Knarrblog: Castelladimare bis Procida – Der Hafenmeister übernimmt beim Ausparken

So kann es weiter gehen

Ich muss wohl etwas grübelnd auf dem Vorschiff gestanden haben. Wie soll man hier aus der Box geschweige denn aus dem Hafen kommen? Gut 15 kleine Motorboote liegen um uns herum. Ein Gewirr aus Gummi und Plastik. Parken in zweiter, dritter, vierter Reihe.

SegelReporter Toern Neapel

Spielereien auf dem Schlag nach Procida. © SegelReporter

Ein Mann winkt vom Steg gegenüber herüber. Ob wir Hilfe brauchen? Daumen hoch. Ich habe mir zwar schon einen Weg aus dem Gewusel ausgedacht. Aber ein Schubs mit dem Gummiboot könnte dann doch helfen, den Bug gegen den Wind herumzudrücken.

Nun ja. Es ist wohl anders gemeint. Fünf Minuten später federt der Kollege, der wohl zum Hafenmeister-Team gehört, über die Gangway an Bord. Ohne Kommentar übernimmt er das Steuerrad. Ich muss den Eindruck eines ziemlichen Volltrottels machen.

Ein paar unverständliche Anweisungen auf Italienisch und dann hämmert er mit Vollgas in die Gummiboote voraus. Es quietscht und quetscht, eine Vorleine reißt ab, aber nun ist  Platz. Das Heck kann Zentimeter genau am goldigen Gelcoat des 50 Fuß Mobos nebenan vorbeischwenken. Dann stratzt Giovanni mit Speed aus der schmalen Boxengasse. Fein, so kann man es auch machen. Ausparken auf Italienisch. Respekt.

Rollgroß verschwindet hinter dem Bimini

SegelReporter Toern Neapel

Der Hafenmeister übernimmt das Kommando und fährt den Clipper lieber selber aus der Boxengasse. © SegelReporter

Wir sind spät dran, haben noch Lebensmittel gebunkert. Ein Supermarkt stellt ein kostenloses Shuttle. Der Vercharterer vermittelt. Beeindruckend, wie sich die Italiener vom Markt ins Zeug legen. Persönliche Betreuung und ganz normale Preise. Eine freundliche Atmosphäre.

Der erste Schlag auf See. Ein fast Anlieger Richtung Ischia. Mehr als 20 Meilen. Aber die Family will gerne raus aus dem Umkreis von Neapel. Also Bimini aufgeklappt, damit man das bei Charterschiffen übliche hohl geschnittene Rollgroß nicht sieht, und hoch am Wind mit 4,5 Knoten Richtung Nordwesten.

SegelReporter Toern Neapel

Körperertüchtigung an Bord. © SegelReporter

Warme drei Beaufort umspielen den Körper. An Land wäre die Hitze wohl kaum auszuhalten. Auf dem Boot ist das Klima perfekt. Da ist er der Unterschied zum Ostsee-Segeln. Aufkreuzen nur in Badehose bei bestem Wind. So soll es sein.

Die Jeanneau fährt zwar nicht besonders hoch, schafft nicht einmal die 45 Grad am Wind, aber irgendwann gelingt es auch mir, vom Racing auf den Cruising Modus umzuschalten. Autopilot an, die Aussicht auf die Küste von Neapel und den Vesuv zur Rechten genießen, dann den Lesestoff zur Hand und entspannen.

Bei 3,5 Knoten Speed nicht mehr an Bord

Der Kleine, der inzwischen der Größte der Familie ist, will allerdings zwischendurch noch schnell das Wasser austesten und sich hinterher ziehen lassen. Aber nach zwei Versuchen wächst das Erstaunen, dass er es nicht schafft selbst bei 3,5 Knoten Fahrt alleine wieder an Bord zu kommen.

SegelReporter Toern Neapel

Windspotter. © SegelReporter

Die Familie wechselt schnell in den Döse Modus, der bei dem Gewackel in der Welle irgendwie automatisch eintritt. Lesen, schlafen, lesen, schlafen. Zwischendurch kommt einmal kurz Action auf, als die Jungs den Bootsmannstuhl entdecken, kurz danach versinkt die Crew aber wieder in der Meditationsphase.

Zwei Schläge noch, dann taucht endlich die Bucht von Procida vor dem Bug auf. Die letzten Meilen geraten etwas zäh. Der Wind wird schwächer, die Schläge fallen sehr breit aus und für die letzte halbe Stunde  nehmen wir dann schließlich doch den Motor zur Hilfe. Damit fährt es sich einfach höher am Wind 🙂 Aber sieben Stunden sind dann doch etwas viel für den Anfang. Wir wollen ja eigentlich keine Meilen kloppen.

Aber das erste Seestück ist geschafft und es wartet die Belohnung. Eine wunderschöne Aussicht auf ein hübsches buntes Dörfchen. Procida klammert sich mühelos an die Felsen. Darunter ankern wir entspannt auf sieben Metern Tiefe und genießen die Land-Abdeckung. Nur die permanente Dünung stört etwas. Aber so kann es erst einmal weiter gehen.

SegelReporter Toern Neapel

Kurz nach 20 Uhr Ankunft in der Ankerbucht von Procida. Die Sonne steht schon tief. © SegelReporter

Procida

Procida aus der Luft. Bunte Häuser enge Straßen. © Vela Vesuvio

SegelReporter Toern Neapel

Procida, wunderschönes Dorf im frühen Morgenlicht. © SegelReporter

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Spenden
http://blueocean.berlin/magicmarine-team-werden/

4 Kommentare zu „Knarrblog: Castelladimare bis Procida – Der Hafenmeister übernimmt beim Ausparken“

  1. avatar Runa sagt:

    Da kommt Urlaubsstimmung auf, klasse Revierl

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

  2. avatar Super-Spät-Segler sagt:

    Moin Carsten!

    Das nächste Mal, wenn der Hafenmeister steuert: bitte filmen! 🙂

    Und zu “Auf dem Boot ist das Klima perfekt. Da ist er der Unterschied zum Ostsee-Segeln. Aufkreuzen nur in Badehose bei bestem Wind. So soll es sein.”

    Wann warst Du das letzte mal an der Ostsee?
    In der Lübecker Bucht herrschen 24° Wassertemperatur bei 3-4 Bft 😉

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 1

    • avatar Jörg sagt:

      Hehe, wollte gerade auch auf den Ostseesommer 2014 Bezug nehmen:-)
      Wohl dann in 9 Jahren wieder…

      Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

    • avatar Carsten Kemmling sagt:

      Allerdings 🙂 Dieses Jahr Mittelmeerbedingungen in der Heimat. Man muss wirklich nicht wech. Schlechtes Timing 🙂 Ich wünsche allen, dass es so bleibt. Dann auch wieder nächstes Jahr.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *