mal ganz interessant!

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  3. avatar Kielschwein sagt:

    Das will kein Schiffsbesitzer erleben!!! …..und ich weiß wovon ich spreche !
    Die “Snowflake” von Carbomare war ja auch nicht die sauberste aller Bootsbauarbeiten……meine letzte info war das die Firma hat zwischendurch Konkurs angemeldet gehabt…..

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    • avatar hurgahmann sagt:

      Das würde natürlich erklären, warum nicht der Hersteller Regress geleistet hat (war hier nicht letztens ein sehr guter Artikel über Mängelbeseitigung?)

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    • avatar Student sagt:

      Oh ja, “Snowflake”…das war nicht unsauber gearbeitet, das “Ding” war einfach sch#%ße…richtig grottig. keine ahnung, wer das kaufen sollte. Wir jedenfalls nicht!

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  4. avatar andreas sagt:

    Der arme Eigner tut mir leid. Klingt für mich leider wie ein Totalverlust. Er sollte sich mal bei Jörg Rat holen, der war mit seiner ersten Mare ja auch Carbomare-Kunde. Offenbar fehlt es bei den Jungs an elementaren Grundkenntnissen.

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  5. avatar Phil sagt:

    Bin ich eigentlich der Einzige der Madame Leclerc interessanter findet, als den Pfusch am Boot?! 😀

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  6. avatar Ballbreaker sagt:

    Warum nimmt man ein derartig mängelbehaftetes Boot ab?

    Dem Verkäufer Zeit und Gelegenheit für eine Mängelbeseitigung geben und wenn dies nicht zum Erfolg führt den Vertrag wandeln und der Werft den Kahn wieder auf den Hof stellen.

    Übersehe ich da was?

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 2 Daumen runter 6

    • avatar ...auch Geschädigter sagt:

      Na toll. So funktioniert es leider nur im Jura Seminar… leider nicht im richtigen Leben.

      Mein Dank an SR, so ein “heißes” Eisen fachgerecht aufzuarbeiten. Über die ersten beiden Projekte (Mini und das andere, oben benannte) besagter, gleichnamiger Werft mit m.M. Landeszuschüssen, (anderer Standort und Konkurs) ist ja ein Mantel des Schweigens gehüllt worden. Und dieses Schweigen, allerdings ein raunen an der Küste, konnte am Bodensee wohl leider nicht gehört werden.

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    • avatar Klugscheißer sagt:

      … wenn dann nur im rechtshistorischen Seminar – sowohl Wandlung und als auch der Konkurs sind seit über zehn Jahren Rechtsgeschichte,

      Der Werft das Boot wieder auf den Hof zu stellen, bringt insofern wenig, da man im Falle einer Insolvenz davon noch nicht die geleisteten Anzahlungen zurückerhält. Wenn dann bekommt man lediglich die Quote und die fällt höchstwahrscheinlich noch geringer aus, als das Schiff in dem Zustand wert ist.

      Die ganze Geschichte klingt so, als ob die Werft während des Baus bereits insolvent war und einfach irgendetwas zusammengeschustert hat, um etwas abliefern zu können. Es wäre interessant zu wissen, ob zu dem Zeitpunkt bereits ein insolvenzverwalter im Hause Carbomare war..

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  7. avatar Bernd sagt:

    150.000€ für ein 10,5m Carbon Dampfer incl. Rig ist aber auch ein Schnäppchen….da sollte man sich die bereits gebauten Boote sehr genau ansehen bevor man ordert.

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    • avatar andreas sagt:

      Alles Gerede, Rechtslage hin und her – Konkurs, darum zusammengeschustert…….ganz einfach: da hat sich einfach einer viel zuviel zugetraut und als die Sache einmal in Gang war gedacht, Augen zu und durch, wird schon keiner merken. Merkt man aber leider doch, irgendwann.

      Einzelbootsbau ist immer auch Vertrauenssache. Leider dem falschen vertraut…..

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