Bootsporträt: Marine-Offizier Ostermann und sein Cornish Crabber

Der Holzwurm und das Lächeln

Stephan Boden, alias Digger Hamburg, segelt mit dem Kapitän zur See Andreas Ostermann auf dessen sieben Jahre lang restaurierten Cornish Crabber.

Cornish Crabber

Andreas Ostermann auf seinem Cornish Crabber. © Digger Hamburg

Die Kappelner Brücke öffnet um Punkt 7:45 Uhr. Nur zwei Boote wollen an diesem schönen Morgen im Spätsommer Richtung Ostsee. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Eine moderne Yacht schiebt sich vor einen kleinen Gaffelsegler. Als die Durchfahrt freigegeben wird, dreht der Einzylinder Diesel des klassischen Bootes hörbar nagelnd hoch.

„Ich habe das Schiff in einer Ecke auf einer Werft in Meckenheim bei Bonn gesehen”, sagt Andreas Ostermann, 63 Jahre alt. “Als ich dort für eine von mir restaurierte BM Jolle Material kaufte verlor ich daran sofort mein Herz“.  Er bekommt leuchtende Augen und lächelt seelig beim Erzählen. „Dieses Schiff“ ist ein Cornish Crabber Mark I, Baujahr etwa 1976 – in einem hundsmiserablen Zustand.

Cornish Crabber

Digger (r.) segelt mit Ostermann über die Schlei. © Digger Hamburg

Was andere vor einem Kauf abschreckt, war für Ostermann geradezu ein Kaufgrund. Eine Woche später bietet ihm der Eigner das Boot zum Kauf an. Auf Ostermanns Preisangebot in Höhe von 5000 Mark stockt er kurz und sagt dann: „Ich habe mir mehr vorgestellt. Also ein „Hunni mehr muss drin sein.“ Schon war Ostermann Besitzer des heruntergekommenen Gaffelseglers. Ein Restaurierungsprojekt mitten im tiefsten Rheinland.

Sondermüll Entsorgung

Cornish Crabber

Blick ins Crabber Cockpit zu Beginn der Arbeiten. © Ostermann

Die größte Schwierigkeit war laut Andreas Ostermann zunächst der ganze Sondermüll an Bord. „Ohne die Möglichkeiten einer Werft vor Ort wäre ich die ganzen Farbtöpfe und Dosen überhaupt nicht losgeworden. Das ganze Boot war voll mit dem Zeug. Und alles, was Holz war, musste eh rausgerissen und direkt vor Ort entsorgt werden.“ Vor den anfallenden Arbeiten war ihm niemals bange – im Gegenteil. Wieder setzt der heutige Ruheständler sein spezielles Refit-Lächeln auf und schmunzelt: „Das war ein Fall für mich. Ich bin ein Holzwurm.“

In den folgenden sieben Jahren arbeitete der Freund klassischer Yachten am Feierabend zu Hause in der eigenen Holzwerkstatt und an den Wochenenden unter einem Zelt im Vorgarten, in dem die „Cornish Maid“ untergebracht war. „Diese Lösung  war ideal, da ich sonst mit meiner Frau Ärger bekommen hätte.” So war er bei seiner Hobbyarbeit wenigstens nach dem Job zuhause.

Cornish Crabber

Das Innenleben der “Cornish Maid” © Digger Hamburg

Wer nun denkt, Ostermann sei Bootsbauer oder Tischler, liegt ziemlich falsch. Der heutige Pensionär war bis 2011 Kapitän zur See bei der Deutschen Marine, am Ende seiner Dienstzeit zuständig für die Ausbildung von fast  6000 Soldaten. Dazu ist er Marineflieger und flog auf dem Seenotrettungshubschrauber Sea King.

Er war unter anderem Mitglied des Führungsstabes der Marine und hatte häufig einen Job, der ihn nicht selten 14 Stunden am Tag forderte. Fast seine gesamte Freizeit opferte er dem Refitprojekt. „Der Rest an Zeit ging parallel für einen anderen Bau drauf: wir haben in dieser Zeit noch ein Wohnhaus aus Holz gebaut.“ Ein Holzwurm halt.

Viele morsche Balken

Cornish Crabber

Ostermann freut sich über den entspannten Schlag auf der Ostsee. © Digger Hamburg

Das Boot wurde vom Deck befreit, zahlreiche Balken waren morsch, und der Innenausbau konnte nur noch als Torf zu benutzt werden. Bereits bei der Entsorgung des Altholzes plante Ostermann den Neuaufbau. „Ich wollte den Crabber möglichst im Original wiederherstellen, mit einigen Modifikationen, die mir das Leben an Bord komfortabler gestalten sollten.“  Bei einem Hamburger Lieferant für Zubehör klassischer Yachten fast schon als Familienmitglied aufgenommen.  Aber alles, was er selbst machen konnte, entstand in der eigenen Werkstatt.

Cornish Crabber

Belegnägel im alten Stil. © Digger Hamburg

Zur Begründung seiner Leidenschaft sagt er: „Die Fliegerei  war mein Job, aber die Seefahrt war und ist meine Leidenschaft. Ich bin nie auf den Gedanken gekommen, in meiner Freizeit zu fliegen. Wohl aber zu segeln. Seefahrt bedeutet für mich die größte Freiheit, die es gibt.“

Ostermann beherrscht die Astronavigation per Sextant zu Wasser und in der Luft. Über seine gesamte seemännische Ausbildung, Fahrten auf der Gorch Fock, auf Schulungsyachten und mit  Zerstörern erzählt er wieder mit diesem speziellen Lächeln. Bei ihm ist die Kombination aus Wasser und Holz offensichtlich Auslöser emotionaler Wallungen.  Über das Fliegen dagegen spricht er eher professionell. Andreas Ostermann ist Seemann.

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Digger Hamburg

Kleiner segeln – größer leben. Filmemacher und Autor Stephan Boden verbringt jeden Sommer auf dem Wasser. Früher auf seiner VA18 “Digger” jetzt auf der Bente24, die er selbst initiiert hat. “Auf See habe ich Zeit, das schärft den Blick für Details.” Zu seinem Blog geht es hier

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5 Kommentare zu „Bootsporträt: Marine-Offizier Ostermann und sein Cornish Crabber“

  1. avatar Jan sagt:

    Echt ein schickes Teil. Und Hut ab für die Arbeit, die da drin steckt. In 25 Jahren…dann leg ich auch los….

    Ich weiss ja nicht, wie viele davon hier auf der Ostsee rumschippern, aber letzten Samstag sind wir in der Warnow an so einem Teil vorbei gefahren.

    Danke, dass es immer noch genug “Verrückte” gibt, die sowas erhalten. Nur eine Frage: Wann gibts das Teil auf Foils?

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 13 Daumen runter 1

    • avatar Heinrich sagt:

      Jan, ich würde an Deiner Stelle nicht 25 Jahre warten, sondern jetzt loslegen. Wer weiß schon was morgen ist…

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      • avatar Jan sagt:

        Würd ich ja gerne, nur leider fehlt der Platz, das übrige Kleingeld und bis zur Rente in 25 Jahren hab ich ein Zeitproblem….
        Ansonsten jederzeit….

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  2. avatar Andreas Ostermann sagt:

    Moin Jan,

    auf der Warnow habt ihr sicher die “Betty” gesehen. Sie ist in Rostock beheimatet.

    Gruß aus Schleswig

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