Knarrblog: Procida bis Casamicciola auf Ischia – Handy in der Bilge, Aufregung in der Nacht

Wackelnde Wohnplattform

Der SR Sommertörn führt diesmal durch den Golf von Neapel. Bei Ischia geht ein mobiles Endgerät verloren, die Crew ist dem großen Wackeln ausgesetzt, der Nachbarlieger treibt vorbei und Ruhe im Hafen ist teuer erkauft.

Sommertoern Neapel

Selfie vom Gummiboot. © SegelReporter

Ein leises Poltern, ein spitzer Schrei dann ist es weg das iPhone. Wohl auf Nimmerwiedersehen. In der Steuerbord Heckkammer ist das Teil zwischen Rumpf und Decksschale gerutscht. Ein breiter Spalt an der Fensterablage ergibt auf der Sun Odyssee 409 eine hübsche Falle. Jetzt klingelt es eben in der Bilge.

Der Junge ist genervt, ich eigentlich nicht so. Endlich hat dieses Hassobjekt, mit dem man um die Aufmerksamkeit des Nachwuchses eifersüchtelt, das Schicksal erlitten, das ihm gebührt. Drehen sich nicht die meisten Familienstreits mit der Head down Generation um die Telefone, die man früher einmal zum Telefonieren benutzte?  „Kannst du nicht endlich mal (kreisch) dieses verdammte Teil weglegen?!!“ „Nicht am Tisch…nicht auf dem Klo…im Gespräch…auf dem Fahrrad…“.

Sommertoern Neapel

Falle am Fenster. Dahinter rutschte das Handy in die Bilge. © SegelReporter

Nun ist es also wech. Ob die französischen Bootsbauer absichtlich diese Handy-Falle eingebaut haben, um den perfekten Urlaub zu garantieren? Ob sich die Geräte in der Bilge wie in einer Schublade sammeln, die nach dem Törn dann entleert werden kann? Es wäre sehr weitreichend gedacht. Einmal meldet sich das Phone noch mit einem gurgelnden Alarm, aus der Tiefe des Bootes. 13 Uhr. Das Kaninchen soll gefüttert werden. Dann ist Schicht im Schacht.

Segelurlaub ist lesen

Erstaunlicherweise schlägt das Ereignis allerdings nicht zu sehr auf die Stimmung. Es mag daran liegen, dass es schon die Spider App, also ein zerbrochenes Display, geladen war. Aber der mobile Knochen spielte auch bisher an Bord noch keine so große Rolle. Ein paar Selfies für den Snapchat und das war’s.

Papa braucht schließlich den kostbaren Strom zum Schreiben. Und der WLAN Schlüssel zum Verschicken des Bord-Tagebuchs ist geheim. Darauf waren sie vorbereitet. Die Entzugserscheinungen halten sich in Grenzen. Nun hat auch der Kleine tatsächlich die Faszination des Buches entdeckt. So wie die gesamte Crew. Er hat es endlich gecheckt. Lesen ist Urlaub, Urlaub ist lesen. Gerade beim Segeln. Der Große hat schon drei Bücher durch.

Sommertoern Neapel

Bedeckter Himmel über Procida, eine Seltenheit. Nach der Wende geht’s gen Ischia. © SegelReporter

Zwei Nächte lagen wir nun schon in der Bucht der kleinen Vulkaninsel Procida vor Anker. Ein Bisschen haben wir uns in dieses Dörfchen mit seinen verwinkelten Gassen verliebt. Ausflug am Morgen, wenn die Jungs noch in den Federn dösen. Cappucino zum Frühstück mit Ausblick vom höchsten Café des Ortes bei der Abtei San Michele Arcangelo, die über der Bucht zu schweben scheint.

Schwimm- und Wohnplattform

Für diese Art des Segelurlaubs ist dieses Schiff gemacht. Segelspaß mag überbewertet werden. Hier ist eine Schwimm- und Wohnplattform gefragt. Es geht ums Schwimmen und Schnorcheln. Das Gummiboot kann bequem vom Vorschiff gehievt werden. Und zwei Klos haben wir nicht einmal zuhause.

Wenn nur dieses Gewackel nicht wäre. Ein ziemlicher Schwell steht in der nach Osten offenen Bucht, obwohl eigentlich Nordwestwind herrscht. Ob die Wellen der Berufschiffahrt hereinschwappen? Nach der ersten unruhigen Nacht, wollen wir eigentlich verholen. Dem Großen ging es nicht gut. Aber am Nachmittag fällt dann doch die Entscheidung zu bleiben, obwohl der Wind auf Südost gedreht hat und jetzt in die Bucht zielt.

Man könnte auf die andere Seite der Insel segeln. Aber Bequemlichkeit schleicht sich ein und außerdem soll es in der Nacht wieder zurück auf Nordwest drehen. So wird es dann doch sehr ungemütlich im Dunkeln. Der Südwind frischt auf. Es weht mit fünf bis sechs. Das Schiff ruckt am Anker. Ob er hält? Es knarzt und rollt. Die Jungs versuchen, im Cockpit zu schlafen.

Der Nachbar geht auf Drift

Sie schlagen Alarm, weil der Nachbar auf Drift geht Richtung Legerwall. Es ist ein freundlicher deutscher Profi Skipper mit großzügigem Zweimaster. Wir trafen ihn auf der Insel. Ob wir helfen sollen? Eigentlich ist es ja längst noch nicht kritisch. Der Grasboden wird immer flacher, der kritische Bereich ist weit entfernt, es liegt kein Schiff in Lee und bald sollte der Anker doch wieder fassen. Aber es ist keine Aktivität zu erkennen. Ob der Mann schläft?

Sommertoern Neapel

Segeln in der Welle. mit knapp fünf Knoten gegen einen Fünfer an. © SegelReporter

Gegen zwei Uhr drängen die Jungs. „Wir müssen helfen.“ Und ich fühle mich schon als notorischer Wegseher, als ich erkläre, dass der Kollege es bestimmt im Griff hat. Wenn es kritisch wird, macht er einfach den Motor an und fährt aus der Bucht. Aber vielleicht ist er wirklich eingenickt. Irgendwann kommt der Punkt. Ich ziehe mich an, mache das Dinghy klar, überlege, ob der Mini-Motor das schafft, da erscheint der Mann im Gegenlicht des Ortes an Deck. Er ist offenbar wach, kann die Situation bewusst einschätzen und dann hält offenbar auch das Eisen.

Was für eine Nacht. Niemand macht ein Auge zu. So gegen drei dreht der Wind um 180 Grad. Der Ankeralarm des GPS meldet sich. Gott sei Dank sind wir in dieser Bucht geblieben. Der Windschutz ist wieder da. Aber der Schwell bleibt. Jetzt reicht es langsam. Es fängt an zu regnen. Zeit für die nächste Station.

Immer gegenan

Doch es dauert, bis die Crew den Schlaf nachgeholt hat. Der Sprung zur mehr als 20 Meilen entfernten Insel Vontotene wäre zu mühsam. Wir wollen einmal um Ischia rum und uns irgendwo ein Plätzchen suchen. Bei Nordwest wäre es im Süden geschützt. Aber die Regenwolken bringen wieder eine heftige Südtendenz in die Windrichtung. Immer müssen wir gegenan.

Nach einer Stunde Gegenanbolzen bei einem schönen Fünfer, fängt die Crew an zu murren. Wir drehen ab in den Canale d’Ischia und tingeln geschützt an der Nordküste der mit 46 Quadratkilometern größten Insel im Golf von Neapel entlang, die übrigens überhaupt nichts mit diesem Nerv zu tun hat.

In irgendeinem Hafen müssen wir Wasser bunkern und wollen dann in eine geschützte Bucht. Aber dann dreht es wieder auf den üblichen Nordwest. Es wackelt wieder äußerst heftig. Wir wollen uns eine ruhige Nacht im Hafen gönnen.

110 Euro Liegegeld für die Nacht

Casamicciola liegt in Reichweite. Rod Heikell schreibt in seinem Buch von 2009, dass der Preis mit 40 bis 55 Euro für diese Region noch erträglich sei. Im Segel-weg-Manöver sorgt die Schnellfähre für kurzzeitiges Herzrasen als sie mit einem lauten Hupen von achteraus in die Marina hämmert.

Aber der Hafenmeister winkt freundlich. Ich bin dann auch ziemlich stolz auf den ersten Anleger mit dem großen Klopper. Muss dann aber doch schlucken, als der Meister 110 Euronen für die 11,98 Meter Yacht berappt. Auf die vorsichtige Nachfrage, ob das ein normaler Preis sei, zuckt er etwas und schreibt schließlich 90 Euro auf.

Ob wir so erschreckt aussehen? Oder es war das schlechte Gewissen, dass die Dusche kaputt ist. Wie auch immer. Hier müssen wir erst einmal bleiben, um die Liegezeit auch ordentlich auszukosten.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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3 Kommentare zu „Knarrblog: Procida bis Casamicciola auf Ischia – Handy in der Bilge, Aufregung in der Nacht“

  1. avatar Ole H. sagt:

    Mit den Liegeplatzpreisen warte ich ja gespannt auf Capri. Wenn da die Sonne im Meer versinkt….. – dann wollen ordentlich Euros ausgegeben sein.

    Schönen Urlaub euch!

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    • avatar Thomas Erstfeld sagt:

      Wir haben im Mai 200 Euro für 41 Fuß bezahlt. Dafür wird man dann aber auch im Golfwagen vom Schiff zur Dusche gefahren. 😉

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  2. avatar minne sagt:

    Carsten, gib doch zu, dass Du die Seitenverkleidung aus purem Eigennutz mit den großen Schraubenzieher aus der Verklebung gelöst hast…;)

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

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