Braschosblog: Jürgen Peter, Entwickler von Fahrtenkatamaranen

Kat-Kompetenz aus Kiel

Mit Reacher kommt der Formatsystem-Katamaran bereits bei leichtem Wind auf Touren. © Peter

Mit Reacher kommt der Formatsystem-Katamaran bereits bei leichtem Wind auf Touren. © Peter

Entwicklung und Bau von Fahrtenkats gilt als Domäne sendungsbewusster Individualisten, der Träumer und Phantasten. Die wiederum ist fest in der Hand von Franzosen oder Engländern. Ausnahme ist Jürgen Peter.

Der Kieler Katamaran Spezialist beschäftigt sich seit drei Jahrzehnten mit tourentauglichen Zweirümpfern. 1984 begann er mit seinem ersten elf Meter Kat. In den 90ern knobelte er seine pfiffige Pendelform für den zeit- wie kostensparenden Bau der Rümpfe aus. 40 Exemplare seiner 50 Entwürfe sind bislang gebaut: hierzulande, in Polen, Tschechien, auf den Kanarischen Inseln oder Dubai. In England beginnt gerade die Serienfertigung bei Broadblue mit drei Booten und im fernen Süden laminiert ein treuer Peter-Kunde gerade wieder zwei offene Katamarane für den Tagescharter.

Peters Büro in der Holtenauer Straße 74 ist so aufgeräumt wie das eines Rechtsanwalts oder Steuerberaters. Hier wütet nicht das kreative Chaos. Peter ist eher Freund ergebnisorientierter Arbeit. Seine Firma heißt ja auch Formatsystem.

Peters Pendelform

Hinter dem sachlich-spröden Namen vermutet man eher einen Büro- oder Inneneinrichter, als einen Einmannbetrieb zur Verwirklichung lang gehegter Seglerträume unter südlicher Sonne. Doch passt der Name ganz gut zur geballten Katamarankompetenz des Endfünfzigers.

Peter hat über den preiswerten Bau seiner Mehrrümpfer nachgedacht. Er nutzt das industrieübliche Prinzip der so genannten „Pendelform“ mit symmetrischen Querschnitten. Darin lassen sich aus einer Form gleich beide Seiten eines Katamaranrumpfes fertigen. Die linke Hälfte des bb- und des stb-seitigen Rumpfes in der einen Form. Die rechte Hälfte des bb- und des stb-seitigen Rumpfes in der anderen. „Letztlich beträgt der tatsächliche Formenanteil knapp 40 Prozent der gesamten Oberfläche eines Katamarankasko“ fasst Peter zusammen.

Auch ist die Arbeit an der Pendelform körpergerecht. Das kommt der Qualität zugute. Jeder, der mal seine Wohnung Tapeziert hat, weiß, wie praktisch es ist, überall bequem hin langen zu können. Außerdem ist die ausgehärtete Rumpfhälfte handlich. Sie lässt sich Peter zufolge von vier Mann ohne Kranhilfe aus der Form heben.

Antwort auf die Anspruch- und Kostenschere

Das ist Peters Antwort auf die Besonderheit des Nischenmarktes, wo es über Einzelbauten hinaus allenfalls kleine Stückzahlen gibt und zugleich Variantenreichtum gefragt ist. Jeder Eigner hat spezielle Vorstellungen von seinem Boot. Die Pendelform ist auch ein bemerkenswertes Beispiel der etwas aus der Mode gekommenen deutschen Tüftlertugend.

Allerdings hat der Katamaranbau mit unebenen und aus Gewichts- wie Kostengründen unverkleideten GfK-Innenschalen den Nachteil, dass sie nicht so ansehnlich sind, wie innen komplett verblendete Kunststoffschiffe.

Peter ist passionierter Läufer. Man merkt es dem sympathisch bescheidenen Mann an seiner ausgeglichen entspannten Art an. Er gibt auf angenehm unaufgeregte Weise Einblick in seine Arbeit. Auch bei der Entwicklung und der Baubetreuung von Fahrtenkatamaranen wird halt mit Wasser gekocht. Aber er hat nicht bloß alles mal durchdacht, berechnet und dokumentiert. Er kommt auch flink an seine Unterlagen ran. Alles ist so abgelegt, dass Peter praktisch jede Frage rasch per Mausklick am Rechner beantwortet.

Läufer und Effizienzmensch

Laminierpläne und Materialspezifikationen, Preise, Statistiken – einfach alles ist wie in einem großen, professionell geführten Konstruktionsbüro griffbereit. Freund Excel, ein CAD Programm oder eine gängige Yachtkonstruktionssoftware zaubert alles auf den Bildschirm. Peter ist Effizienzmensch. Nur so lassen sich seine Katamarane in der halben Welt, sei es in Berlin, Köln, auf Fuerteventura oder sonst wo individuell und preiswert bauen.

Peter entwirft, fertigt im Kundenauftrag mit Werften seines Vertrauens. Er stellt Bausätze für Kosten bewusst denkende Hobbybootsbauer zusammen. Er fliegt als Baustellenleiter und Kat-Geburtshelfer in die halbe Welt und überlegt sich zwischendurch zuhause in Kiel, wie seine Zweirümpfer im Detail besser werden können. Die Trampoline lässt er aus einem speziell reckfreien, UV-stabilen Material fertigen und beliefert auch andere Werften und Selbstbauer damit.

Er beobachtet genau, was Italiener wie Brenta oder Bassani machen. Peter kennt die B-Yachten oder Wallys genau. Er bewundert und lebt das Motto, wonach „ein Design ist erst dann gelungen ist, wenn sich nichts mehr wegnehmen lässt“. Diese funktionale Ästhetik versucht er mit überarbeiteten Reffsystemen, Steuerrädern und abgespeckten Quadranten auf seine Arbeit zu übertragen. 

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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2 Kommentare zu „Braschosblog: Jürgen Peter, Entwickler von Fahrtenkatamaranen“

  1. avatar jorgo sagt:

    Der Vollständigkeithalber sei erwähnt, dass es auch in der leinen Stadt Arnis einen seit Jahrzehnten aktiven deutschen Kat-Entwickler und Enthusiasten gibt: Stefan Hüttermann baut erstaunlich geräumige und dennoch gutsegelnde Boote..

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  2. avatar Manfred sagt:

    Danke SR für den guten Artikel.
    Ja, es gibt auch tolle, individuelle Fahrtenkats aus Norddeutschland. Jürgen Peters mit seinem Konstruktionsbüro und Stefan Hüttermann mit seiner Werft, zählen zu den Besten und Zuverlässigsten im Markt.

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