Knarrblog: Vier Tage mit den “Rubin”-Allstars in Istanbul

Heißer Tanz am Bosporus

Von Carsten Kemmling

Türkische Gastfreundschaft mit Bauchtänzerin. © Föh

Die Verarbeitung der Vorgänge vom vergangen langen Wochenende in Istanbul haben etwas länger gedauert, als geplant. Raki mag eine Rolle gespielt haben. Die Regeneration von diesem türkischen Elektrolytgetränk braucht seine Zeit.

Da der Türke ein besonders gastfreundlicher Mensch ist, mag man ihn mit der Ablehnung der Erfrischung nicht verärgern. Wenn er dann auch noch eine grimmig dreinblickende Männercombo mit Zither, Ballaleika, Trommel und Tambourin zum Dinner lädt kann man sich prima das Glitzer-Sacko des Vorsängers schön trinken.

Wenn man ihm türkische Lire zusteckt, entspannen sich die Gesichtszüge der Begleiter, und er kommt mächtig in Fahrt. Wie bei Aufziehpuppen. Dasselbe Prinzip funktioniert bei der Bauchtänzerin, die plötzlich zwischen den Tischen herumwackelt.

Sie klappert ohrenbetäubend und betörend mit ihren Kastagnetten und immer wenn ihre Bewegungen zu erlahmen drohen, muss man Lire in die spärliche Bekleidung stecken. Ein ordentliches Bündel macht sie zum Duracell Häschen. Dann hüpft sie sogar auf den Tisch und windet sich zur orientalischen Musik.

Der alte Provezza-Zweitonner gehörte mit Stuart Childerley am Ruder und Chris Dickson als Taktiker beim Admiral´s Cup 1993 zum britischen Team. © Provezza Sailing Team

Der Farewell-Abend, der uns Rubin Allstars – ich habe mich wie beschrieben eingeschlichen – in einer Istanbuler Seitenstraße von Gastgeber Ergin Imre angediehen wird, gehört wohl zu den herzlichsten „Segelveranstaltungen“, die man erleben kann.

Immer wieder steht ein Mitglied der Gastgeber Crew hinter meinem Stuhl, massiert mir die Schultern – die Türken sind kontaktfreudige Menschen – und prostet zu. Auf gute Freundschaft.

Ich bin ein wenig irritiert als sich Chrischie herüber beugt und fragt: „Sag einmal, hast du überhaupt keinen Spaß?“ Und es klingt so bedauernd und endgültig wie „Hast du jemals Spaß im Leben?

Wie kommt er darauf? Bevor ich losheule, klopft mir Roland tröstend auf die Schulter. Ob alle mitbekommen hat, dass ich die eine oder andere Raki Runde heimlich mit Wasser im Glas bestritten habe? Kann nicht sein. Oder sollte sich tatsächlich noch das 0:6 der Match Race Serie in meinem Gesicht spiegeln? Quatsch.

Klar, wir haben uns nicht besonders toll angestellt. Jörgi ist am Steuer kaum je ein Match gesegelt. Und das mag ich als Souffleur nicht immer entsprechend antizipiert haben. Dennoch war die Leistung gegen die beiden türkischen Teams in Ordnung. Die Rennen gingen nur knapp verloren.

Beim Halbfinale des ersten gegen den vierten waren wir dann aber beim 0:3 gegen die Briten chancenlos. Stuart Childerley war immerhin einmal Soling Match Race Weltmeister. Er wirkt mit seinen 110 Kilo zwar auch nicht mehr so frisch wie 1993, als er noch den türkischen Zweitonner von Ergin Imre beim Admiral´s Cup steuerte. Aber nach einigen Jahren in der Business-Welt zieht es ihn jetzt wieder zurück auf die Regattabahn, wo er als Trainer und Segler aktiv werden will. Entsprechend motiviert geht er zu Werke.

Diese Gedanken kann Chrischie doch nicht in meinem Gesicht lesen.  Ich mag beim Lärm in der Kneipe etwas missverstanden haben. Denn tatsächlich hatte ich lange nicht so viel Spaß. Wenn sich die Tischgespräche mit zunehmendem Fröhlichkeitsgrad der Gürtellinie nähern und immer wieder darunter rutschen ist alles in Ordnung.

Nun tanzen die ersten Briten auf den Tischen. Einer der Jungspunde entwendet dem Vorsänger das garantiert nicht atmungsaktive Glitzer-Jackett und präsentiert es auf dem Tisch bei seiner persönlichen Bauchtanz-Version. Aber auch Chrischie und Matschie legen mit Frau Bauchtänzerin eine flotte Sohle auf das Parkett.

Ein toller Abend. Was für ein Gegensatz, wenn ich an 1995 denke, als ich schon einmal gute zwei Wochen in Istanbul verbracht habe.. Die Prioritäten waren anders. Damals ging es um die Europameisterschaft im Laser. Ich bereitete mich akribisch vor. Kohlenhydratreiche Ernähung, regelmäßiges Meditieren, viel Schlaf.

Jörg Heinritz war viele Jahre lang der "Rubin"-Steuermann von Hans Otto Schümann. © C. Kemmling

Im Wettkampf schien alles zusammenzulaufen. Nach der Hälfte der Serie lag ich im 120 + Boote Feld vorne. Dann kam der unerklärliche Einbruch. Platz 13 am Ende. Heute weiß ich, dass sich einer der vielen im Bosporus schwimmenden Kondome um das Schwert gewickelt haben mag. Von Istanbul habe ich jedenfalls nichts mitbekommen.

Das ist diesmal anders. Die Segelei bildet den Rahmen, Völkerverständigung istProgramm. Ergin Imre wollte die Zeit zurück drehen und seine alten Segelkumpane um sich scharen. Eine hübsche Idee, die sehr ehrlich gemeint ist. Er feiert das 20-Jährige Bestehen seines Provezza-Teams und wollte auch seinen jungen geförderten türkischen Seglern ein paar internationale Seglern vor die Flinte schicken.

Der Mann hat es in der Türkei zu etwas gebracht. Wie gut sein Laden in der Automobil Branche funktioniert, ist wohl an den eindrucksvollen Bodyguards zu erkennen, die sich im Hintergrund herumdrücken. Nebenbei unterhält Imre auch noch die türkische North Sails Loft, die unter anderem für Hanse produziert.

Er hat sichtlich Spaß an seiner Veranstaltung. Den ganzen Tag harrt er auf dem Startschiff aus. Bis spät in den Abend hockt er mit uns zusammen in der Hotel- oder Piratenbar der Marina. Im Hintergrund flimmern Bilder aus alten Cupper Zeiten auf einem Bildschirm. Auch Jörgi Heinritz und seine Rubin Jungs posieren. Gerne mit einem modischen Schnauzer.

Damals waren sie mitten drin in der Welt des internationalen Segelsports. Deutschland war eine Macht. Die alten Geschichten sind faszinierend. Und das Können blitzt noch einmal im letzten Rennen auf. Die Segelduell-Lernkurve steigt steil nach oben.

Es geht um Platz drei im kleinen Finale gegen die Provezza Oldies von damals. Wir stellen sie beim Start ab und fahren mit hervorragenden Manövern und gutem Speed und einen souveränen Sieg heraus. Ein Gastgeschenk? Wie auch immer. Ein schöner Abschluss für eine ungewöhnliche Veranstaltung in einer faszinierenden Stadt.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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