Knarrblog: DK Sommertörn Lerkils-Anholt

Ein besch...eidener Tag auf See

Überfahrt nach Anholt. Regen-Depri-Stimmung @ F. Kemmling

Es dängelt. Gegen zwei Uhr nachts beginnt der Tag. Wind kommt auf und die Fallen sind nicht festgebunden. Sie schlagen gegen das Alurohr. Es ist der Klassiker. Das Geräusch ist nicht so intensiv, dass man sofort aufspringt und nachsieht. Es verstärkt sich schleichend, subtil.

Man dreht sich noch einmal um. Versucht dieses DängDängDäng aus dem Ohr zu bekommen. Legt das Kissen über den Kopf. Weiß, dass es wie jedes Mal auch diesmal nichts nutzen wird.

Nebenan im Bett regt es sich auch schon. Eine verschlafene Stimme säuselt: „Schatz, die Fallen klappern…“. Und Schatz weiß, dass diese Stimme wie auch das Dängeln nicht verstummen wird.

Inzwischen hat es angefangen zu regnen. Schatz klettert mit nackten Füßen in Unterhose auf dem Vorschiff herum. Sucht irgendwelche Tampen, um damit die Lärm-Strippen wegzubinden. Der Wind pfeift in den Wanten. Die Zähne klappern. – Aber umso schöner ist es, wieder im Bett zu liegen.

Dabei hätte man gewarnt sein sollen. Es wird ein Tag zum im Bett bleiben. Schon der schwedische Hafen Lerkils ist ein Reinfall. Nach der Nacht an den Felsen wollen wir uns frisch machen. Aber es gibt nur ein WC, keine Duschen kein Nichts.

Familie Claußen schreibt in ihrem Führer etwas über Umbauarbeiten. Aber das bezog sich auf 2009. Da müssten sie doch fertig sein, dachten wir. Stattdessen ist auch nichts von einem Umbau oder Arbeiten irgendwelcher Art zu sehen.

Dafür benutzen schwarze, schwedische Vögel ihrerseits die Riggs der Gastlieger als nächtliche Ruhestätte und die Decks als Klo. Unheimlich, wie bis zu 20 Tiere pro Boot auf den Salingen sitzen.

Schwarze Vögel im Mast. Ein schlechtes Zeichen vor dem drohenden Tag?

Der Brötchen-Mann streikt und öffnet seinen Kiosk heute nicht trotz gegenteiligen Versprechens. Das resultierende überaus rudimentäre Frühstück passt zur Abschied-Stimmung. Die Freunde segeln weiter gen Norden, wir müssen auf den Rückweg nach Süden.

Trotz der ungelösten Fäkalientank-Problematik – unser Cockpit liegt ein Stockwerk tiefer als das Nachbarboot direkt neben dem Überlauf-Ventil und ich habe geträumt wie sich das Problem plötzlich in der Nacht löst… –  lassen wir die Freunde nur ungern alleine.

Abfahrt aus Lerkils, ein Naturhafen ohne Sanitär-Anlagen mit nur einem Klo

Die große Insel Læsø liegt zwar querab und wäre ein spannendes Ziel. Aber wir haben keine Zeit. Müssen Meilen nach Süden machen. Da bleibt nur Anholt. Knapp 50 Meilen entfernt. Bei dem angesagten Südost sollte das zu schaffen sein. Unser Schiff segelt mehr als sechs Knoten am Wind.

Und es geht ordentlich los. Fünf Windstärken, graues Wetter, heftige Welle, aber der Mast der Dynamic ist so zu biegen, dass wir ohne Reff auskommen. Problematisch ist nur, dass wir knapp zwanzig Grad unter der Anliegelinie steuern. Der Süd-Ost lässt auf sich warten.

Der Steuermann ist schon zu Beginn müde. Das kann was werden...

Dazu kommt noch etwas Gegenströmung, der Himmel zieht sich zu und genau dort wo wir hinwollen zucken Blitze. „Das zieht vorbei“, höre ich mich sagen. Ein blöder Spruch, der vielleicht aus dem Munde von Wettergott Meeno Schrader Sinn machen würde, aber nicht von mir.

Dennoch nimmt die Crew die Aussage dankbar an. Die Kinder steuern den bockenden Bückel jeweils knapp eine Stunde Richtung dunkler Horizont. Dann gehen sie unter Deck und wurden nicht mehr gesehen. Sie sind aus dem Rennen.

Ach was war das schön, als man sich noch von den Eltern durch die Gegend kutschieren lassen konnte. Viel lesen, keine Verantwortung, ein warmes Bettchen… Derweil bricht draußen das Unwetter los. Nicht extrem viel Wind, aber Massen von Regen.

Und Blitze. Ich nehme mir zum wiederholten Male vor, einmal zu recherchieren, was eigentlich passieren kann. Dabei höre ich mich sagen: „Es kann nichts passieren. Auf einem Boot ist man geschützt…“ Die Frau blickt zweifelnd – naturwissenschaftlich ist sie deutlich beschlagener – und ruft unter Deck: „Raus aus der Vorschiffskoje! Bitte vom Mast weg…“

Es regnet und regnet und regnet. Zwischendurch kommt die SMS von den Freunden in Schweden. „Tolles Wetter. Baden den ganzen Tag. Wie ist es auf Anholt?“ Super! Die voraussichtliche Ankunftszeit ETA überschreitet gerade Mitternacht.

Das ist der Punkt an dem ich die Nerven verliere. Der Motor geht an. Ich weiß, es ist eine Sünde. Der Wind reicht vollkommen aus, aber er weht einfach aus der falschen Richtung. Die Ziel-Alternativen mitten im Kattegatt sind äußerst limitiert.

Aber mit Motor können wir eine bessere Höhe laufen. Und auch der Speed stabilisiert sich deutlich mit dem eisernen Segel. Das ist zwar ziemlich unsportlich, aber manchmal müssen Opfer gebracht werden.

Es blitzt, es donnert, es schüttet, wir frieren aber irgendwann verfällt man in eine Stimmung, in der man stoisch das Schicksal erträgt. In der Dämmerung, im Regen suchen wir einen freien Platz. Motoryachten haben die Gasse mit ihren Heckankern versperrt. Aber wir sind nach knapp zehn Stunden zu müde zum Ärgern.

Irgendwann liegen wir fest und tapern durchnässt in Ölzeug Richtung „Casablanca“ Restaurant. Es ist fünf nach zehn. Eigentlich zu spät zum Essen. Die Küche macht dicht. Aber wir müssen einen so traurigen Eindruck hinterlassen,  dass der Koch doch noch kocht.

Mit vollem Magen und frisch geduscht sieht die Welt dann schon wieder anders aus. Ich erinnere mich rechtzeitig daran, das Fallen-Dängeln zu unterbinden. Es geht wieder aufwärts.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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