Historie: Das Segelleben von US-Präsident John F. Kennedy

"An den Ozean gebunden"

John F. Kennedy wuchs mit Booten auf, blieb auch als Präsident der Vereinigten Staaten begeisterter Segler und führte mit mehreren Booten ein amphibisches Leben

Die Gebrüder Ted und John F. Kennedy

Die Gebrüder Ted und John F. Kennedy frönen in den 30er Jahren unbeschwert ihrer Segelleidenchaft, © JFK Library

Was machen Segler bei einem langweiligen Meeting oder unbeobachtet während eines Telefonats? Sie spielen mit dem Stift, kritzeln ein Boot aufs Papier und beamen sich mit solchen Skizzen gedanklich aufs Wasser. Wie zahlreiche Kritzeleien Kennedys belegen, dachte der amerikanische Präsident oft ans Segeln.

Anlässlich seines 15. Geburtstags hatte er im Mai 1932 einen gaffelgetakelten Daysailer geschenkt bekommen. Die Wianno Senior war ein acht Meter langer, 2,5 m breiter Allrounder mit damals üblichem Gaffelgroß, kleiner Fock und einem Unterschlupf unter einer Spritzkappe.

Dave Powers, ein langjähriger Kennedy-Freund, Gründer und Kurator der Kennedy Library erinnert: „Victura bedeutete Kennedy viel. Er segelte sie als Jugendlicher, als Held der Marine, Mitglied des Kongresses, als Senator und später noch als Präsident. Er gewann seine ersten Regatten mit ihr und brachte seiner Verlobten und baldigen Frau Jacqueline an Bord das Segeln bei. Wenn der Präsident in Hyannisport weilte, war er an der Pinne seiner Victura am glücklichsten.“ Auf der Halbinsel Cape Cod zwischen dem Long Island Sound und Boston hatten Kennedys Eltern ein Sommerhaus. Hier lernte er Segeln.

Erfolge auch im Starboot

Die Kennedys im Starboot

Die Kennedys im Starboot “Flash”. © JFK Library

In den dreißiger Jahren hat Kennedy mit seinem Bruder auch Starboot gesegelt. „Starlights“, der Newsletter der Klasse berichtet von zwei Kennedy-Staren namens „Flash“ und „Flash II“ mit den Segelnummern 902 und 721. 1936 gewann Kennedy die Nantucket Sound Meisterschaft und zwei Jahre später gemeinsam mit seinem älteren Bruder zwei Uni-Regatten für Harvard.

Als passionierter Segler zeigte Kennedy seiner Verlobten Jacqueline Bouvier natürlich an Bord seiner „Victura“ den Umgang mit Schot und Pinne. Homestories der Zeitschrift „Life“ zeigten das junge Paar mit sehenswerten, wenn auch inszenierten Fotos beim Segeln, auf dem Vordeck von „Victura“ und beim Auftakeln eines Sunfish am Stand. Bei einer späteren Homestory ist Jacqueline und ihr Mann gemeinsam mit den Kindern an Bord von Kennedys Daysailer zu sehen.

Die Bilder seiner Seglerlebens passten zum Image des Präsidenten als gut aussehende Sportskanone. Zugleich kaschierten sie geschickt Kennedys erhebliche gesundheitliche Probleme. Er trug wegen eines Rückenleidens ein Korsett, hatte anhaltende Schwierigkeiten mit seinem Darm und befand sich ständig in ärztlicher Behandlung. Dennoch wollte Kennedy so oft wie möglich raus aufs Wasser.

Das “schwimmende weiße Haus”

So gehörte die Anschaffung einer 27 t Yawl, auf welcher Kennedy permanent mit den damals möglichen und entsprechend schweren Kommunikationsmöglichkeiten erreichbar war, zu den ersten Maßnahmen des US-Präsidenten. Sie hieß „Manitou“ und fungierte teilweise als eine Art „schwimmendes weißes Haus“.

Kennedy war bereits als junger Senator in Annapolis auf die Yawl aufmerksam geworden. Die 19 m lange Olin Stephens Konstruktion war Ende der dreißiger Jahre für die berühmte Langstreckenregatta von Chicago nach Mackinac entstanden, hatte natürlich eine Kühlbox, außerdem einen Kamin und sogar eine Badewanne.

Außerdem stand ihm von seinem Vorgänger Präsident Eisenhower eine 92-Füßige Motoryacht zur Verfügung, die er nach seinem Großvater mütterlicherseits „Honey Fitz“ umbenannte. Sie wurde intensiv von Kennedy auf dem Potomac River und entlang der amerikanischen Ostküste zwischen Massachusetts und Florida genutzt. Kennedy führte ein amphibisches Leben.

Americas’ Cup Beobachter

Kennedy in Newport

Kennedy locker, lässig bei den America’s Cup Rennen in Newport © Robert L. Knudsen/Weisses Haus

Natürlich beobachtete Kennedy gemeinsam mit seiner Frau im September 1962 draußen vor Newport die zweite America’s Cup Regatta im Zwölfer. In diesem Seglermekka und angesagten Ferienort der amerikanischen Ostküste hatten die Kennedys neun Jahre zuvor geheiratet. Damals forderten die Australier mit „Gretel“ heraus. Vom 15. bis 24. September entschied die amerikanische  „Weatherly“ die fünf Pokalregatten 4:1 für sich.

Ein Foto zeigt das stilsicher maritim gekleidete Präsidentenpaar an Bord eines Begleitschiffes mit Kennedy in einem bequemen Lehnstuhl sitzend und seine Frau als konzentrierte Beobachter der Regatta. Wahrscheinlich ist Jaqueline für dieses Foto vom Korbsessel am rechten Bildrand aufgestanden und hat sich für die Aufnahme in die figurbetonte wie unbequeme Pose begeben. Der Präsident sitzt komfortabel in einem rückenschonenden Sessel.

Damals war die Verteidigung des wie gehabt vom New York Yacht Club aufbewahrten Pokals weniger eine Marketingmaßnahme. Sie war eher eine Angelegenheit von nationaler Trageweite, welche sich der segelbegeisterte US-Präsident natürlich vor Ort ansah. In seiner Rede anlässlich des zweiten America’s Cup nach dem Krieg hatte der segelbegeisterte Präsident am 14. September 1962 im Breakers Hotel in Newport erklärt:

„All of us have in our veins the exact same percentage of salt in our blood that exists in the ocean, and, therefore, we have salt in our blood, in our sweat, in our tears. We are tied to the ocean. And when we go back to the sea — whether it is to sail or to watch it — we are going back from whence we came.”

Kostbare Stunden auf dem Wasser

Kennedy segelte selbst offiziell keine Regatten mehr. Aber bei einer Begegnung zwischen der von Emil „Bus“ Mosbacher gesteuerten „Weatherly“ und „Manitou“ vor Newport wurde das kleine Segelscharmützel unter Freunden sehr zu Kennedys Verdruss von einem der die Präsidentenyawl ständig begleitenden Wachboote gestört.

Viel Muße zum Segeln blieb Kennedy ohnehin nicht. Der weltweit an mehreren Fronten geführte kalte Krieg, der ständig zu einer atomaren Katastrophe werden konnte, die gescheiterte Invasion der Amerikaner in der Schweinebucht, die Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba, die friedliche Lösung der Kuba-Krise, Kennedys Bekenntnis zu Berlin, der andauernde Vietnam-Krieg und die Vorbereitung des Wahlkampfs forderten den Präsidenten. Bereits seinen ersten Posten in der Politik als Senator von Massachusetts hatte Kennedy als „korrumpierenden Job“ bezeichnet.

So bekamen Kennedys kostbare Stunden auf dem Wasser zunehmend symbolischen Charakter. Es ist wahrscheinlich, das Kennedy über seine Begeisterung für das Segeln hinaus einfach gern gedanklich in seine unbeschwerte Jugend zurückkehrte, als er im Urlaubsort seiner Eltern gemeinsam mit seinem älteren Bruder am Piek- und Klaufall das Gaffelgroß setzte. Es sind meist wenige Bilder oder Erlebnisse die ein (Segler-) Leben prägen.

Als das Personal des Rice-Hotels am 22.11.63 das Zimmer des gerade erschossenen Präsidenten aufräumte, entdeckte es neben dem Bett ein Briefpapier des Hotels. Kennedys vermutlich letzte Skizze zeigt ein Boot in bewegtem Wasser mit gesetzter Fock. Es braucht etwas Phantasie, darin seine „Victura“ zu erkennen. Aber welches Boot hätte er sonst zeichnen sollen?

Kennedys Boote

26 Fuß Daysailer „Victura“ Typ Wianno Senior, 7,92 m lang, 2,44 m breit, 1,5 t schwer, Konstruktion von Horace Manley Crosby aus dem Jahr 1913/14, Rumpf- und Segelnummer 94, gebaut von der Crosby Yacht Yard in Osterville/Massachusetts, Geschenk vom Vater Joseph P. Kennedy. Das Boot existiert als restauriertes Exponat.

Die Starboote „Flash“ und „Flash II“ wurden von Kennedys älterem Bruder Joseph und ihm gesegelt. Der erste Star der Kennedybrüder soll 1932 in einer Werft in Brooklyn/New York entstanden und 36 wieder verkauft worden sein. Den zweiten Star übernahmen sie 1934 als Gebrauchtboot. „Flash II“ wurde 1941 nach JFKs Eintritt in die US Armee verkauft, 1996 in Florida für knapp 20 Tausend Dollar ersteigert, von seiner 30 Jahre alten Gfk-Beschichtung befreit und restauriert.

Die 19 m Yawl „Manitou“ entstand 1937 in der MM Davis & Son Werft in Solomons/Maryland für die Chicago – Mackinac Langstreckenregatta nach einem Entwurf von Olin Stephens. Sie gewann die Regatta in ihrer Klasse nach berechneter Zeit in den Jahren 1938, 40 und 41. Länge über Deck 18,90 m, Länge Wasserlinie 13,40 m, Breite 4,20 m, Tiefgang 2,60 m, Verdrängung 27,2 t, Segelfläche 165 qm. Es handelt sich bei „Manitou“ um eine Variante von Olin Stephens berühmter Dorade. Fünf Jahre nach Kennedys Tod wurde das Boot von einer Segelschule ersteigert.

Als sich der griechische Reeder Aristoteles Onassis um die Kennedy-Witwe bemühte, versuchte er zwei mal vergeblich, „Manitou“ für „jeden Preis“ zu kaufen. Nach wiederholtem Eignerwechsel und einer 1999 begonnenen Instandsetzung ist das Boot mit den charakteristischen Hutzen über den Niedergängen vorn und achtern heute in gepflegtem Zustand bei den Klassikerregatten des Mittelmeeres zu sehen. „Manitou“ gehört einer vierköpfigen Eignergemeinschaft.

Die Präsidentenyacht „Honey Fitz“ entstand 1931 bei den Defoe Boat Works in Bay City/Michigan im Auftrag eines privaten Eigners für den Michigansee. Länge 92′ 3″, Breite 16′ 6″, Tiefgang 4′ 10″, Reisegeschwindigkeit 12 kn, Verdrängung 88 t. Nach Verwendung durch die Marine diente das Boot den Präsidenten Truman, Eisenhower, Kennedy, Johnson und schließlich Nixon als Staatsyacht. Kennedy verbrachte viel Zeit an Bord der auf dem Potomac River bei Washington stationierten Motoryacht. Das Boot wurde in den vergangenen Jahren aufwändig restauriert.

Das Leben von John Fitzgerald „Jack“ Kennedy: Er wurde 1917 in Massachusetts geboren, wuchs in begüterten Verhältnissen auf und studierte von 1936 bis 40 in Harvard Politik. Im Jahr darauf meldete er sich freiwillig bei der US-Armee wo er als Kommandant eines Schnellbootes bei einem Einsatz im Pazifik von sich reden machte.

Nach dem Tod seines älteren Bruders setzte Kennedys Vater (ein erfolgreicher Geschäftsmann und vorübergehender US-Botschafter in England) alle Hoffnungen auf eine politische Karriere auf ihn. Dessen finanzielle Unterstützung beschleunigte Kennedys kometenhaften Aufstieg in der amerikanischen Politik. Mit 35 Jahren wurde JFK Senator. 1953 heiratete Kennedy die Journalistin Jacqueline Bouvier. Der gut aussehende Kennedy und seine elegante Frau wurden zum weltweit bewunderten Glamourpaar. 1960 entschied der 41-jährige nach einem Fernsehduell die Wahl zum Präsidenten gegen Richard Nixon knapp für sich. Kennedy wurde am 22. November 1963 während des Wahlkampfes in Dallas erschossen. Seine Wiederwahl galt als sicher.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.

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