Neues aus Lorient: Fast allein unter den “Blauen” – Anna-Maria Renken ist wieder „im Spiel“

C'est la vie!

mini 6.50, Proto,

Zickig, aber durchaus liebenswert: “Nat’ché” und miku sind jetzt ein Paar! © miku

Segeln, Leben und Fußball im Mekka des Hochseeregattasports. Es kann nur eines geben: Segeln! 

Es ist so eine Woche wie aus dem Segelbilderbuch: Tagein, tagaus Sonne bis zum Abwinken, knackig blauer Himmel mit vereinzelten Wölkchen, die das Ganze fast schon wieder übertrieben wirken lassen und dazu nette 3-4 Beaufort – ideal wenn nicht sogar fantastisch für jeden Schönwettersegler.

Dass der Autor zu genau dieser Kategorie zählt, hat wiederum mit seinem Ermüdungsgerät, vulgo: Mini 6.50 zu tun. Denn das heißt nicht umsonst „Nat’ché“, was aus dem Bretonischen übersetzt „nass“ bedeutet.

Hart am Limit

Und genau dieser Zustand setzt auf dem antiquierten Vollkarbon-Prototypen mit 25 Flicken in Groß- und Genua immer dann ein, wenn fünf Beaufort Windstärke überschritten werden. Somit wurde in den letzten Tagen also hart am Limit gesegelt, wenn auch nur am Limit zum Nasswerden.

Alle Segel auslüften, stundenlange gemütliche Schläge auf einem Bug einfach raus Richtung Horizont, hinter dem es ja sowieso immer weiter geht. Tief durchatmen, abschalten, mentaler Ruhezustand. Anders formuliert: Mal wieder so richtig besoffen vom Segeln werden.

miku, mini, lorient

Besoffen vom Segeln erst abends nach Hause kommen © miku

Vor dem „Grand Bleu“, also dem offenen Meer, gibt es dann genau an der schmalsten Stelle, dort wo die Tidenströmung völlig unnatürliche Wellenbilder zeichnet, immer noch einen kleinen Adrenalin-Kick, damit man sich später umso entspannter fühlen kann. Das Unterbewusstsein brüllt förmlich: „Mann, du fährst auf eine Untiefe, da vorne sind noch höchsten 20 cm Tiefgang“… aber nein, alles gut, es wird schön brav mitten zwischen grüner und roter Tonne geschippert.

Der winkt so nett

Überhaupt, die Mitte: Genau dort sollte ich eigentlich nicht sein, denn mit einer fast schon unheimlichen Regelmäßigkeit treffen “Nat’ché” und meine Wenigkeit grundsätzlich genau in dieser engsten Passage auf eine (dann ausgesprochen imposant wirkende) Fähre, die zwischen der vorgelagerten Insel „Groix“ und Lorient pendelt.

Ich glaube, deren Steuermann kennt mich schon, jedenfalls hupt er mich öfters an und winkt von oben runter. Manchmal wirken seine Gesten ein wenig hektisch, aber ist doch nett, oder?

miku, mini, lorient

Und zwischen all den IMOCA, Trimaranen und AC-Kats… ein Geisterschiff! © miku

Egal, nur raus. Wie gesagt: Segeln vom Allerfeinsten. Und als Sahnehäubchen wird ja immer reichlich fürs Auge geboten. Was für den normalen Strand-Urlauber vielleicht die Kurven oder Sixpacks des anderen Geschlechts sind, ist für Segler das Defilee unglaublicher Yachten, die vor Lorient unterwegs sind.

Zum Training, für PR-Ausfahrten oder vielleicht auch „nur“ für kleine Entspannungsrunden segeln IMOCA, die derzeit für die Vendée Globe fit gemacht werden, Monstertrimarane wie „Prince de Bretagne“, die rasanten Plattbug-Minis oder die Tabarly Klassiker „Pen Duick“II und V unter voller Beseglung in teils atemberaubendem Tempo vorbei. Wohlgemerkt: Es weht bis vier Beaufort, hart am Limit!

miku, mini, lorient

Autopilot kaputt. Bei dem Wind tut’s auch ein Bändsel… manchmal © miku

Stolz der Segelnation

Ähnlich inspirierend wie draußen auf dem Meer ist es in Lorient aber auch in dem großen Regattahafen „La Base“, wo in den alten U-Boot-Bunkerhallen an den spannendsten Segel-Kamapagnen Frankreichs gebastelt wird. Da kann es dem Mini-Skipper passieren, dass er ermattet von den Tagesmühen unter Torqeedo-E-Motor zurück in den Hafen schnurrt, als gerade dort gerade von einem Riesenkran der Segelflügel auf den Groupama-America’s Cup-Katamaran gestellt wird. Nur probeweise, einfach schauen, ob alles passt.

Am Montag soll unter großem Bohei das erste Testboot, der „Stolz der Segelnation Frankreich“ getauft werden. Es wird mit Zehntausenden Besuchern gerechnet. Die Rümpfe dürfen noch nicht der neuen America’s Cup Regel entsprechen – erst 2017 -, aber der Rest schon.

miku, mini, lorient

Der Autor in gefälliger Heldenpose © miku

Apropos Bohei. Abends in der Hafenkneipe beim Apèro, kommen selbst Solosegler, die nichts anderes als in Ruhe ihr Kaltgetränk nach hartem Sport auf See genießen wollen, kaum drum herum, den einen oder anderen Kumpel zu treffen. Und was kommen musste: „Hey, Du musst unbedingt beim Spiel Frankreich-Deutschland am Donnerstag dabei sein. Es wird gigantisch. Kannst ja Anna-Maria beistehen, ihr seid dann die einzigen Deutschen in dem Haufen hier!“

“Rücken” und Segeln – doofe Kombination

Anna-Maria Renken? Sollte die nicht eigentlich am kommenden Wochenende vor Kanada für die Nordatlantik-Rückregatta „Quebec-St.Malo“ über die Startlinie segeln? Und tatsächlich: Das mit den einzigen Deutschen inmitten Hunderter, größtenteils im „Bleu“ der Französischen Nationalmannschaft gewandeten Fans, sollte sich bewahrheiten.

miku, mini, lorient

Anna Maria Renken und ihr Teamkollege Pierrot, der auch noch gleich die richtigen Farben aufgedrückt bekam © miku

Lächelnd bahnt sich die Deutsche Einhand-Seglerin am Spiel-Abend ihren Weg durch die ziemlich dicht zusammengerückte Fan-Masse in der Hafenbar. Als Einzige mit Schwarz-Rot-Gold auf der Backe, steht sie schließlich von französischen Freunden umringt vor dem TV-Schirm und strahlt in die Runde. Der Grund für ihre Freude: „Ich bin fast wieder schmerzfrei!“ sagt sie.

Während der „TRANSAT“ (Plymouth – New York einhand), die Anna-Maria als erste deutsche Frau beendet hatte, war bei ihr ein „altes“ Rückenleiden wieder ausgebrochen. Das ihr vor allem im letzten Viertel der sowieso schon turbulenten Transatlantik-Regatta (SR berichtete) reichlich Schmerzen und entsprechende Bewegungseinschränkungen bescherte.

Im Big Apple angekommen diagnostizierte man ihr einen schweren Bandscheibenvorfall, der vor Kurzem operiert wurde. „Eigentlich wollten wir ja im Anschluss an die TRANSAT Bakerly die Rückregatta Quebec-St. Malo segeln,“ sagt sie mit Bedauern in der Stimme. „Aber alle rieten mir davon ab und empfahlen die OP. Was wohl richtig so war, denn ich fühle mich wieder richtig gut mittlerweile!“

Multi-Tasker unter sich

Der Rest ist (Sport)-Geschichte, auf die zwei Deutsche allein unter Franzosen keinen Einfluss nehmen konnten. Dabei wurde allerdings deutlich, was für begnadete Multi-Tasker (oder –Talker?) Segler doch sind. Obwohl sich alle auf das Spiel gefreut haben, wird in der Segler-Bar erstmal trotz Anpfiff und heftiger Angriffe Richtung französisches Tor weiter über das Thema No. 1 geredet: Schnelle Boote, deren Ausrüstung, die besten Regatten der letzten Monate, die tollsten Zukunftspläne.

Und erst zum „schweinischen“ Handelfmeter war die Aufmerksamkeit voll und ganz auf das Spiel gerichtet. Nach Torschuss dann Jubel, Geschrei und ein paar Schlucke Hopfenkaltschale… um sich erneut den wirklich wichtigen Themen zuzuwenden. Aber diesmal immer mit einem Auge Richtung Bildschirm. Schließlich will man ja in keiner Hinsicht etwas verpassen.

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Steuerbord tobt der Fußballwahnsinn, backbords ruht der Tabarly-Turm © miku

Epilog

So ein bisschen Wehmut kam dann doch über die beiden einzigen Deutschen in der „La Base“-Bar, als nach dem Abpfiff die französischen Kumpel uns gnädig ihr Beileid ausdrückten. Und, ja, vielleicht war der Handspiel-Elfmeter nicht ganz gerechtfertigt. Aber „c’est la vie“ und außerdem gibt es Wichtigeres. Diese eine Regatta am Wochenende zum Beispiel, die rund um die Ile de Groix führt. Die muss man einfach mitgemacht haben…

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
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4 Kommentare zu „Neues aus Lorient: Fast allein unter den “Blauen” – Anna-Maria Renken ist wieder „im Spiel““

  1. avatar alikatze sagt:

    Das war mal schön zu lesen – einfach so – mit ein bisschen Salzwasser im Text. 🙂

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 0

  2. avatar Breizh sagt:

    Nette Beschreibung der Situationin Lorient. Die Anzahl der verschiedenartigen Offshoreboote ist schon einmalig. Für den normalen deutschen Regattasegler eine ganz andere Welt. Hier wird Segelgeschichte gemacht und gelebt.

    Bin etwas überrascht in diesem Zusammenhang von Anne Marie Renken zu hören und das sie eine OP hatte. Wieso erfährt man dieses nicht früher hier auf SR? Oder gab es dazu keine Internetneldung, die dann hier – wie leider bei fast allen Meldungen aus diesem Themenbereich – nur “abgeschrieben” wird? Ist die Nivea denn schon wieder in Lorient oder segelt sie jemand anderes über den Teich zurück? Auch noch eine interessante Frage, was ist eigentlich aus Isabelle Joschke und ihrer Class 40 geworden? Schließlich ist St. Pierre und Miquelon auch nicht der Ort, wo man Class 40 so einfach reparieren kann. Eine weitere interessante Geschichte, die hier erzählt hätte, werden können, die alle näher am ursprünglichen Segeln sind als bspw. der ganze Kieler Woche Kram.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 1

    • avatar stefan sagt:

      Isabelle findest Du hier:

      http://player.georacing.com/?event=100325&race=92976&name=Quebec%20-%20Saint-Malo&location=

      …ansonsten ist alles was nicht Bundesliga ist, halt schwer zu vermitteln 😀

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      • avatar Breizh sagt:

        Danke für den Link.

        Isabelle Joschka konnte ich finden. Ihr Boot scheint damit wohl wieder zu “schwimmen”. Da wollen wir einmal hoffen, dass sie auf der Rücktour mehr Glück hat. Aber die Nivea konnte ich nicht finden. Wobei es schon etwas komisch ist, dass Armel Tripon als Deutscher geführt wird. Ich wäre davon ausgegangen, dass er Bretone ist (zu mindesten vom Vornamen). Wobei er auf dem Foto auf den ersten Blick aussieht wie Jörg Riechers. Was macht der eigentlich gerade?

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