Historie: Biografie von George Lennox Watson, Konstrukteur der “Britannia”

"Der bedeutendste Yachtkonstukteur"

George Lennox Watson war der berühmteste Yacht-Designer seiner Zeit, der sich mit den Konstruktionen der frühen America’s Cup Yachten einen Namen machte. Eine neue Biografie befasst sich mit dem ereignisreichen und erfolgreichen Leben des Briten.

Der America's Cupper Valkyrie III

Der America’s Cupper Valkyrie III mit reichlich Tuch im Firth of Clyde © Petty Bawn Press

Man muss einen gewaltigen Hau haben, oder sich bloß vertieft für’s Metier interessieren, um zwanzig Jahre an einem Buch zu arbeiten. Die Rede ist von Martin Black, einem schottischen Segler und Juristen, der in beharrlicher Feierabendbeschäftigung eine tolle, materialreiche und schön illustrierte Biografie des Yachtkonstrukteurs George Lennox Watson (1851 – 1904) recherchiert und geschrieben hat. Zwar gibt es das 500-Seiten Werk nicht auf Deutsch. Dennoch ist es für jeden Segler, der die Sprache passabel beherrscht und sein Englisch auffrischen möchte, eine lohnende Lektüre.

Der Watson Kiel

Die viktorianische Ära Großbritanniens, Industrialisierung und Handel der prosperierenden Kolonialmacht waren Voraussetzung für Watsons Erfolg. Ende des 19. Jahrhunderts war das fjordartige Gewässer des Clyde im Westen Glasgows das maßgebliche Segelrevier Großbritanniens. Man kann sich heute kaum vorstellen, dass hier die Herausforderer für den Amerika Pokal durch das geschützte und enge Gewässer pflügten. Hier versenkte 1894 die „Santanita“ im Schlachtgetümmel der Big Class Regattabahn die „Valkyrie II“. In Glasgow lohnte es sich, dem unter den Rumpf gebolzten Außenballast einen strömungsgünstigeren Querschnitt zu geben. Diese Watson Idee ist heute eine selbstverständliche Sache, musste aber erst mal erfunden werden.

Watson, der sich 1873 als erster Yachtkonstrukteur überhaupt unabhängig von einer Werft selbstständig machte, hatte nach seiner Ausbildung bei einem der führenden Schiffsbaubetriebe Glasgows gut zu tun. Er zeichnete America’s Cupper wie „Thistle“, „Valkyrie II“, „Valkyrie III“ oder Shamrock II“, Dampfyachten, den berühmten Königlichen Rennkutter „Britannia“ und für den segelbegeisterten Kaiser Wilhelm II. die zweite „Meteor“. Watsons 60 m Schoner „Rainbow“ von 1897 wurde als „Hamburg“ in den Händen einer Eignergemeinschaft des Norddeutschen Regatta-Vereins in unseren Gewässern zur festen Größe.

Damals wurde der Yachtentwurf von Werftinhabern mehr oder minder nebenher in Feierabendarbeit betrieben. Wer die großen Namen des Yachtentwurfs erinnert, dem fallen auch gleich die dazu gehörenden Werften ein: Johan Anker (Anker & Jensen), die drei Generationen der Familie William Fife (Fife of Fairlie), Nathanael Herreshoff (Herreshoff Manufacturing Company), Charles Nicholson (Camper & Nicholson), Max Oertz (Oertz Werke) oder Henry Rasmussen (Abeking & Rasmussen).

Erst 1922, also lange nach Watson gründete der Flugzeugkonstrukteur und -bauer Starling Burgess mit Partnern in Boston das Büro Burgess, Swasey & Paine. Sieben Jahre später folgte die Gründung von Sparkman & Stephens. Aus gutem Grund hat Olin Stephens Watson einmal als „den bedeutendsten Yachtkonstrukteur überhaupt“ bezeichnet.

 Empirie statt Intuition

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war Yachtentwurf eine intuitiv bis künstlerisch ausgeübte Tätigkeit. Am weitesten wurde die Mystifizierung um Nathanael Herreshoff getrieben. Dank seiner notorisch überlegenen Amerika Pokal Verteidigeryachten wurde er „Zauberer“ genannt. Sein Rivale Watson war der erste Yachtkonstrukteur, der seine Entwürfe – Jahrzehnte vor Olin Stephens – systematisch im Schlepptank untersuchte. Er begann diese Pionierleistung zu einer Zeit, als die Instrumente dafür aus heutiger Sicht krude waren.

Bei der Entwicklung von „Shamrock II“ beispielsweise untersuchte Watson ein Dutzend Formen in einem Schlepptank. Die Modelle selbst waren aus Wachs. Damit ersetzte Watson das Künstlertum und den Blindflug der Annahmen durch empirisch voranschreitende Arbeit. Die theoretischen Grundlagen dazu hatte der englische Schiffbauingenieur William Froude (1810 – 1879) mit seiner Formel zur Berechnung des Wasserwiderstands bei Schiffen und der sogenannten Froude-Zahl geliefert.

Obwohl ihm letztlich kein siegreicher Amerika Pokal Herausforderer gelang, war Watson derart gefragt, dass er auch mal die Entwicklung eines Cuppers absagte. Er starb bereits im Alter von 53 Jahren an Überarbeitung.

„Intuition is a dangerous mistress and tends to deceive as often as it illuminates“ – Intuition ist eine gefährliche Geliebte, die so oft in die Irre führt wie sie inspiriert. Einsichten wie diese findet man in dieser tollen Biografie. Zum Kaufen, sich schenken lassen und lesen empfohlen!

 

Martin Black: „G.L. Watson. The Art and Science of Yacht Design“. 496 Seiten. Mit einer Konstruktionsliste sämtlicher Watson Entwürfe von 1871 – 1904. 89 € einschließlich Versandkosten.

– 2005 wurde der 36-Fuß Gaffelkutter „Peggy Bawn“, ein Watson Entwurf von 1894, wieder aufgetakelt.

– Die Replik des berühmtesten Watson Entwurfs, des königlichen Rennkutters „Britannia“ von 1892, deren Bau 1993 in russischen Archangelsk begann, wird neuerdings in Cowes vollendet.

– Beinahe so berühmt wie „Britannia“ ist die klassische Motoryacht „Nahlin“ . Der 91 Meter lange Dampfer wurde 1929 von Watsons Nachfolger J. R. Barnett entworfen. Nach der Entdeckung in Rumänien als Restaurantschiff wurde „Nahlin“ 2005-10 zunächst in Rendsburg, abschließend in Hamburg bei Blohm & Voss restauriert.

Watsons Konstruktionsbüro wird übrigens heute von Unbeirrten weiter geführt 

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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7 Kommentare zu „Historie: Biografie von George Lennox Watson, Konstrukteur der “Britannia”“

  1. avatar AC 90 sagt:

    Watson und J-Class Yachten? Hat sich da jemand ein bischen vertahn?

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  2. avatar AC 90 sagt:

    Könnte schwören gestern im ersten Satz gelesen zu haben, das Watson mit den Jay`s in Verbindung gebracht wurde.

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  3. avatar chris sagt:

    schöner artikel, aber warum “amerika pokal” anstatt “america’s cup” 🙂

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  4. avatar Erdmann sagt:

    Weil ich die in der Regel unnötige Anglisierung unserer schönen Sprache seltsam finde. Es gibt eine Fachzeitschrift, wo Boote neuerdings nicht mehr in Betrieb genommen, vom Stapel gelassen oder aufgetakelt, sondern in pseudocoolem Ami-Schicksprech „gelauncht“ werden.

    Chris, mit Deinem Hinweis, daß der Pokal nach der berühmten Schoner “America” America’s Cup heißt, hättest Du allerdings recht.

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