Hamburg Summer Classics 2013: Mit dem Holzdrachen auf der Alster

"Bloß das Möbel nicht beschädigen"

56 Oldtimer älter als 25 Jahre waren zur Summer Classics in Hamburg gemeldet. Andreas Borrink hat sich dafür erstmals auf einen Drachen gesetzt und schreibt über sein Erlebnis.

Holzdrachen

Holzdrachen beim Start vor dem HSC. © Christiane Bach

Anruf eines Segelfreundes aus den wirklich ganz alten Zeiten: „Hi! Willst du am Wochenende meinen Holzdrachen auf den Summer Classics steuern? Ich habe leider keine Zeit!“ „Hä? Ich? Drachen? Noch nie gemacht und ewig nicht gesteuert!“

Aber wer bin ich, dass ich diese Frage verneinen könnte? Jeder, der in jüngsten Jahren seine Seglerlaufbahn auf der Alster begonnen hat, erinnert sich mit Respekt und Ehrfurcht an diese wohl elegantesten Boote von allen. Und an die gestandenen Männer, die – in Lee sitzend, die Pinne lässig geschultert – diese Schmuckstücke souverän um den Parcours gelenkt haben. Dazwischen wir mit unseren Sternchen und 420ern. Was haben wir rumkrakeelt, wenn die an der Tonne mal wieder einfach dicht gemacht haben….seit gestern ist es mir klar: die KONNTEN gar nicht Raum geben!

56 wunderschöne Holzboote

Also Crew aus alten Tagen rekrutiert (danke Cati, Felix, Basti – Superjob!) und los geht’s, ohne Training, einfach so. Oberstes Gebot: Bloß das Möbel nicht beschädigen. Am Steg steht schon der örtliche Bootsreparierer und freut sich auf Montag. Da muss ich nicht mit in der Warteschlange stehen, sowas wird schnell vierstellig und ist nur peinich.

Claas Lehmann

505er Weltmeister Claas Lehmann am Steuer der “Schäre” CHINGOLO. © Christiane Bach

56 wunderschöne Holzboote, darunter 8 weitere Drachen und jede Menge Bootsbaugeschichte. Neben uns liegt so ein schärenkreuzerartiges Geschoß von Drachenkonstrukteur Johan Anker aus den 20er-Jahren. 4 Tonnen, Spitz wie eine Nadel, VA-Bugbeschlag. Eine echte Waffe, besonders in der Hand von 505er Champion Claas Lehmann, der ja auch nicht gerade als untermotiviert gilt. Mir wird sofort klar, mit wem ich mich nicht anlegen werde.

Der erste Känguruh-Start steht an. Dabei wird die Startzeit entsprechend der Yardstick-Vergütung vorgegeben. Der Erste im Ziel ist auch erster nach Vergütung. Dank meines Tchibofunkweckers timen wir den Auftakt bei Sonne und 2-3 fast perfekt und rauschen im Kielwasser des Drachens von Dr. Phillip mit Brassfahrt zum ersten Faß. Ha, denke ich, geht doch, auch nur ein Segelboot wie alle anderen, und fange an, von vorderen Platzierungen zu träumen.

“Die Leebändsel winken”

Aber der durchschnittliche Jollen- und Sportbootsegler wird auf dem Drachen erbarmungslos von der Realität eingeholt. Dieses Boot kommuniziert irgendwie nicht mit mir. Ich fahre stundenlang an der Kreuz zu tief, bis endlich einer ruft: „Fahr höher, die Leebändsel winken!“ Ich merke es irgendwie nicht.

Hamburg Summer Classics

Jede Menge Holz auf der Alster. © Christiane Bach

Also immer schön aufpassen, die Dreher (reichlichst mal wieder auf der Alster) alle mit nehmen, wenden, hochfahren, wieder wenden……und zusehen, wie die anderen Drachen an uns vorbeirauschen. Lektion 1: Kurzlebige Dreher ignorieren, immer schön (stoisch? Aha!) geradeaus fahren.

Naja, ich bin ja lernfähig und jetzt kommt der Raumgang. Da habe ich früher immer gut ausgesehen, besonders auf der Alster. Nach dem Fass das übliche Streben nach Luv. Lass sie doch luven, die Blindgänger, sollen unterm Ufer versauern; wir fahren den direkten Weg und sind am Fass innen, da sammeln wir sie alle wieder ein! Wieder falsch: die Segelwand in Luv ist so geschlossen, dass wir den gesamten Schenkel einparken.

Der Drachen lacht über mich

Irgendwann ist dann die kinetische Energie nach dem Abfallen aufgebraucht und wir kommen nicht wieder in Gang. Zwei Tonnen stehen in der Landschaft rum. Ich zappele so jollenmässig im Boot hin und her (rocking??) und der Drachen kommuniziert jetzt doch mit mir: er lacht über mich und regt sich nicht. Immerhin: ein wunderschöner Anblick, so ein Holzbootfeld von ganz hinten. Der Crew kommen erste Zweifel an der Eignung des Skippers.

Hamburg Summer Classics

Böiger Wind auf der Alsterrunde. © Christiane Bach

Zweite Wettfahrt, mehr Wind. Wir müssen jetzt auch mal was mit den Backstagen machen, da sind so große Räder, an denen kann man drehen, dann hängt die Fock nicht so durch und man fährt irgendwie schneller und höher, das bringts.

Nach dem ersten Fass hektisches Gewinke neben uns, man deutet ins Rigg. Uuhhpps, Lee-Backstag nicht los gemacht, das sieht ja furchtbar aus! Da ist so ein Aluhebel und siehe da, das Stag kommt lose. Erst später wird mir klar, dass so eine Aktion bei Druck durchaus Mastbruchpotential hat und dann wird es auch mal fünfstellig. Lektion 2: Backstagen haben erste Priorität!

Wir freunden uns langsam mit dem Boot an. Im weiteren Verlauf dippen wir nur noch den Spibaum in Lee ins Wasser (viel zu spät geborgen weil übermotiviert) und verbiegen dabei den Beschlag (zweistellig), wickeln beim Ein- und Ausrollen das Spifall in die Genau und versieben jede zweite Wende, weil die Schot so widerwillig um die Wanten läuft. Aber wir steigern uns und erste Drachen bleiben konstant achteraus. Bei diesem Wind geht auf dem Drachen schon alles richtig schwer, wie „schwer“ überhaupt zum Leitbegriff wird.

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8 Kommentare zu „Hamburg Summer Classics 2013: Mit dem Holzdrachen auf der Alster“

  1. avatar SR-Fan sagt:

    Jaja, die Holzboote … haben halt ne Seele (manchmal sogar ne bockige 😉

    Prima Artikel!

    VG

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  2. avatar Stefan Z sagt:

    Irgendwie hatte ich das anders gebucht: 2-3 Windstärken Sonne so ein bisschen nett über Alster schippern. Und jetzt? Dicke Finger, schmerzende Ellenbogen, dicke Knie.
    Schön wars trotzdem. Alte Bekannte getroffen. Mein Bötchen (4 stellig) heil gelassen. Ein Platz im Mittelfeld (vor Andreas und Cati). Eine Dose Lack gewonnen.

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    • avatar andreas borrink sagt:

      Es war ein Vergnügen, gegen dich zu segeln, Stefan. Sorry, dass wir so oft im Weg waren……aber so ein Drachen lässt sich nicht wegbeamen………..

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  3. avatar G54 sagt:

    Toll geschriebener Bericht. und sehr nett geschrieben !
    Fahre selbst seit drei Jahren eine 30 jahre alte Mahagoni-Sperrholz-
    Kommode (klar lackiert!) und den anderen O-Jollen erfolgreich hinterher !

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  4. avatar Minou sagt:

    Sehr unterhaltsam geschrieben. War auch dabei (15er JK von 1961) und es war wie beschrieben. Unbedingt im nächsten Jahre wieder melden.

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  5. avatar boatsailing sagt:

    Schön und humorvoll geschildert, danke!

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  6. avatar Holger sagt:

    was ihr immer mit Claas habt….. der ist doch total tiefenentspannt beim segeln…
    und immer vorne bei der Mittwochsregatta mit der Alt H-Jolle und der Faktor ist da bestimmt gaaaar nicht geschummelt
    Ahoi

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  7. avatar Manfred sagt:

    Klasse Bericht. Da kommt echtes Alster Gefühl auf.
    Vielleicht sollte ich doch wieder zur Alster-Glocke melden?

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