Digger Hamburg: Erinnerungen an den perfekten Segeltag 2013

Winschlos glücklich

Zwei Finger an der Pinne. Die Schot liegt neben mir. Brauche ich grad nicht. Die Sonne knallt aufs weiße Boot. Nur ein paar kleine Wolken machen sich auf den Weg nach Osten.

Digger

Stephan Boden auf seiner Varianta 18. Zwei Finger an der Pinne, der perfekte Segeltag. © Digger Hamburg

Der Wind kommt aus 90 Grad mit 3 Beaufort. Keine Welle. Polly liegt unter Deck und schläft – noch kaputt vom Schwimmen im Meer nach dem Frühstück. Körperpflege in der Ostsee. Die „Kings of Convenience“ ertönen unter Deck.

Hinter mir versucht der Eigner einer 30 Fuß+ Yacht krampfhaft, mit mir mitzuhalten. Er winscht wie verrückt an Genua und Groß und schaut immer wieder in seine Trimmfäden. Und wird immer kleiner, während ich bis 7 Knoten Fahrt mache. Mit zwei Fingern an der Pinne. Ich winsche nicht. Ich habe keine Winsch. Ich bin winschlos glücklich.

Ein holländischer Traditionssegler kommt mir entgegen. Leute grüßen winkend. Sonst ist kaum jemand unterwegs. Ich höre die Gaffel des alten Seglers knarzen. Im vorbeifahren werfen seine weinroten Tücher kurz Schatten auf mich.

Besuch vom Schweinswal

Dann höre ich neben mir das „PPPFFFFFTTTT“ eines Schweinswales, der mich ein Stück begleitet und mir zuflüstert: „Hallo lieber Stephan – was für ein perfekter Tag heute, oder?“ Er lächelt mich an, ich winke zurück.

Mein Handy liegt ausgeschaltet unter Deck. Ich brauche es nicht. Ich sitze auf der hohen Kante, noch immer nur mit zwei Fingern an der Pinne. Die Sonne ist heiß, der Wind hält mich kühl. Ich habe Gänsehaut. Der Grund ist nicht etwa Wind oder Temperaturen – der Grund ist in meinem Kopf. Und ich rieche die Sonnencreme.

An der Tonne luve ich 30 Grad an. DIGGER legt sich leicht auf die Seite und zieht uns weiter nach vorn. Ich hole Fock und Groß dichter und setzte mich wieder in die Position, die ich schon seit Stunden habe. Wie ein Vogel, der sich wieder gemütlich in sein Nest setzt.

Der Apfelmost/Wasser-Mix aus der Kühlbox ist eiskalt. Wassertropfen laufen an der Flasche runter. Welcher Monat ist eigentlich?

Eigentlich zu kitschig

Wenn dieser Tag eine Postkarte wäre, würde ich sie nicht kaufen – zu kitschig.

Ich fahre eine Wende. Drücke die Pinne weg, hole entspannt die Fock über, setze mich ruhig in die gleiche Position auf der anderen Seite. Die Sonne funkelt durch das schwarze Großsegel.

Seit Wochen bin ich unterwegs. Wochen liegen noch vor mir. Nur noch 11 Seemeilen bis zum Hafen. Ich wünschte, es wären 11.000.

Heute, kurz vor Weihnachten und sechs Monate später habe ich diesen Tag noch immer bei mir. Ich spüre einen Rest Sonne, die Sonnencreme riecht noch. Das Boot neigt sich.

In 90 Tagen ist Frühlingsanfang.

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Digger Hamburg

Kleiner segeln - größer leben. Filmemacher und Autor Stephan Boden verbringt jeden Sommer auf dem Wasser. Früher auf seiner VA18 "Digger" jetzt auf der Bente24, die er selbst initiiert hat. "Auf See habe ich Zeit, das schärft den Blick für Details." Zu seinem Blog geht es hier
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7 Kommentare zu „Digger Hamburg: Erinnerungen an den perfekten Segeltag 2013“

  1. avatar Martin sagt:

    Danke!

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  2. avatar Pano sagt:

    Ja prima, wir haben die Wintersonnenwende hinter uns. Seit gestern werden die Tage wieder länger.
    Ich freue mich auch schon auf die nächste Saison und vom Weihnachtsmann wünsche ich mir, dass der Digger nächstes Jahr gaaanz viele tolle Sachen erlebt, über die er uns hier berichten kann. Nur bitte, bitte nix mehr über VA 18 und Daunzeising und wie cool das Leben mit ausgeschalteten Winschen ist.
    Bitte, Bitte, lieber Weihnachtsmann!
    Ich war auch ganz brav!

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 20 Daumen runter 23

    • avatar digger.hamburg sagt:

      Dir auch ein Frohes Fest;!

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    • avatar Christian1968 sagt:

      ich wünsch’ mir ganz viel vom Digger zu lesen, denn ich les’ das total gerne !
      Ohne Dinger und einige andere, die hier ohne bezahlt zu werden schreiben, wär’ Segelreporter viel langweiliger.

      Ahoi und frohe Weihnachten an alle 🙂

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      • avatar Christian1968 sagt:

        Ohne Digger und einige andere, die hier ohne bezahlt zu werden schreiben, wär’ Segelreporter viel langweiliger.

        Elende Autokorrektur…

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  3. avatar Bernd sagt:

    Meine Freundin sag, daß ich immer mit so einem grinsen vom segeln komme, aber die besonderen Momente des Segeljahres bleiben einfach länger. Wenn man in seiner Einhandjolle bei schönem Wetter und viel Wind, alleine auf dem Baggersee die Wenden und Halsen nach einer Stunde sein läßt und sich auf mehr oder weniger Halbwindkurs nur noch von der Bugwelle durchspülen läßt, oder wenn das Team super arbeitet und ein Sieg in einer Fahrtenyachtregatta, was ja keine besondere Leistung ist, herausspringt. Dann hilft es einem schon über den Winter, wie auch Digger’s Beitrag 🙂
    Euch allen eine gute Zeit! Seid nett zueinander.
    Bernd

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  4. avatar Friedrich sagt:

    Ach Digger, wie können wir Dich verstehen… Schön, dass Du, der Fartensegler überhaupt, doch auch das Regattagen in Dir hast, denn “hinter mir …..”. Herzliche Einladung, es mal mit richtigem Wettsegeln zu probieren.

    Dürfen wir alle mal, hier, unser Erlebnis des Jahres? Ich fang mal an, und wenige Sätze reichen dafür.
    “Ostwind, zunehmend 18-25 kn, die Sonne ist längst untergegangen seit wir bei Gedser Richtung Fehmarnbelt und Kiel abgebogen sind, klarer Augusthimmel, Sternschnuppen fallen wie Regen, Der große schwere Spi ist oben, von Acchtern vom Mond beschienen, am Bug fliegt die Gisch weiß leuchtendt, das Boot surft mit 14-18 kn platt vor dem Laken, 5 glückliche Segler im Cockpit, Trimmen, Steuern, Juchzen, Genießen, die Meilen zum Ziel fliegen dahin, die Lichter der Konmkurrenz schwinden im schäumenden Heckwasser, Adrenalin kocht in den Adern, mehr Worte braucht es nicht…”

    Yeah, das neue Jahr kann kommen!

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