“Gugger” Bj. 1934: Entworfen in NOR, gebaut in SUI und aktiv gesegelt in der Lübecker Bucht

'Guggern' - eine Art von Glück

Bei dieser Klassikergeschichte geht es ausnahmsweise nicht um erneuerte Planken, gewechselte Kielbolzen, Schleifen und Lackieren, sondern ums Segeln.

Das vom Norweger Johan Anker entworfene, 1934 am Zürichsee gebaute Boot anläßlich der Max Oertz Regatta in Neustadt © Britta Rosehr

Vor einigen Jahren lag „Gugger“ mal in Troense bei Svendborg. Das Lübecker Paar Inke Paulsen und Arnd Deutsch legten gerade die Segel zusammen, als ein alter Mann angerudert kam, den beiden beim Aufräumen zusah und meinte, ihr Boot sähe aus wie eine „alte Geige“.

„Oh nee“, dachte Deutsch. „Bloß nicht das ganze Klassikergequatsche: wie schön es ist, die harmonischen Linien, und dann – so sicher wie das Amen in der Kirche – die Frage wie viel Arbeit so ein Holzboot wohl macht, wie eng es ist und ob man das eigentlich überlebt, so ohne Motor, Pantry, Klo und Stehhöhe“. Deutsch wäre am liebsten unter Deck verschwunden. Denn die Standardkonversation kennt der Lübecker Segelmacher in etwa, seitdem er das Boot hat, und er hat es viele Jahre schon. Es wurde dann aber doch ein interessantes Gespräch, weil der alte Mann sein gesamtes Arbeitsleben als Bootsbauer bei der namhaften Drachenwerft Børresen in Vejle verbracht hatte, den „Gugger“ sofort als Johan Anker Entwurf erkannte, es aber weder ein Drachen, noch ein Sechser sondern irgendetwas dazwischen ist und er etwas über das Boot wissen wollte.

Selbstverständliche Bootslebensart

Diese Anekdote wird einleitend erzählt, weil sie typisch für Deutsch ist. Er mag und segelt sein Schiff, aber er mag kein Gedöns darum. Er lebt – seit einigen Jahren gemeinsam mit der Lübecker Architektin Inke Paulsen – mit dem Schiff, wie man halt mit einem traditionell geplankten Holzboot leben muss, damit es ihm gut geht. Die beiden halten und segeln es einfach auf ihre angenehm bescheidene, selbstverständliche Bootslebensart.

Wenn einige Planken zu wechseln sind, wenn mal ein neuer Mast fällig ist, oder die dazu passende Garderobe, dann atmet der gelernte Schiffbauer und Segelmacher tief durch und haut rein. Wenn es viel ist, bleibt das Boot im Frühjahr oder Frühsommer länger an einem schattigen Platz, wird das Gebälk gewässert und es geht weiter, bis der Gugger wieder gesund ist. Braucht das Ehepaar mal Hilfe, ist Segelfreund Ulrich Schütte von der Niendorfer Bootsbauerei da. Schütte baut Holzmasten und segelt die kleinere Schwester, einen Holzdrachen.

Gugger und seine Crew sind keine Motorsegler. Der handliche 3 t Daysailor wird artgerecht und wie gehabt zum Liegeplatz gebracht © Britta Rosehr

Wenn man „Gugger“ mit dem maronenbraun in der Abendsonne schimmernden Teak, dem schlichten weißen Deck in der alten leinenbespannten Machart und dem eher zum Anschauen als zum Stehen und Rausgucken gemachten Deckshaus sieht, fährt ein Film von der guten alten Zeit ab, als Boote richtig schön waren. Begegnet man „Gugger“ auf der Trave oder draußen auf der Lübecker Bucht, spult dieser herrliche Film aus dem Sepia längst vergangener Tage einige Jahrzehnte vor in die Gegenwart.

Die beiden segeln das Boot versiert, manövrieren es durch verwinkelte Hafeneinfahrten und lassen es mit dosierter Restfahrt durch die Dalben an den Liegeplatz schweben. Mit Erfahrung und Augenmaß gelangt man in die meisten Häfen ohne Motor. Wenn es sein muss wird die letzten Meter zum Paddel gegriffen. Mit gut 50 Quadratmetern am neuen Zweisalingsmast ist die Nautiquität gut betucht. Mit seinen 10 ½ m Länge und ganzen drei Tonnen ist der motorlose Langkieler für solche Manöver gerade noch handlich genug.

Natürlich wird die Ostsee mit so einem flachbordig-schlanken Boot  ab vier Windstärken zum Sportplatz mit zahlreichen Duschen. Solche Bedingungen erinnern daran, warum der norwegische Konstrukteur Johan Anker seine meist für den südlichen Ausgang des Oslofjords und die windreiche Skagerrak-Küste gedachten Boote eher sparsam besegelte.

Kap des kleinen Mannes

Von den Kursen Richtung Fehmarnsund-Rinne, wo es garantiert aus Nordwest weht oder zurück, wo die Lübeckerbucht bei auffrischendem Südwest zu einer lebendigen Buckelpiste wird, berichtet Deutsch mit Respekt. Dahmeshöved, wo es meist einen intensiv erlebten Wind- und Wetterwechsel gibt, bezeichnet er augenzwinkernd als „Kap des kleinen Mannes“. Denn in Höhe des roten Backsteinleuchtturms dreht der Wind meist ein paar Grad vorlicher und legt zu. Dann wird „Gugger“ mit aufmerksam angesteuerten Wellen und gelegentlichem bis regelmäßigem Griff zur Pumpe gesegelt.

Das schlanke Boot kann dank reichlich Ballastanteil viel ab. Die Segelnummer mit dem alten eidgenössischen Nationalitätenzeichen blieb aus nostalgischen Gründen © Britta Rosehr

Natürlich lernte sich das Paar, wie könnte es anders sein, über das Boot kennen. Als Deutsch vor einigen Jahren mal mit seiner Nautiquität nach Svendborg kam, dachte Inke Paulsen „whaow“, guckte sich das Schiff mal näher an und „der Rest“, tja der fügte sich dann auch. Womit mal wieder bewiesen wäre, wie wichtig es ist, das richtige Schiff zu segeln. Seitdem guggern die Beiden gemeinsam und machen sich, ohne dass sie es je betonen oder beklagen würden, lang für das Schiff. Das Paar hat kein Auto. Zur Arbeit und zum Liegeplatz wird geradelt. „Ne Dose Bootslack kannst Du immer auf dem Sattel einklemmen“ meint Deutsch. Wäre das Wort nicht so entsetzlich abgegriffen, wäre Deutsch als „entspannt“ zu beschreiben.

Einzelbau vom Zürichsee

Spätestens jetzt müssen zwei miteinander zusammenhängende Sachen geklärt werden. Die spezielle Segelnummer und der Bootsname. Beides hat Deutsch, der das Boot Ende er neunziger Jahre übernahm, natürlich in Erinnerung an den ersten Eigner Ernst Schweizer beibehalten. Er arbeitete bei einer Bank in Zürich, übersiedelte damals an die schöne, sonnenbeschienene Seite des Hausreviers, ließ sich vor gut 80 Jahren vom renommierten Konstrukteur Johan Anker ein neues Boot zeichnen und es von einer ortsansässigen Werft für den Zürichsee bauen. Es sollte wie sein voriges Boot wieder einen Vogelnamen bekommen. Gugger nennen die Eidgenossen den „Kuckuck“. Marianne Gut-Schweizer, die Tochter des ersten Eigners erinnert den Brauch der Familie, möglichst dann segeln zu gehen, wenn man den Kuckuck hört. Diese Art von Glück lässt sich mit einem weitgehend unveränderten Boot mit original Segelnummer am besten fortsetzen.

“Gugger” Steckbrief: Entwurf Johan Anker, Konstruktionsnummer 374 vom November 1932, gebaut in Teak auf Eichenspanten von John Faul in Horgen/Zürichsee, 1934 eingewassert. Länge 10,65 m, Wasserlinie 6,83 m, Breite 2,16 m, Tiefgang 1,43 m, Verdrängung 3 t, Ballast 1,7 t, Ballastanteil 57 %. Am Wind Besegelung zunächst mit 30 qm geplant, mit 36,5 qm aufgetakelt, heute 46 qm. Groß 30, Genua 19, Fock 16, Sturmfock 12, Gennaker 37, Spinnaker 62 qm.

Im Frühjahr 1934 läuft Gugger bei der Faul-Werft am Zürichsee vom Stapel

Die 1896 in Wollishofen bei Zürich gegründete und seit 1914 in Horgen am Zürichsee ansässige „John Faul Automobile und Wasserfahrzeuge“ begann als Tankstelle mit Autoverkauf und -werkstatt nebst Werft. Der Werftgründer verdingte sich nebenher zunächst als Fahrlehrer. Später baute Faul Passagierschiffe, Schlepper, Motor- und Segelboote vom Piraten bis zum Lacustre. Bis 1975 entstanden bei Faul etwa 1.200 Holzboote, darunter Motoryachten der Hausmarke „Swiss Craft“. Heute verkauft, repariert und lagert der Betrieb an zwei Standorten am Zürichsee Boote.

Johan Anker (geb. 1871) war treibende Kraft der 1906 in London vereinbarten Meterklassenformel, die er variantenreich entwarf, in der Anker & Jensen Werft bauen ließ und erfolgreich segelte. Seinem Debüt mit dem Zwölfer „Rollo“ bei der Europawoche folgte die Goldmedaille in der gleichen Klasse bei der Olympiade in Stockholm. Ankers größter Wurf war der 1928 gezeichnete Drachen, 1948 – 72 olympische Klasse, heute ein international gefragter Evergreen der Regattabahnen. Als Freund des norwegischen Kronprinzen Olaf zeichnete Anker von 1926 bis ’38 praktisch jedes Jahr ein neues Boot für das Königshaus. Mit dem Thronfolger an der Vorschot segelte der international gefragte Konstrukteur 1928 bei der Olympiade in Holland im Sechser noch mal Gold.

Interessant ist, das „Gugger“ mit dem 1916 gezeichneten N-Båd namens „Mistral“ einen etwas größeren, allerdings deutlich schwereren Vorläufer hat. Ähnlicher ist „Gugger“ allerdings dem sogenannten Stordrak, den Anker 1939 als größere Schwester des Drachen entwarf und den er im Alter selbst im Oslofjord segelte. Der umfangreiche Nachlass des 1940 verstorbenen Konstrukteurs Johan Anker wird im Norsk Sjofartsmuseum in Oslo verwahrt.

Dank an Marianne Gut-Schweizer, Britta Rosehr, Inke Paulsen und Arnd Deutsch

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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3 Kommentare zu „“Gugger” Bj. 1934: Entworfen in NOR, gebaut in SUI und aktiv gesegelt in der Lübecker Bucht“

  1. avatar liebersegeln sagt:

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  2. avatar 12er Enthusiast sagt:

    Danke für die Einblicke – einfach schön! Viel Spaß weiterhin beim “guggern”!

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  3. avatar Manfred sagt:

    Sehr schöner Bericht! Danke.

    Smooth sailing, lieber Erdmann.

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