Braschosblog: Wie bei großen Yachten der Anker verschwindet

Tischlein-deck-dich-Lösung

Da staunt der Fisch und der Fachmann wundert sich. Blick unter die ankernde "Wallygator 2". © Wally Yachts

Da staunt der Fisch und der Fachmann wundert sich. Blick unter die ankernde “Wallygator 2”. © Wally Yachts

Der Anker ist hässlich, schwer und stört beim Landgang. Er macht Schmutz, Macken und Ärger. Grund genug, das verzinkte Zeug mit einer Tischlein-deck-dich-Lösung wie von Geisterhand im Vorschiff verschwinden zu lassen. Im fortschrittlichen Yachtbau werden immer neue Varianten umgesetzt.

Das Grundeisen soll im Notfall mit wenigen Handgriffen einsatzbereit sein. So galt bei diesem Thema bisher der konservative „keine Experimente“ Grundsatz. Nicht umsonst liegt das Geschirr der Sicherheit zuliebe bei praktisch jedem Fahrtenboot einsatzbereit auf dem Bug. Sicherungsstift raus, Spillbremse auf und ab damit.

Bei großen Booten, wo es ein Budget und Platz für einen clever aus der Vorpiek am Vorstag vorbei geschwenkten und vorn abgesetzten Arm gibt, verschwindet das Geschirr beim Segeln unter Deck. Leider bringt der Mechanismus mit edelstählernem Bügel, dazu gehörender Hydraulik und Steuerung zusätzlich zum Anker nebst Kette weiteres Gewicht ans vordere Schiffsende.

Furchtbares Geklöter

Der Prototyp des Anker-Mechanismusses bei der "Wallygator 2" war noch von oben durch die Vorpiek zugänglich. © Wally Yachts

Der Prototyp des Anker-Mechanismusses bei der “Wallygator 2” war noch von oben durch die Vorpiek zugänglich. © Wally Yachts

Als Konstrukteur Luca Brenta und sein Kollege Lorenzo Argento Anfang der neunziger Jahre für den monegassischen Yachtbauträger Wally mit der 30 m Ketsch „Wallygator II“ das regattataugliche Sommerurlaubsboot unter anderem mit einer aus dem Higtech Regattabootsbau adaptierten Leichtbauweise in vieler Hinsicht modernisiert hatte, graute Brenta davor, das Ergebnis seiner Bemühungen vorne mit einer sackschweren Lösung zu beladen. Außerdem fand er das Geklöter auf dem formschön ausgeführten Vorsteven furchtbar. Mailänder achten bekanntlich sehr darauf, wie etwas aussieht.

Ihm schwebte vor, den Anker durch eine mehrere Meter hinter dem Vorsteven unter Wasser geöffnete Pforte auszusetzen und zu bergen. Er wollte den ganzen Kram im Prinzip so unter Wasser hinter einem Deckel verschwinden lassen, wie Flugzeuge ihr Spornrad einziehen. Flugzeuge sind bekanntlich auf die einwandfreie Funktion des Mechanismus zum Öffnen der Fahrwerksabdeckungen und Ausklappen ihres Fahrwerks angewiesen. Brenta hatte sich schon beim italienischen Düsenjägerspezialisten Aeromacchi erkundigt, wie es geht.

Bei der Brenta-Version wird der Anker beim Bergen (Skizze 1) wie in Skizze 2 gedreht und verschwindet (Skizze 3) in seiner Tasche.  © Luca Brenta & C.

Bei der Brenta-Version wird der Anker beim Bergen (Skizze 1) wie in Skizze 2 gedreht und verschwindet (Skizze 3) in seiner Tasche. © Luca Brenta & C.

Es gab nur noch ein Problem, seinen Auftraggeber Luca Bassani. Der war als versierter Segler eigentlich durchaus ein Freund der aufmerksamkeitsstarken Novität, und die beiden hatten ja bereits mit der ersten Wallygator ein innovatives Boot vom Stapel gelassen. Dennoch wollte Bassani nicht.

Wie das Fahrwerk beim Flugzeug

Doch eines Tages, als die beiden im Flughafen Zürich Kloten auf einen Anschlussflug warteten, versuchte der Yachtkonstrukteur es wieder. „Sieh mal Luca, was meinst Du, wie viele Piloten jetzt, wo wir hier sitzen, vor der Landung ihre Fahrwerke ausgeklappt und nach dem Start alles eingepackt und hinter den Klappen verstaut haben?“ Als draußen wieder bei einer Maschine im Steilflug die Räder eingepackt wurden, war Bassani reif für den Prototypen von Brentas Ankermanagement.

Das Ankermanagement der B 42 mit der ins Vorschiff integrierten Tasche. © Luca Brenta & C

Das Ankermanagement der B 42 mit der ins Vorschiff integrierten Tasche. © Luca Brenta & C

Wie es sich für eine Neuentwicklung gehört, gab es ein paar Kinderkrankheiten zu bestehen. Doch war der Prototyp so clever gemacht, dass die Sache im Laufe der nächsten Jahre nur noch vereinfacht, sprich zu einer Art Kleinserienreife gebracht werden musste.

Bei „Wallygator 2“ wurde die Kette durch ein senkrechtes Rohr gezogen. Es führte die Ankerkette unten mittig durch die geöffnete Unterwasserpfote der Vorpiek und oben direkt unter das Spill, über dessen Kranz die Kette zum Kettenkasten gelangte. Beim Segeln hielt das Rohr den angehobenen Anker einsatzbereit über den geschlossenen Deckeln. Es musste bloß das Vorschiff unten geöffnet und – wie bei der herkömmlichen Handhabung des Ankers auch – die Bremse des Ankerspills gelöst werden. Beim Ankern hielt das teleskopisch verlängerte Rohr die Kette mittig unter der Öffnung.

 Das Ankermanagement der B 42 mit ins Vorschiff integrierter Tasche. © Luca Brenta & C.

Das Ankermanagement der B 42 mit ins Vorschiff integrierter Tasche. © Luca Brenta & C.

Nun geht alles, was sich an Bord bewegt, durch normalen Gebrauch, Verschleiß und Fehlbedienung irgendwann mal kaputt. Das Keep-it-simple-Prinzip ist eigentlich immer, auch bei Booten vermögender Eigner, die eine geübte Crew zur Handhabung und Pflege auch des Gadgets beschäftigen, zu beherzigen.

Rückseite des Ankers ist Verschluss

Da war es erfreulich, das sich das Brentasche Ankermanagement vereinfachen ließ. Vieles geht ja meist noch ein, zwei Ideen simpler. Es ist halt praktisch, wenn es unter dem Anker keine Klappen gibt, die vergessen oder misshandelt werden können. Also verkleinerte Brenta die Öffnung unten im Rumpf zu einer Art Tasche, die nach oben hin hermetisch abgedichtet ist.

Die beiden Klappen unten im Rumpf ersetzte er durch einen automatischen Verschluss. Der befindet sich an der Rückseite des Danforth Ankers, ist aus leicht zu formendem Blei und passt bündig in die Bordwand. Der Ankerstock ist aus Edelstahl und wird durch eine bronzene Führung so ins Schiff gezogen, dass er sich auf dem Weg in die Tasche von selbst in die vorgesehene Richtung dreht. Das besorgt ein auf dem Schaft sitzender Pin. Das Rohr zur Führung des Ankerschafts geht oben in einen transparenten Schlauch über, wie man ihn von Plichtentwässerungen bei Fahrtenbooten kennt. So einfach ist das, jedenfalls beim neulich vorgestellten Daysailer B 42.

Bei der B38 wurde noch mit anderen Ankerformen experimentiert. Der Führungsstift dreht den Schaft beim Bergen in die gewünschte Richtung. © B-Yachts

Bei der B38 wurde noch mit anderen Ankerformen experimentiert. Der Führungsstift dreht den Schaft beim Bergen in die gewünschte Richtung. © B-Yachts

Natürlich hat die Sache auch zwei bis drei Nachteile. Man ist auf den Danforth Anker festgelegt. Viele Segler schwören aus gutem Grund aber auf andere Anker. Zweitens darf kein Fremdkörper wie ein Stein oder eine aufgefischte Leine das Zusammenklappen des Ankers unter dem Vorschiff behindern. Lässt er sich nicht problemlos unter dem Boot in seinen Stauraum ziehen, muss das Problem von außen, aus dem Beiboot oder Tauchend behoben werden. Drittens bleibt ohne Blick auf die Leine unklar, wohin bei viel Wind zur Beschleunigung des Manövers und Entlastung des Ankerspills motort werden soll.

Dennoch wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis eine Serienwerft das Brentasche Ankermanagement in ihr neues Modell integriert. Tischlein-Deck-dich-Lösungen aus dem Superyachtbau machen sich gut. Denn das Brentasche Ankermanagement ist ein Beitrag, das Handling des Bootes noch einfacher zu machen. Auch bewährte Uralt Lösungen aus der Abteilung „haben wir schon immer so gemacht“, lassen sich pfiffig besser lösen.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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2 Kommentare zu „Braschosblog: Wie bei großen Yachten der Anker verschwindet“

  1. avatar Backe sagt:

    Dem letzten Problem – in welche Richtung liegt der Anker – könnte durch einen kleinen Peilsender am Geschirr begegnet werden, der auf einem eigenen Instrument achtern nicht nur die Richtung, sondern auch die (Ketten-)Distanz zum Schiff an zeigt.
    Schlau gell? copyright reserved … Rechte-Anfragen der Herstellerindustrie bitte an JvdB :.)
    (Adresse über SR erhältlich)

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 4 Daumen runter 5

  2. avatar Heini sagt:

    Das gibts doch alles schon längst.
    Zuerst mit Sendern, die die Lage des Ankers (Standort) übermitteln, dann auch mit Kameras, über die man kontrollieren kann, ob und wie er sich eingegraben hat.

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 3

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