Braschosblog: Neues Dijkstra-Projekt – “Exo”, gestalterischer An- oder Abtörner?

Projekt Glasboot - Aprilscherz?

amorphe Formen am Übergang zwischen Bordwand und Deck: Die "Exo" wird gestalterisch eine Art segelnder Jugendstil. © Dykstra/Claydon Reeves

amorphe Formen am Übergang zwischen Bordwand und Deck: Die “Exo” wird gestalterisch eine Art segelnder Jugendstil. © Dykstra/Claydon Reeves

Es ist zunehmend üblich, Yachten zunächst von innen her, unter dem Gesichtspunkt des Bordlebensgefühls, hinsichtlich Komfort, Platz und Ausblick zu entwickeln und dann erst – in einem zweiten Schritt – das ganze möglichst ansehnlich zu verpacken. Diese Priorität ist vielen Deckssalonyachten und Fahrtenbooten mit seitlich in die Bordwand eingelassenen Fenstern anzusehen. Die sogenannten Kellerschiffe, in denen man ohne Kontakt zum Geschehen ringsum im Hafen oder unterwegs auf See unter Deck eingesperrt hockt, scheinen passé zu sein.

Bisher bereitet es den Yachtkonstrukteuren, den Strukturingenieuren, Werften, Zulieferern und ganz besonders den von Haus aus skeptischen Klassifikationsgesellschaften bei großen Einzelbauten bereits Kopfzerbrechen, ein Deck oder einen Rumpf mittschiffs mit mehreren in der Summe großflächigen Ausschnitten als Schweizer Käse so zu bauen, dass er hält. Ganz einfach, weil die Kräfte aus dem Rigg und die Spannungen infolge der Verformung eines am Wind gesegelten Bootskörpers um all die Skylights, Luken oder Niedergänge herumgeleitet werden müssen. Da ist mancher Griff in die Trickkiste nötig.

46 m Slup mit panaorama verglastem Schandeckel und Bordwand. © Dykstra/Claydon Reeves

46 m Slup mit panaorama verglastem Schandeckel und Bordwand. © Dykstra/Claydon Reeves

Es gibt klare Limits für vergrößerte Skylights, Luken, oben herum und seitlich Panorama-verglaste Segelyachten. Außerdem ist schlagfestes Glas ziemlich schwer. Wer genauer hinsieht, entdeckt unter und hinter den ganzen cool abgedunkelten oder abgedimmten Fensterflächen versteckte Decksbalken oder Rahmenspanten. Manchmal wird die Verglasung auch von einem Fachwerk kleinteiliger Rahmen und Unterzüge gehalten. So sieht das Boot von außen aus wie eine Bank und das coole Designobjekt hält den Belastungen dennoch stand. Siehe die 37 m Slup „Ghost“.

Der Serienyachtbau folgt diesem Trend zu möglichst viel Durchblick verhalten und vorsichtig tastend, wie beispielsweise die neue Hanse 575 mit ihren vielen Fenstern.

Boot als Aquarium

Kein Weltraumbahnhof, sondern der Salon der 46 m Slup "Exo" abends mit galaktischen Aussichten  © Dykstra/Claydon Reeves

Kein Weltraumbahnhof, sondern der Salon der 46 m Slup “Exo” abends mit galaktischen Aussichten © Dykstra/Claydon Reeves

Das Amsterdamer Yachtkonstruktionsbüro Dykstra verblüfft nun mit dem Rendering einer großzügig wie eigenwillig verglasten 46 Meter Slup. Dykstra hat bislang mit Klassikermodernisierungen und seglerisch beeindruckenden „Spirit of Tradition“ Booten und neulich mit der riesigen Ketsch „Hetairos“, einem Wolf im Schafspelz, von sich reden gemacht. Bei diesem yachtbaulichen Meilenstein wurde die Modernität und wegweisende Bauweise so clever versteckt, dass sie sich erst nach dem Setzen der Segel offenbart.

Vom Segelroboter „Maltese Falcon“, einer zeitgemäßen Interpretation des Rahseglers einmal abgesehen war das Büro Dykstra auf die bewährte Formensprache traditioneller Boote, der J-Class, der Lotsenkutter, Schoner oder Rahsegler abonniert.

Komfort wie bei Motoryachten dank seitlich eingelassener Panorama Fenster© Dykstra/Claydon Reeves

Komfort wie bei Motoryachten dank seitlich eingelassener Panorama Fenster© Dykstra/Claydon Reeves

Am Konzept der „Exo“ haben die englischen Stylisten von Claydon Reeves mitgewirkt. „Statt den Segler im Schiff einzusperren, soll er von diesem Boot aus möglichst ungehindert nach draußen und bei Krängung auch ins Wasser gucken können“ heißt es über das kühne Projekt. Das Boot also als Aquarium mit den Fischen draußen statt drinnen. Sind wir nicht eh alle sporadische Besucher des Meeres, glücklich über einen gelegentlichen Blick in die Tiefe?

Das Büro Claydon Reeves hat sich bislang ausschließlich mit Motoryachten befasst: „Wir entwerfen einmalige und kühne Yachtinterieurs und Exterieurs von 15 bis 110 m Länge“ heißt es. Wie bei modernen Motoryachten üblich, sollen in die Bordwand der „Exo“ großflächige Panoramafenster eingelassen werden.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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5 Kommentare zu „Braschosblog: Neues Dijkstra-Projekt – “Exo”, gestalterischer An- oder Abtörner?“

  1. avatar Klaus sagt:

    Schönes Beispiel dafür, dass man sich Geschmack und Kultur mit Geld nicht kaufen kann.

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    • avatar SR-Fan sagt:

      Naja, da gibt es aber deutlich schlimmere Beispiele (m. E. auch der Malteser Falcon).

      Grundsätzlich finde ich die Idee mit größeren transparenten Flächen aber gut und zukunftsweisend. Gerade mit dem “elektrischen Blindmechanismus” finde ich das interessant. Mal sehen wie es dann in Natura aussieht. Ich denke, eine Menge Leute hätten Luca Ende der 80er auch für verrückt erklärt und einige Jahre später galt er als Trendsetter.

      VG

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  2. avatar hurghamann sagt:

    Über Geschmack lässt sich streiten, über Seetüchtigkeit nicht. Wenn Materialien gefunden werden die im Rumpf die Schlagbelastung eines treibenden Objekts abkönnen, analog zu den normal verbauten Materuialien – why not? ( meins wärs nicht)

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  3. avatar Dietmar DL4HAO sagt:

    … und auf keinen Fall die Isoliereigenschaften (nicht elektrisch sondern Wärme/Kälte) vernachlässigen. Da sehen ich nicht klar sondern eher schwarz 🙂

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  4. avatar joe2236 sagt:

    endlich mal etwas mut zu neuem – jules verne läßt grüßen

    mir gefällts und wenn das mit den materialien auch hinhaut.

    ich würds kaufen.

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