“Dorade”: flach, nass, übel rollend… traumhaft schön!

Magischer Ritt

Die schnellste Verbindung von Kalifornien nach Hawaii ist das Flugzeug. Nach 5 Stunden und 20 Minuten landet die Maschine. Die Reise ist inklusive Futternapf unter Abreißfolie, Drinks und Snacks, üblicher Enge und schlechter Luft ab 700 Dollar zu haben. Mit Glück ergattert man einen Fensterplatz mit Blick aufs Wasser.

Der schönste Kurs durch das tiefe, vom Passatwind zunehmend verwöhnte Blau des Ozeans führt über 2.225 Meilen von Point Fermin bei Long Beach bis Diamond Head nach Honululu. Idealerweise beim Transpac Race, dem seit 1906 ausgesegelten Hochseeklassiker.

Dorade, Transpac

Auch nett fürs Kaffeesegeln bei leichter Damenbrise © dorade

Man absolviert diese Regatta nach dem Motto: Viel setzen, Blessuren-frei Schiften, auch in den Nachtstunden den auf tief gesteuerten Vorwindkursen üblichen Bockmist auslassen: Also alles, außer Patenthalsen, ums Vorstag gewickelte Wundertüte oder lädiertem Großbaum. Und wenn der Passat beim Zieldurchgang in der Düse zwischen den Inseln richtig aufdreht, wirklich alles oben lassen. Dafür braucht es gerade beim finale furioso des Rennens Spectra-starke Nerven und eine erfahrene Hand am Steuer.

Bockmistfrei schnell fahren

Man braucht für diesen Raumschots-Marathon das ideale Boot, am besten eines dieser modernen Raumschotwunder  mit routinierten Decksarbeitern, die Bockmistfrei schnell fahren. 1977 stellte die „Merlin“, ein Prototyp der ultraleichten, jollenartigen kalifornischen „Sleds“ (Schlitten) mit 8 Tagen und 11 Stunden einen Rekord auf. Er bestand 20 Jahre. Bis zu Roy Disneys Ritt mit „Pyewacket“. 2005 schrubbte Hasso Plattners maxZ 86 „Morning Glory“ die Strecke in 6 Tagen 16 Stunden weg. Weitere Bestzeiten kürzten den Ritt auf gut 5 Tage. Aber für Mehrrümpfer und Regattaboote mit Generatoren kriegt der Eigner halt nicht die berühmte „Barn Door Trophy“ unter den Arm. Hierbei handelt es sich um eine knapp zehn Zentimeter starke, einen Meter mal 1,30 m große und entsprechend unhandliche Trophäe aus hawaiianischem Koa Holz.

Zweiter Transpac-Sieg nach 77 Jahren

“Dorade” brauchte neulich 12 Tage, 5 Stunden, 23 Minuten und 18 Sekunden. Das ist im Vergleich zu den aktuellen Bestzeiten ziemlich lang, genügte aber nach berechneter Zeit. Womit mal wieder bewiesen wäre, das man bloß in der passenden Konkurrenten-Konstellation mit richtig altem Gebälk noch was reißen kann. Man muss der alten Mühle bloß neue Masten, zugkräftige Garderobe und eine Crew motivierter Segler für den langen Ritt spendieren. Außerdem sollte man ihr einen büroüblichen Kaffeevollautomaten auf den kardanischen Vintageherd schnallen, siehe:

 

 

Dann klappen die Schiften mit rechtzeitig geborgenem und flink gesetztem Besanstagsegel blessurenfrei und das schlanke Schiff schaukelt sich unter prall gefüllten Tüchern hollywoodreif durch den azurblauen Ozean. Dorade schob mit einem 7,8 kn Schnitt über den Kurs und erreichte 15,9 Knoten Spitze. Letzteres ist eine für diesen schlanken Verdränger verblüffende Geschwindigkeit. Denn „Dorade“ ist nach heutigen Maßstäben alles andere als die ideale Blauwasseryacht. Sie ist ein flachbordiger, nass segelnder, raumschots übel rollender, schnittig schlanker Verdränger, im Prinzip eine yawlgetakelte Meteryacht, die sich mit zunehmender Geschwindigkeit immer tiefer durch den Ozan furcht.

Transpac, Dorade

Segeln, wie Segeln sein sollte: Nah am Wasser, nass, geil © dorade

Besonderer Spirit

Als 15. Eigner des legendären Bootes hat sich der Kalifornier Matt Brooks vorgenommen mit „Dorade“ bei all jenen Regatten teilzunehmen, die sie einst segelte. Auch das berühmte Atlantikrennen von 1931, als der junge Konstrukteur Olin Stephens mit diesem Offshore-Erstling auf die Bühne des Hochsee-Regattasegelns sprang und augenblicklich berühmt wurde. Brooks wird dabei von seiner Lebensgefährtin und Filmemacherin Pam Rorke Levy und einer mehrköpfigen, begeisterten (Restaurierungs- und Backup-) Crew unterstützt. Das diesjährige Transpac Race geriet zum beeindruckenden Auftakt. Sogar die New York Times berichtete.

Nicht nur der Film, auch die “Dorade” -Website kündet vom besonderen Sprit, mit dem diese wunderbare Yawl gesegelt wird. Die Faszination Blauwassersegeln, gezeigt aus der Möwenperspektive eines die Legende bewundernd umkreisenden Zuschauers, diesen magischen Ritt durch das tiefe Blau des Pazifik, kann man sich wiederholt mit Gänsehaut ansehen.

 

„Dorade“ entstand 1930 im Auftrag von Olin und Rod Stephens Vater Roderick Stephens, Sr., einem New Yorker Kohlenhändler, der mit dem Verkauf seiner Firma und dem Auftrag für dieses Boot alles auf eine Karte, den kometenhaften Erfolg seiner Söhne gesetzt hatte. Das Abenteuer war ihm damals 28.000 Dollar und einige intensiv genossene Segelsommer wert und sollte sich für Jahrzehnte lohnen.

Damals zeichnete Olin Stephens drei Sechser und eine 8 mR Yacht. Der Einfluss ist „Dorade“, dem siebten Entwurf des damals 21-jährigen Konstrukteurs anzusehen. Länge 16,02 m, Wasserlinie 11,85 m, Breite 3,13 m, Tiefgang 2,52, Verdrängung 16,8 t, 144 qm Am Wind (heute), raumschots 251 qm, Maschine 30 PS; 117 l Diesel, 200 l Frischwasser, Seewasserentsalzer. Werft Minneford Yacht Yard, New York. Dorade wurde 1997 im italienischen Porto Santo Stefano im Auftrag eines italienischen Eigner umfassend restauriert.

Sämtliche „Dorade“ Nachfolger, Stephens zeichnete zahlreiche Varianten, wurden später mit mehr Breite deutlich formstabiler und Olin Stephens hat die geringe Breite von „Dorade“ bei einem Interview im hohen Alter einmal als Fehler bezeichnet.

Nüchtern betrachtet ist „Dorade“ ein namhafter, prominenter, wiederholt restaurierter Klassiker. Tatsächlich ist dieses wunderschöne Boot mit dem steil aus dem Wasser gehobenen Löffelbug und dem filigranen Yachtheck eine Ikone des Segelsports. Diese Yawl ist in ihrer ganzen funktionalen Schlichtheit die wahrscheinlich schönste Segelyacht der Welt.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.

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