Braschosblog: “Tulip” 27 Meter Slup mit mutiger Farbwahl

Ton in Ton

Eisblauer Aufbau zum Rumpf in dunkelbraun-metallic: Eine spezielle, aber dezente Farbkombination. Im Mittelmeer, dem Heimatrevier der "Tulip", dürfte sie deutlicher zur Geltung kommen.  © K&M Yachtbuilders

Eisblauer Aufbau zum Rumpf in dunkelbraun-metallic: Eine spezielle, aber dezente Farbkombination. Im Mittelmeer, dem Heimatrevier der “Tulip”, dürfte sie deutlicher zur Geltung kommen. © K&M Yachtbuilders

Dass Boote mit aufmerksamkeitsstarker bis eigenwilliger Farbwahl zu Wasser gelassen werden, ist nichts Neues. Das wird seit einer Weile so gemacht. Die Dehler Werft schockierte in den Siebzigern mit Gelcoat in den Trendfarben Sinalco-Gelb, Bluna-Orange oder äh-ja speziell-Lindgrün. Das tat lange weh, gilt mittlerweile aber schon als retro. Die Frage, ob es deshalb nicht mehr wehtut, muss in diesem Zusammenhang offen bleiben.

Bei Hanse wurde mal mit sogenanntem „Trabbi Blue“ und einer Art pissgelb experimentiert. Nachdem die Gebrüder Luca und Toni Bassani 1985 ihren Sechser „Nivola“ nach Farbvergleich mit dem daneben abgestellten Auto in Ferrari-Rot in den Genfer See heben ließen, war es nur noch eine Frage der Chemie und des Mutes, bis in den vergangen Jahren Boote in Himmelblau-Metallic wie die Wally „Carrera“, die Wally “Tiketitoo“ in Möhren-Metallic oder weitere Boote in je nach Lichteinfall changierenden Flip-Flop Lackierungen aus der Halle geschoben wurden.

Probeschlag der Aluminiumslup bei deftigen Bedingungen. Typisch Frers der kastenförmige Aufbau mit tischbeinartigen Stützen an den Ecken. © K&M Yachtbuilders

Probeschlag der Aluminiumslup bei deftigen Bedingungen. Typisch Frers der kastenförmige Aufbau mit tischbeinartigen Stützen an den Ecken. © K&M Yachtbuilders

Möhren-Metallic oder Schweinchen-Rosa?

Als stilbewusster Italiener trug Bassani zum Rumpf, Aufbau, Baum und Mast seiner „Tiketitoo“ übrigens einen farblich dazu passenden Blouson. Zwischendurch gab’s mal eine Wally in Schweinchen-Rosa und neulich wurde die „Better Place“  in einem dann doch gewöhnungsbedürftigen Leuchtendblau-Metallic, wie man es von den Autoscootern der Kirmes kennt, aufgetakelt.

Die Farbwahl war angeblich vom sogenannten „Marocco Blue“ des Continental GT der Nobelmarke Bentley inspiriert. Alles klar. Anything goes? Oder ist es vielleicht nur eine Frage der Sonnenbrille, der Perspektive und auch der Gelassenheit, wie man vis-à-vis mit den schrilleren Varianten klar kommt.

Eisblau-Metallic zu dunkelbraun-metallic

Der Mix machts: Senkrechter Vorsteven und klassisches Yachtheck der Frers Konstruktion.  © K&M Yachtbuilders

Der Mix machts: Senkrechter Vorsteven und klassisches Yachtheck der Frers Konstruktion. © K&M Yachtbuilders

Aber auf die Idee, den Aufbau auf einem ansonsten Dunkelbraun-Metallicfarbenen Rumpf Ton in Ton zum Karbonmast und Park Avenue Baum in Eisblau-Metallic spritzen zu lassen, ist bislang einzig der holländische Eigner dieser soeben abgelieferten knapp 27 Meter langen Aluminium-Slup gekommen.

Das Boot heißt „Tulip“ und wurde von German Frers jr. entworfen, dessen Vater seit den neunziger Jahren das sogenannte Tischbein-förmige Deckshaus als markante wie klar strukturierte Form propagiert. Sogar die hellgrauen Fugen des Teakdecks sollen farblich zum Eisblau-metallic von Aufbau, Baum und dem 33 m langen Karbonmast passen, berichtet die Werft K&M Yachtbuilders stolz.

Ein auf- und abgeräumtes Deck mit antiquiert großem Steuerrad, so wie es die Maxis früher hatten  © K&M Yachtbuilders

Ein auf- und abgeräumtes Deck mit antiquiert großem Steuerrad, so wie es die Maxis früher hatten © K&M Yachtbuilders

Allerdings sind aus den geplanten 43 Tonnen des Schiffes 51 geworden, was entweder an der sogenannten Konstrukteurstonne liegen kann, die nicht ganz der metrischen entspricht, oder an der etwas generösen Ausstattung mit gewichtigen Gadgets.

Bemerkenswert ist auch das große Steuerrad mit 2,20 m Durchmesser. Diese Lösung mit dem im Plichtboden eingelassenem Rad war früher bei Regattabooten wie den Maxis üblich, ist aber aus der Mode gekommen.

Abgesehen von der gewöhnungsbedürftigen Farbkombination, zeigen die Fotos typisch Frers einen ansehnlichen Rumpf mit göhlartig goldenem Zierstreifen. Stolz berichtet die Werft von einklappbaren Plichtbänken und ausfahrbaren Rückwänden aus Glas, die als angehobenes Süll Wind und Spritzwasser abhalten.

Praktisch wäre es, wenn sich diese Scheiben auch als Sichtschutz mit gezielt gedimmtem Glas verwenden lassen, falls die „Tulip“ an der Cote d’ Azur neben einem richtig schrill lackierten Boot liegt.

Die Fugenmasse des Teakdecks paßt zum eisblau-metallic der Rigg- und Aufbaulackierung. Frers ist ein Freund der funktional klaren Formensprache. © K&M Yachtbuilders

Die Fugenmasse des Teakdecks paßt zum eisblau-metallic der Rigg- und Aufbaulackierung. Frers ist ein Freund der funktional klaren Formensprache. © K&M Yachtbuilders

 

Daten: Länge: 26,83 m, Länge Wasserlinie: 22,04 m, Breite 6,09 m, Tiefgang (Hubkiel) 5,10 bis 3,20 m, Verdrängung circa 51 t, Segelflächen: 190 qm Groß, 140 qm Fock, 78 qm Stagfock, 506 qm Gennaker, 336 qm Code 1, 50 qm Trysegel, 49 qm Sturmfock, Maschine 215 PS Perkins-Sabre

Die Seitenansicht zeigt die modernen Anhängsel mit säbelartigem Ruderblatt und Hubkiel unter einem halbwegsw flachen U-Spant der 51 t Slup.  © K&M Yachtbuilders

Die Seitenansicht zeigt die modernen Anhängsel mit säbelartigem Ruderblatt und Hubkiel unter einem halbwegsw flachen U-Spant der 51 t Slup. © K&M Yachtbuilders

 

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Erdmann Braschos

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3 Kommentare zu „Braschosblog: “Tulip” 27 Meter Slup mit mutiger Farbwahl“

  1. avatar NK sagt:

    Wie wär es denn mal mit dem in den 70´ger Jahren gern in der Badausstattung genommenen “Bahamabeige”…?

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  2. avatar Jan-X sagt:

    …oder -Achtung, jetzt wirds echt schrill: HANDLÄUFE!!! Verdammt! Wann ist “Eine Hand für dich, eine Hand für Schiff” uncool, unstylish, so-like-eighties geworden??? Der Hilfsmokel, der jetzt jedesmal nach vorne zu den Fallwinschen laufen darf (die man bei Nässe bequem im Gleitflug über die ach so dekorativ im Deck eingelassenen Glasflächen erreicht) tut mir jetzt schon leid. Und die Duchten sehen aus als wären sie von Ikea… Ne ne, die Farbe ist für mich noch das geringste Problem an dem Teil.

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  3. avatar Uwe sagt:

    Die urige Form des Schiffes gefällt mir. Erinnert irgendwie an alte Pilot-Cutter. Wirkt jedoch nicht als misslungener Kopieversuch mit Holzimitation u.ä., wie sie hier schon vorgestellt wurden.

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