Der Kajakmaran-Mann: Für 2012 ist in Nordspanien Schluss!

"Nächstes Jahr holen wir uns das Finale"

Mittwoch, der 03.Oktober 2012 – Ansteuerung Laredo / Nordspanien

Stimmung vor Laredo © A.Gabriel

Stimmung vor Laredo © A.Gabriel

Es waren nur 20 Meilen heute von Santander rüber, unter wolkenverhangenem Himmel, der in diesen Tagen immer mehr und mehr an meinen Himmel in Tönning erinnert. Die See ist ruhig und doch scheint sie sich zu verändern. Nichts entgeht mir mehr … keine Wolke … keine Welle. Die Farben scheinen ihren Glanz zu verlieren und ich beobachte die Biskaya wie ein Wolf, der vor einem Bär steht, um genau abzuwägen, was für ihn zu holen ist.

Bereits vierzig Meilen zuvor haben mir Segler erzählt, dass die Marina in Laredo sehr besonders sein soll: Neu, groß, enorm viel Stauraum unter Dach und ein freundliches Management. “2,5 Meilen” zeigt mein GPS und ich gehe an die Küste. Dort hinter dem Felsen muss die Einfahrt sein. Eine große Bucht tut sich vor mir auf, von der Ansteuerungstonne aus geht es auf Kurs Süd.

Denk nach Andreas ... wie weit kannst du gehen in diesem Jahr ... sieh hin und bleib einfach nur am Leben ... ganz einfach © A.Gabriel

Denk nach Andreas … wie weit kannst du gehen in diesem Jahr … sieh hin und bleib einfach nur am Leben … ganz einfach © A.Gabriel

Mein Gefühl im Magen wird schlecht, ich kann das Hafenmauerwerk durchs Fernglas erkennen. Tränen schießen mir aus den Augen. Alles in mir weiß, dass es heute vorbei ist. Schluss für 2012!!! Ich liebe dieses Boot so unendlich, dass ich mir all das, was nun folgen soll, nicht vorstellen kann. Sabrina (SR Red.: seine Freundin in Tönning) kriegt eine SMS: “Ich muss auf deinen Arm. Ist bei uns alles so, wie es sein soll? Habe Angst nach Hause zu kommen.” Sie ruft mich an um mir grünes Licht zu erteilen und nimmt mir damit etwas Druck.

Dreckig, vollbärtig… gestrandet!

OK! Wie eine kontrollierte Wasserleiche propellere ich in den Hafen bis an einen Steg, der mir für meine letzte Anlandung gerade gut genug erscheint. Als meine Hand den Steg berührt, tut sie es auf eine besondere Art. Selbst sie weiß, dass es richtig ist, was ich zuvor entschieden hatte. Ich spüre meine Müdigkeit überall in meinem Körper und mein Kopf sackt für einen Moment nach vorne.

Irene, mein Erstkontakt im Hafen von Laredo © A.Gabriel

Irene, mein Erstkontakt im Hafen von Laredo © A.Gabriel

Ohne Geld Meilen zu machen, ist das Eine, dabei den Atlantik und die Biscaya auf “Gegenankurs” zu bezwingen, das Andere.  Beides ist unfassbar kräftezehrend.

Mein Kopf hebt sich und der Blick in die Runde. Das große Glasgebäude dort hinten muss die Hafenverwaltung sein. Entschlossen halte ich meine Papiere in den Händen und laufe los. Ein gestrandeter, dreckiger, vollbärtiger Mann, der nichts besitzt, marschiert jetzt einfach los, weil er sich für etwas entschieden hat …

Antonio, der Hafenboss von Laredo, hilft mir ungemein © A.Gabriel

Antonio, der Hafenboss von Laredo, hilft mir ungemein © A.Gabriel

Zunächst treffe ich im zweiten Stock des wuchtigen Bürogebäudes auf die nette Irene hinter ihrem Schreibtisch. Ich bin ganz ruhig und erkläre. Nach 6 Minuten rechnet sie auf ihrem Taschenrechner. “8 Monate, soll dein Boot hier liegen?” Antonio der Oberboss kommt dazu: “Der zahlt hier gar nichts!” Jetzt sind doch tatsächlich schon 16 Minuten vergangen. Antonio und Pedro, die Exekutive der Marina stellen sich hinter mich. “Los gehts, mein Freund, bereiten wir alles vor!” Am Abend sind bereits die Masten runter… das Boot leergeräumt, Sabrina und mein Freund “Doc” lassen zuhause ihren PC rauchen und organisieren die Rückreise. Zur Erinnerung: Es ist Mittwoch der 03.10.2012

Am Freitag den 05.10.2012 spüre ich nachmittags dann die Haut meiner ganzen Familie …

Dienstag, der 09.10.2012 – Tönning / Nordfriesland

Freitag um 17:00 Uhr ist der Bart bereits ab © A.Gabriel

Freitag um 17:00 Uhr ist der Bart bereits ab © A.Gabriel

Mein Körper sackt etwas in sich zusammen und ihm ging es gestern nicht sehr gut. Zu unterschiedlich sind diese Welten, zu rasant der Übergang. Anscheinend benötigt er etwas Zeit. Hier bin ich plötzlich sicher, warm und trocken. Es ist eine Tiefenentspannung hier, die ich gar nicht mehr kenne.

Meine Gedanken sind hier … da draußen … holen wir uns das Finale 2013 !!!

 

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Andreas Gabriel

... ist Frohnatur, Geschichtenerzähler, Abenteurer und Maurer zugleich. Er brach von Tönning in NORDfriesland Ende April 2011 auf, um mit seinem Kajakmaran Europa zu umrunden. Über Kanäle, Rhein, Main, Donau, ins Schwarze Meer und dann über das Mittelmeer zurück. Alles ohne Geld. Andreas Gabriel erzählt wahre Geschichten, die er unterwegs erlebt, und seine Zuhörer freuen sich, dass er eigentlich ihren Traum lebt. Ihre Unterstützung kommt postwendend. Dass dieses spannende und intensive Reisen funktioniert, hat er schon in den ersten 2 Etappen bewiesen. In der dritten Etappe geht es von Laredo / Nordspanien nach Hause nach Tönning. Seine Webseite lautet www.der-mit-dem-wind-faehrt.de
Spenden
http://blueocean.berlin/magicmarine-team-werden/

Ein Kommentar „Der Kajakmaran-Mann: Für 2012 ist in Nordspanien Schluss!“

  1. avatar seven sagt:

    Ganz ehrlich? Vor ca. eineinhalb Jahren, nach dem ersten bericht, dachte ich :”Was für ein Spinner! Warum tut jemand so als wäre er er ein Obdachloser auf durchreise und versucht sich durchzuschnorren, wenn es doch so viele gibt die wirklich nichts haben und es mit Sicherheit nötiger hätten als er.”

    Aber schon beim zweiten bericht war ich fasziniert.Jemand der auf dem ersten blick aussieht wie ein Vagabund, die Menschen nicht nur trifft,sonder Sie auch mitnimmt….und ich meine das Körperlich und Geistig!
    Ich wurde bei jedem bericht sensibler für die Situation in der er sich ,stellvertretend für alle unfreiwillig rastlosen, befand.
    Neidisch bin ich auf die Begegnungen, die tollen Erfahrungen und Momente,die Augenblicke als Gast bei Fremden zu sein!
    Aber mit Ihm tauschen?……nein das könnte ich nicht! …woher die Kraft nehmen?…..wie es anstellen das man den glauben an das Gute nicht verliert wenn es seit tagen einem der Wind in Gesicht bläst und der Regen genauso wenig aufhören will wie das Hungergefühl.
    Mein größten Respekt !

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 18 Daumen runter 0

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