Knarrblog: Das erste echte Drachen-Rennen

Ich beschimpfe mich halt gerne selbst…

Mit dem Drachen auf der Alster. Eine echte Herausforderung © M. Reith

Die erste echte Drachen-Regatta läuft eigentlich gar nicht so schlecht. Zwar weigern sich nach und nach alle potenziellen Vorschiffsmänner, ein Wochenende zu opfern. Und die liebe Frau ziert sich auch, als sie richtig vermutet, dass sie nicht der erste Ansprechpartner ist. Aber schließlich kommt sie doch mit an die Startlinie.

Ein gewisser Ehrgeiz soll hier auch nicht verhehlt werden. So muss ich zugeben, dass wir Freitag Nachmittag zum See fuhren, den alten Drachen an den Kran hängten und den Schmodder vom Unterwasserschiff schrubbten. Nicht schön, was da alles so drunter klebt und teilweise nur mit größeren Farb-Placken wieder abgeht. Eigentlich will man gar nicht wissen, was da alles so bremst.

Trotzdem fühlt sich der Schwertransporter danach schneller an. Vielleicht auch nur weil die Gattin so windschnittig auf dem Vorschiff agiert. Jedenfalls erwischen wir einen guten Start im 35 Boote Feld, liegen im Bereich der Top fünf an der Luvtonne… und hangeln uns dann immer weiter zurück. Bis auf den 22. Platz.

Das tut weh. Denn es geht weniger um verpatzte Manöver, die man bei einem uneingespielten Team vermuten könnte. Vielmehr segele ich taktisch extrem blind. Es ist schwer, bei den Wenden die richtige Balance zu finden. Erst wende ich wenig, weil Wenden eben auf einem Drachen viel kosten und verpasse wichtige Winddreher. Dann wende ich zu oft und verliere ebenso.

Das zweite Rennen beginnt wieder mit einem schönen Leestart und einer Top sechs Platzierung in Luv. Ich staune zwar über einen der älteren Platzhirschen auf dem See, der erst recht selbstverständlich ohne Wegerecht an der Luvtonne rein wendet und kurz danach ohne Wegerecht vor den Bug halst. Aber wir wagen es natürlich nicht, die offensichtliche Hackordnung lautstark in Frage zu stellen.

Später verspürt er immerhin ein gewisses Unrecht-Bewusstsein und gibt ein After-Sail-Bier aus. Es wirkt zwar mehr wie eine automatisierte Reaktion als echtes Schuldgefühl. Auf eine Diskussion des Vorfalls will er sich auch gar nicht einlassen. Egal und irgendwie trotzdem nett. Auch an den Nachbartischen gibt man Biere aus. Protestieren scheint verpönt.

Im Rennen folgen wir dem Mann nach dem Vorfall vor dem Wind auf seinem Pfad an die Spitze und sind plötzlich vierter. Der Meister gewinnt das Rennen, während wir uns aber wieder von Windloch zu Windloch zurück hangeln und ins Feld rutschen.

Eine kritische Phase, in der sich die Gattin über meine Wortwahl mokiert, die ich im heftigen Zwiegespräch mit meinem alter ego pflege. Diese Seite konnte ich bisher erfolgreich vor ihr verbergen. Im Wettkampf beschimpfe ich mich halt gerne selbst. Und wenn ich es verdient habe, kann es ziemlich hässlich werden.

Aber es hilft manchmal. Diesmal geht es immerhin nur rückwärts auf Platz neun. Eine ordentliche Basis, um hoch motiviert in den Sonntag zu gehen. Aber der ist flau. Weitere Rennen fallen aus.

Umso mehr bläst es bei der Mittwochsregatta. Nur zehn Teams trotzen den Unbilden des Wetters. Wenn das Wasser bei extremer Schräglage ins Cockpit schwappt, meldet sich kurz der Gedanke, dass diese Drachen schon mal untergehen, wenn es blöd kommt. Aber die Alster ist ja nicht tief.

Eine schöne Leeposition am Start. Es rauscht und orgelt. Die Segel flattern ohrenbetäubend. Wir sind zu früh. Etwas abfallen, um die Linie abzusegeln. Schwupp, plötzlich fehlt der Ruderdruck. Ich habe den Ausleger in der Hand. Das Gummigelenk ist abgerissen. Das Boot schießt geradeaus weiter. Zu früh über die Linie. Ein Piff, ein Strafkreis. Danach sind wir letzter.

Aber das Feld ist dicht beisammen. An der Leetonne wird es eng. Wir lassen uns blind in die Außenkurve drängen. Die schäumenden, Drachenspitzen flößen bei diesem Wind einfach zu viel Respekt ein.

Die Kreuz führt in das Feld der parallel laufenden Yardstick-Mittwochsregatta. Ein Schrei von einem 505er. Was habe ich nun wieder falsch gemacht? Es ist Schwager Martin. Will wohl nur Hallo sagen, während er im Vollglitsch vorbei rauscht. Irgendwie habe ich aber gerade wenig Zeit zum Smalltalk. Der Spi muss hoch. Ein gutes Manöver. Wir sacken drei Boote ein, liegen an der Leetonne im Mittelfeld und…stoppen abrupt ab.

Der Spi hängt am Kiel. Nach dem Übernehmen der Spischoten beim Bergen habe ich ihn nicht, wie von Dirk richtig gefordert, in den Windschatten des Großsegels bugsieren können. Wir überfahren das weiße Tuch. Und unter Wasser hält sich der Vortrieb eines Spis in Grenzen.

Es dauert, bis das Wuhling klariert ist. Immerhin zerreißt das Tuch nicht. Aber wir hetzen dem Feld hinterher. Eisenhart knoten wir das Tuch erneut an und setzen es wieder…um es hektisch wieder zu bergen.

Der Spi hängt quer am Mast. Das Schothorn ist am Fall angeschlagen. So etwas kann eine ganze Runde Bier kosten. Aber das Teil ist so schnell wieder unten. Es dürfte niemand gesehen haben.

Puh, Drachensegeln kostet Nerven!

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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3 Kommentare zu „Knarrblog: Das erste echte Drachen-Rennen“

  1. avatar Kai sagt:

    …immer diese Spiemanöver;-))

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  2. avatar Bimbo sagt:

    Carsten
    PM bei VSK-Fleet

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