Maler-Porträt: Hinnerk Bodendieck und seine „Kronprinzessin Ute“

Der segelnde Impressionist

Der Hamburger Grafiker und Maler Hinnerk Bodendieck ist seit zwei Jahrzehnten mit einem handlich hübschen Eigenbau unterwegs. Er segelt und malt überall wo es schön ist. Ein Porträt.

Es gibt zwei Möglichkeiten, sich mit dem Segeln zu beschäftigen. Man kann seine kostbare Freizeit mit dem Surrogat, dem Traum vom großen Boot und dessen Instandhaltung vertrödeln. Oder man baut sich eins in der passenden Größe und segelt einfach. Auf der Alster, Elbe, der Kieler oder Flensburger Förde beispielsweise, auf dem Ratzeburger See oder dem Golf von Saint Tropez.

Maler Bodendieck

Hinnerk Bodendieck und Fiete Girardet mit ‘Kronprinzessin Ute’ vor Saint Tropez © Michael Kurtz – Pantaenius Monaco

Die Sache mit dem Bau hat der Hamburger Grafiker, Illustrator und Maler Hinnerk Bodendieck auf naheliegende Weise gelöst. Weil die üblichen Garagen, Zelte oder Schuppen im Winter dunkel, zugig und unnötig teuer sind, baute er das Boot in der Wohnung seiner Eltern.

Diese Variante hatte auch für Bodendiecks Eltern Vorteile: Sie wussten, was ihr Junge in der Freizeit so macht. Der Hobby-Bootsbauer wiederum hatte es warm, was auch dem Anrühren und Verarbeitung, dem Trocknen und Aushärten der verarbeiteten Kleber, Harze und Lacke zugute kam. Er hatte gescheites Licht. Außerdem gab es zwischendurch dank kurzer Wege zur Pantry mal einen Tee und was zu essen.

Kapriziös mit goldenen Lettern

Wer den Bootsnamen „Kronprinzessin Ute“ mit Hinweis auf den Heimathafen „Blankenese“ – angebracht in goldenen Lettern – für kapriziös hält, sollte wissen: Es handelt es sich erstens um einen veritablen Zweimaster. Zweitens die Nachahmung eines Beibootes zum artgerechten Übersetzen von Kapitänen oder (mindestens) Kommandanten. Drittens ist der Bootsname ein Dank an Bodendiecks Mutter.

Die Gig ist ein leichtes, geklinkertes Ruderbeiboot mit Hilfsbesegelung, also das klassische Gefährt zur Fortbewegung auf dem Wasser mit umweltfreundlichem Hybridantrieb. Dabei ist die Inanspruchnahme des Windes beliebter. Rudern ist unnötig anstrengend und gibt Schwielen an den Händen.

Als Bodendieck die Handhabung der Jolle auf allen möglichen Gewässern geübt hatte, wollte er mal nach Saint Tropez. Da muss jeder Segler mal hin. Natürlich nicht irgendwann im Sommer. Da kommt außer obszön reichen Russen fast jeder rein.

Bodendiek wollte in der ersten Oktoberwoche zu den Voiles de Saint Tropez, zum Klassiker gucken. Diesmal kam statt seinem Vater Bodendiecks treuer Matrose Fiete Girardet mit.

Auf zum Gral klassischer Yachten

Die beiden packten die Jolle auf den Hänger und putzten die 1.600 Kilometer bis Port Grimaud in einer Sitzung weg. Das Gefährt war flott eingewassert, aufgetakelt und eingeräumt. Denn der einzig wahre Weg zum Vieux Port von Saint Tropez, diesem Concours des verfeinerten maritimen Geschmacks, dem Gral klassischer Yachten geht nur auf eigenem Kiel und angemessen besegelt.

Eigentlich kommt man während der Segelwoche nur nach Anmeldung in den Vieux Port, sofern man ein unverbaut klassisches Boot hat oder ein modernes, wo Wally drauf steht. Denn der Hafen ist dann eine geschlossene Gesellschaft.

Die 16 Fuß Jolle, deren Name und Heimat in goldenen Lettern auf dem schwarzen obersten Plankengang angebracht ist, steuerte unbehelligt von Pfiffen, Platzverweisen und bulligen Türstehern zwischen der langen Mole und der vorgelagerten Marina, wo das moderne Vollplastik Kroppzeug ganzjährig Seepocken ansetzt, die Arena des alten Hafens an.

Im Fischerhafen von St. Tropez

Sogar die Passage der Capitainerie im dicken Turm gelang. Kein wildes Gefuchtel, kein Schlauchboot preschte heran. Bodendieck drehte mitten in der Arena vor den kühnen Vorsteven und Klüverbäumen mit einem Aufschießer in den Wind. Der drei Quadratmeter Klüver und das handliche Luggersegel wurde geborgen und der praktische Besan weggepackt. Fiete legte sich in die Riemen. In der nordöstlichen Ecke des Hafens fand sich vor der Mole Jean Révelle zwischen den Fischer- und Beibooten sogar ein Spalt zum anlegen.

Natürlich war Bodendieck nicht nur der kühnen Hafenansteuerung und wunderbaren Boote halber gekommen, die sich hier zum stilvollen Saisonabschluß versammeln. Er holte seine Farben heraus und fing an. Am einstigen Umschlagplatz für Wein, Kork, Fisch oder Nüsse war der segelnde Maler genau am richtigen Ort.

In Saint Tropez griffen Ende des 19. Jahrhunderts die Pointillisten zum Pinsel, rückten Impressionisten die Staffelei zurecht. Bald sprach sich der Charme des Ortes herum. Saint Tropez wurde zum Lebenskünstlerdorf. Genau der richtige Ort für ein Boote bauendes, malendes und segelndes Gesamtkunstwerk wie Bodendieck.

Pestilenz schlecht verbrannten Diesels

Nirgendwo mischt sich die Pestilenz schlecht verbrannten Diesels besser mit sündteurem Parfüm als Anfang Oktober in der Arena pastellfarbener Häuser des Vieux Port. Hier riecht es schon länger nicht mehr „nach Teer, Salz und Sardinen“, wie Guy de Maupassant 1887 bei einem Törn notierte.

Bodendieck malt inspiriert vom Schweden Anders Zorn, dem Franzosen John Singer Sargent oder dem Spanier Joaquin Sorolla in der Tradition des Spätimpressionismus, als begeisterter Segler mit Einschänkungen auch angeregt vom deutschen Marinemaler Hans Bohrdt.

Er nennt bewundernd Carl Becker, Robert Schmidt-Hamburg, Friedrich Kallmorgen und Emil Nolde als Vorbilder. Er begeistert sich für die „verstörend unechten Seestücke“ Manets oder den malenden Seemann, Journalisten und Reisemaler Albert Brenét. Damit sitzt Bodendieck zwischen gleich mehreren Stühlen. Denn die gegenständliche, traditionell inspirierte Malerei gilt als passé.

Haben Sie noch Sex?

Aber solche Rubrizierungen und Trends sind dem jovialen Endvierziger ziemlich schnuppe. Bodendieck, der übrigens einen kompletten Saal ziemlich gut unterhalten kann, begann mal einen Vortrag vor der versammelten Holzwürmerszene mit der irritierenden Frage: „Haben sie noch Sex oder segeln sie schon Klassiker?“

Das gewagte Intro stieß als Variante des weithin bekannten Golferwitz manchem Blazer- und Schiffermützenträger übel auf. Es war schneidend still und interessant zu erleben, mit welcher Nonchalance Bodendieck rhetorisch die Kurve vom diesem Glatteis kriegte.

Natürlich hat Bodendieck in Saint Tropez nicht nur gemalt. Als Klassiker Liebhaber hat er natürlich Schiffe geguckt. Angesichts der Schönheit und Vielfalt im Vieux Port versammelter Kostbarkeiten kann man in der ersten Oktoberwoche in Saint Tropez verrückt werden.

Liebe zur Materie

Bodendieck hat ein beeindruckend kritisches Auge für Yachten. Er kann bei manchem als Replik daher kommenden Neubau genau erklären, was nicht stimmt.

Tja und zwischendurch ging Bodendieck natürlich segeln. Mal solo, mal mit Matrose Fietje. Mit so einem handlichen Boot ist das Ablegen und Auftakeln kein Akt. Es ist, wie auf den Bildern zu sehen, ein Vergnügen in der beinahe vergessenen Leichtigkeit des Jollensegelns.

Was ist schöner als auf der hohen Kante hockend mit dem Pinnenausleger in der Hand die imaginäre Windkante entlang zu steuern? Außerdem ist es wunderbar Nautiquitäten wie dem markanten Gaffelkutter „Marigold“ oder der charmanten Fahrtenketsch „Yali“ draußen auf dem Wasser zu begegnen.

Im Zeitalter der Digitalfotografie, wo nachbearbeitete Bilder immer perfekter, farbenfroher, leider auch zunehmend glatt, beliebig und austauschbar werden, ist Bodendiecks Liebe zur Materie, sind sein Blick und Talent sehenswert.

Hinnerk Bodendieck

(Jahrgang 1965) segelte von 1979 bis 84 Jugendkutter auf der Elbe, in seinen wilden Jahren Ende der Achziger mit der selbst gebauten offenen 8 m Wander- und Trapezjolle „Wildlingin“ durch die Ostsee nach Schweden, Südnorwegen und Rund Jütland mit zügig absolvierten langen Schlägen. Auch über den Skagerrak und die Nordsee. Er studierte an der Hamburger Fachhochschule für Gestaltung und arbeitete als Werbegrafiker für Peter Neumann.

Bodendiek dokumentierte Seereisen, etwa mit der „Undine“ oder die Skagenregatta der „Elan“ und setzte sich für den Erhalt des Altonaer Museums für Kunst und Kulturgeschichte ein.

Als freier Illustrator und Maler machte er zuletzt mit der aufmerksamkeitsstarken Kampagne „No Passion without risk“ des Yachtversicherers Pantaenius von sich reden.

Sehenswert war die Ausstellung „Hamburg rauf und runter“ der Handelskammer im vergangenen Jahr. Der schnodderig untertreibende Titel, das konzentrierte Tempo, mit dem Bodendieck arbeitet, auch das gewagt Plakative seiner Grafik ist typisch für den jovial umgänglichen Endvierziger. Bodendieks Atelier befindet sich in Hamburg Bahrenfeld.

Bodendiek Website

 

„Kronprinzessin Ute“

Typ: Lugger getakelte Gig
Länge: 4,75 m, mit Bugspriet vorn und Papageienstock achtern etwas mehr
Breite: 1,60 m
Tiefgang: 30 – 90 cm
Segelfläche: 10 – 17 qm
Baujahr: 1991-3

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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3 Kommentare zu „Maler-Porträt: Hinnerk Bodendieck und seine „Kronprinzessin Ute““

  1. avatar Florian K. sagt:

    Schønes Boot.

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  2. avatar Walter Baudisch sagt:

    super Artikel, danke, Erdmann!
    Weiter so!

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  3. avatar Backe sagt:

    Die beiden Bilder von Marigold und Yali haben’s mir ja echt angetan!
    Was so ein feines Stück Leinwand wohl kostet?

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