Knarrblog: Eingeweht in Faarborg – Die Yachtie-Gemeinschaft, gefangen am Steg

Mikrokosmos der Yachtie-Szene

Zwei Tage in Faaborg. Die Kühe wehen über den Deich. Ein Schauer jagt den nächsten, aber irgendwie mag so gar keine schlechte Stimmung aufkommen.

Faaborg

Bente im Stadthafen von Faarborg vor dem markanten Glockenturm. © SegelReporter

Gut, dass wir uns am frühen Morgen vor dem Frühstück und dem angesagten noch tieferen Druck vom kleinen Fjellebroen ins größere Städtchen verholt haben. Der Wind holt noch Luft und die Welt ist in Ordnung. Vielleicht ist es doch blöd, dass wir im Segelurlaub diese gesegneten Morgenstunden immer verpassen.

Schade nur, dass das beschauliche Inselchen Lyö oder das türkise Wasser vor Avernakö nicht die angemessene Wertschätzung erfahren. Auch ihretwegen sind wir seit längerer Zeit wieder in die dänische Südsee gekommen. Back to the roots, wo es so viele schöne Stunden beim Planschen am Strand mit den Kids zu verbringen gab.

Veränderter Fokus ohne Kids

Sonst sind wir an Faaborg immer vorbei gesegelt. Aber nun haben wir mit den Freunden beschlossen, bei Schietwetter die 7000 Seelen Kleinstadt zu erkunden. Mehr Restaurants, Cafés – ohne die lieben Kleinen an Bord verschiebt sich der Fokus dann doch etwas.

Diesmal beziehen wir einen Platz im Stadthafen. Es herrscht leicht angespannte Stimmung. Die ersten Böen dengeln in den Riggs. Skipper legen zusätzliche Luv-Leinen, zurren ihre Segel fest und diskutieren den Wetterbericht.

Den wenigen Crews, die sich doch noch in Schale schmeißen und in voller Montur den Hafen verlassen, wird lange hinterher gesehen. Wo sie wohl hinwollen? Ob es ihnen gut ergeht? Über den Tag sind zünftige 30 Knoten angesagt.

Giftiger Windstoß

Beim Anleger wirft uns schon ein kleiner giftiger Windstoß aus der Bahn. Der schmale Kiel, der hohe Aufbau und das 1300 Kilo leichte Schiff sind anfällig für Seitenwind. Aber ich bekomme immer besser das Handling des Außenborders parallel zur Pinne in den Griff.

Faaborg

Mit der Nase im Sturm. Dunkle Wolken jagen über den Steg. © SegelReporter

Quirl querstellen, kräftigen, kurzen Schub geben, und schon balanciert der Bug wieder im Wind. Der Winkel passt zwar nicht genau zur angepeilten Box, aber so einen leichten 24 Fußer kann man noch gut per Hand in die Parkbucht ziehen.

Es herrscht eine besondere Atmosphäre im Hafen. Die Aussicht, gemeinsame Sturmtage zu verbringen, schweißt zusammen. Man redet mehr, nimmt sich genauer wahr. Zum Beispiel die Nachbarn zur Linken, mit ihrer professionell ausgerüsteten Dehler 36. Dicke Rollen mit Gurtband am Heckkorb verraten den Schären-Spezialisten – Festmachen per Heckanker und Vorleine am Felsen-Nagel. Die Netze an der Reling machen das Segeln mit Kindern entspannter. Nett, wie sie mit den Kids umgehen.

Ruhe und Bugstrahlruder

Das ältere Ehepaar zu Rechten strahlt die Ruhe und Entspannung aus, die zu ihrem Motorsegler mit Bugstrahlruder passt. Ein gutmütiges Teil. Auslaufen in den nächsten Tagen? Brauchen wir nicht – wir haben viiiel Zeit. Ein Monat sind sie unterwegs.

Der Steg in Faaborg ist ein Mikrokosmos der Yachtie-Szene. Interessante Menschen, die es mit ihren Booten hierher verschlagen hat. So verschieden Yachten und Segelerfahrung sind, alle vereint das exklusive Wissen um die Vorzüge des Lebens auf dem Wasser.

Faaborg

Weit gereist. Ein Bugkorb zeigt die Etappen an. Es gibt viel zu erzählen. © SegelReporter

Am Steg empfängt uns ein Skipper vom Bodensee, der für den jährlichen Sommertörn einen Motorsegler im Norden unterhält. Bei der Segelbundesliga in Konstanz gehörte er zu den Bojenlegern.

Wir treffen die junge Crew mit dem lang- und weißhaarigen Skipper wieder, die am Vortag auf Gegenkurs, anfeuernd das Setzen des Gennakers von uns forderte. Die Jungs sind sehr Bente interessiert.

Britischer Einhandsegler

Spät kommt noch ein älterer Brite auf einer Art Folkeboot in den Hafen und sorgt für einen kleinen Auflauf am Steg. Alle wollen helfen. Der Mann fordert Respekt ab. Genauso wie das Pärchen mit dem Jollenkreuzer oder der hölzerne Racer mit den IOR Linien, dem flexiblen Rigg und den Backstagen. Über das große Cockpit ist eine riesige Kuchenbude gespannt. Die beiden kleinen Kinder haben genügend Auslauf.

Am Kai liegt noch ein herrlicher, schmaler Holz-Klassiker mit Doppel-Vorstag, Pinnensteuerung und ausladendem Heck. Der stattliche, vollbärtige, grauhaarige Skipper hat etwas Künstlerisches. Entspannt räkelt sich der schwarze Bordhund mit flatternder Mähne auf dem Achterschiff.

Der höchste Mast gehört Peter Wrede, dem Olympioniken von 1988 und seiner Frau Kirsten. Stolz ragt das schwarze Rohr des dunklen Renners in den grauen Himmel. Die jagenden Wolkenfetzen mögen daran hängenbleiben.

Schirme wehen über den Marktplatz

Wir bummeln mit den Freunden durch das fast 800 Jahre alte Städtchen mit dem markanten gelben Glockenturm der alten Stadtkirche. Die Altstadt zählt zu den am besten erhaltenen in Dänemark. Zahllose Cafés laden in Faaborg zum Einkehren ein. Ein kleines Kuchenstück kostet schon mal umgerechnet 6 Euro und der Sturm weht die Schirme auf dem Marktplatz um, aber das trübt die herzliche Ausstrahlung des Ortes in keinster Weise.

So suchen wir nach dem ausgiebigen Café Erlebnis übergangslos nach einem Platz zum Abendessen. Das Restaurant Heimdal, benannt nach dem Wächter der Götter aus der nordischen Mythologie lädt ein. Zwei Jahre lang hatte es geschlossen, nun sind seit wenigen Tagen wieder Gäste willkommen. Die Scholle wir von einem gebeugten, älteren Dänen serviert.

Entspannt schlurft er durch die dunklen Räume. Lustig blitzen seine Augen. Mit trockenem Humor wickelt er die amerikanischen Touristinnen ein und kommt auch mit den lauten, betrunkenen Fischern am Nebentisch klar. Er ruht in sich selbst, und irgendwie steht er für den Charme dieses kleinen verträumten Ortes im dänischen Niemandsland.

Ohne den Sturm wäre man diesem Platz nicht so nahe gekommen. Vielleicht sollten man einfach öfter mal etwas länger bleiben.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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Ein Kommentar „Knarrblog: Eingeweht in Faarborg – Die Yachtie-Gemeinschaft, gefangen am Steg“

  1. avatar Klaus sagt:

    Schleimünde – Faaborg = 25 sm 🙂

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