Bootsporträt: Der erste deutsche Sechser G-1 “Hamburg” glänzt wieder

Nobler Schlitten

Die 86 Jahre alte 6mR Yacht “Hamburg” segelt wieder auf der Kieler Förde. Der Reeder Ferdinand Laeisz hatte sie als ersten Sechser in Deutschland gebaut.

Sechser "Hamburg"

Hinter der ansehnlichen auberginefarbenen Bordwand der schönen “Hamburg” steckten gravierende Probleme. © Stapelfeldt

An Land herumstehende Boote sind meist ein betrüblicher Anblick. Bei diesem Schlitten ist das anders. Wie exquisite Sportwagen hat er den Vorzug, schon im Stehen zu fahren. Hinzu kommt, dass er ansehnlich lackiert und mit gerade angebrachtem Antifouling nach langer Pause bereit zum Slippen ist.

Bei diesem Geschoss handelt es sich vordergründig um ein Boot, eigentlich aber ein Asservat deutschen Segelsports. Der auberginefarbene Schlitten mit dem messerscharfen Bug ist der erste deutsche Sechser. Die „Hamburg“ wurde 1927 vom Reeder Erich F. Laeisz mit Blick auf die Olympia Regatten ‘28 in Antwerpen bestellt.

Sechser "Hamburg"

Fährt schom im Stehen. Der Sechser “Hamburg” startklar zur Saion 2013. © Stapelfeldt

Die „Hamburg“ gelangte bald nach Bremen, wurde zum Tourenschiff und hieß „Ziu“. Bei Kriegsende lag sie als Clubyacht des Akademischen Seglervereins Stettin im Oderhaff versenkt. Später war sie als „Swantewitt“ in polnischen Gewässern unterwegs.

Rettung in letzter Minute

Ende der neunziger Jahre machte ein polnischer Bootsbauer Andreas Krause von der Werft „Krause & Wucherpfennig“ auf das Schiff aufmerksam. Als Krause im Bootslagerplatz ankam hatten die Polen gerade zwei 80 Quadratmeter Seefahrtskreuzer von A&R verbrannt. Ein Horror für jeden Liebhaber klassischer Boote, für Krause, den Enkel von Henry Rasmussen, ganz besonders.

Sechser "Hamburg"

Das Boot des prominenten ersten Eigners Freiderich Laeisz ist den Aufwand wert © Stapelfeldt

Als Krause die mit einer klobigen Kajüte zum Fahrtenschiff entstellte „Duca II“ ex. „Swantewitt“ ex. „Ziu“ entdeckte, brauchte er einige Phantasie, um darin die berühmte, verloren geglaubte „Hamburg“ zu erkennen. Nachdem Krause mit dem morschen Gebälk die heftige Hürde der polnischen Zollbürokratie überwunden hatte, nahm er dem verbauten Bastard die Kajüte ab. Interessenten sollten sich unter der Antiquität wieder eine klassische 6 mR Yacht vorstellen können.

Nach einer Weile fand das Projekt einen Käufer. Ein Mediziner, der für die Segelleidenschaft nach Kiel gezogen war. Er ließ das Boot in Krauses Werft zu recht machen. Die ex “Hamburg” wurde schön, war traditionell geplankt, mit auberginefarbenem Freibord, mit Holzmast, durch Hülsen im Schandeck umgelenkte Wanten und Gocartfelgen große Repliken historischer Zweigangwinschen. Ein Schiff zum angucken, schwach werden und segeln.

Sechser "Hamburg"

Der abgeschliffene Runpf mit den neuen Niro- statt Messingschrauben für die dauerhafte Verbindung der Planken und Spanten wurde mit zwei Lagen 2,5 mm Khaja-Mahagonifurnier verstärkt. Im Bild die erste Furnierschicht © Stapelfeldt

Ein stilvolles, nicht unbedingt praktisches Schiff. Wie ich bei einem Schlag bei bockigem Wind auf der Kieler Förde erlebte, segelt der Sechser wie ein Hengst der zu lange im Stall gestanden hat. Krause und ich hatten gut zu tun. Die vier Tonnen des motorlosen Gefährts mit dosierter Restfahrt wie früher in das Hafenbecken des KYC zu bringen, war auch nicht einfach, klappte aber.

Erste Risse, zweiter Refit

Leider zeigte die Außenhaut des bewusst wie damals traditionell geplankten Bootes bald Risse. Eine dunkle Lackierung sieht zwar gut aus, heizt sich in der Sonne aber arg auf. Der Eigner war nicht glücklich. Ähnlich wie der Rumpf bekam auch die Beziehung zwischen Eigner und Krause Risse. Die aufwändig restaurierte „Hamburg“ wurde dann bei der Flensburger „Robbe & Berking Classics“ teilweise ausgeleistet und neu lackiert. Es war eine eher kosmetische Maßnahme.

Sechser "Hamburg"

Schichtbetrieb. Beim Anbringen der Furnierstreifen musste es wegen der Topfzeit des Epoxidharzes und der langen Streifen Hand in Hand gehen © Stapelfeldt

„Als das Boot im Sommer 2011 zu uns kam, haben wir als erstes eine elektrische Pumpe installiert, da man sonst täglich lenzen musste ohne dass gesegelt wurde. Es leckte an jedem Plankenstoß, in der Sponung, am Achtersteven und so weiter“ berichtet Jo Vierbaum von der Bootswerft Stapelfeldt an der Schlei. Eine Untersuchung des Bootes ergab gravierende Mängel, die Verarbeitung ungeeigneter Materialien oder unsachgemäße Verwendung. Zeit für einen neuen Anlauf.

Die „Hamburg“ wurde 2012 von Jo Vierbaum und seinen Bootsbauerkollegen umfassend saniert. Angesichts der gerade mal fünf Jahre zurückliegenden Überholung und der Flickschusterei in Flensburg war am Schiff allerhand zu tun. Teil der Maßnahme war ein Systemwechsel von der traditionell waagerechten Beplankung zu einer starren Außenhaut mit aufgeklebten Furnieren.

Sechser "Hamburg"

Zur Versteifung des Bootes erhielt die Hamburg mehrere zusätzliche Rahmenspanten aus lamellierten, schichtweise verklebten Eichenstreifen © Stapelfeldt

Nach der abwechslungsreichen 86-jährigen Geschichte mit drei kostspieligen Sanierungen ist der neuen alten „Hamburg“, diesem noblen Schlitten, der bereits auf dem Slipwagen stehend fährt und natürlich ihrem Eigner, eine schöne Saison und mit trockener Bilge zu wünschen.

Sechser G-1 “Hamburg”

Konstruktion: Henry Rasmussen
Werft: Abeking & Rasmussen
Baujahr: 1927
Baunummer: 2283
Länge: 10,98 m
Breite: 2,08 m
Gewicht: circa 4 t
Großsegel: 32,77 qm
Genua: circa 30 qm

Sanierung: Bootswerft Stapelfeldt

Geschichte der “Hamburg”

Sechser "Hamburg"

Blick zum Vorschiff mit den beiden Fallwinschen und den Püttingen am Mastfuß der am Schandeckel umgelenkten Wanten © Stapelfeldt

In seinen 1956 veröffentlichen Memoiren „Yachten, Segler und eine Werft“ schreibt Henry Rasmussen: „In Amerika war ich häufiger gefragt worden, warum Deutschland nicht mit einem 6er vertreten sei. Als ich dann im Herbst 1926 aus Amerika zurückkehrte besprach ich alles mit meinem Freund Laeisz. Herr Laeisz ergriff auf meine Anregung hin sofort die Initiative und gab einen 6er in Auftrag. Somit entstand der erste 6er nach dem Kriege, die „Hamburg“. Herr Laeisz wurde vielfach wegen seiner neuen Ideen angefeindet. Böse Leute nannten mich den „Geburtshelfer“ von Erich F. Laeisz“ erinnert der Konstrukteur, Segelfunktionär und Bootsbauer die gedeihliche, und natürlich auch der Werft förderliche Zusammenarbeit.

Sechser "Hamburg"

Teil des Maßnahmenkatalogs zur Rettung der Hamburg durch die Bootsbauer an der Schlei war der Einbau von Bodenwrangen im hoch belasteten Mastfußbereich. Hinzu kamen zusätzliche Spanten aus lamellierter Eiche © Stapelfeldt

Erich Ferdinand Laeisz (1888 – 1954), war Erbe der traditionsreichen, 1824 gegründeten Reederei der Flying P-Liner, die im Salpeter Geschäft, dann im Fruchttransport unterwegs war. Privat war der Rasmussen Freund Laiesz zwischen den Kriegen mit vielen Neubauinitiativen maßgeblicher Förderer des Segelsports. Nach dem Schärenkreuzer und Sechser setzte sich der visionäre Reeder für das Starboot ein, eine bis heute aktiv gesegelte Klasse. Auf der Hamburger Außenalster, dem Hausrevier des ehemaligen NRV-Präsidenten Laeisz segeln die Stare noch heute den “Erich-F.-Laeisz-Preis”.

Wie sich anhand von Aufzeichnungen der Reederei und zufällig auf einem Flohmarkt entdeckten Unterlagen rekonstruieren ließ, lebte der Laeisz damals auch wegen seiner ständigen Bootsneubauten über seine Verhältnisse. 1926 beispielweise hatte er seiner Reederei 554 Tausend Reichsmark, das entspricht einer heutigen Kaufkraft von deutlich über zwei Millionen Euro, für private Zwecke entnommen. Von 1927 bis 31, einem Zeitraum von gerade mal sechs Jahren, bestellte Laeisz neun Jollen und Yachten. Anlässlich der permanenten Order neuer Boote übernahm er den bei seiner Reederei üblichen Brauch, Schiffe des Hauses ausschließlich mit dem Initial „P“ beginnende Namen zu geben, auch für seine privaten Boote. Die „Hamburg“ war eine Ausnahme.

1927 bestellte er neben der „Hamburg“ den 30er Schärenkreuzer „Pan“, im Jahr darauf einen Sechser namens „Pan, der 1929 durch die A&R Baunummer 2508 ersetzt wurde. Es folgten diverse, von Laeisz begeistert gesegelte Jollen, ein 40er Schärenkreuzer und der neulich vorgestellte Dreißiger „Pasch“. 1931 folgte das Starboot „Paka“. Ein schöne Marotte.

avatar

Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
Spenden
http://blueocean.berlin/magicmarine-team-werden/

Ein Kommentar „Bootsporträt: Der erste deutsche Sechser G-1 “Hamburg” glänzt wieder“

  1. avatar Peter Kaus sagt:

    Hallo Herr Braschos,es ist schrecklich,zu sehen ,wie wieder ein klassischer Sechser zum “hotrod” in Anlehnung an
    die Auto -Oldtimer unwiederruflich vernichtet wurde.Damit ist der Yacht seine historische Ursprünglichkeit genommen.Jetzt hat der Eigner ein schönes modernes Epoxid(Kunststoff)Boot.Das kann auch weiterhin ziemlich ungenutzt in der Box rumliegen, allerdings nun mit dem Vorteil,sich kaum darum kümmern zu müssen.Denn Wasser kommt nun wie bei allen Kunststoffbooten garantiert nicht mehr rein.Der jungen,aufstrebenden Werft Stapelfeld kann ich nur gratulieren,hat sie doch bewiesen,für Geld machen wir alles.Schade, das dort guter klassischer Bootsbau auch nicht mehr möglich ist. Mit freundlichen Grüßen Peter Kaus

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 4

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *