Porträt: Ex Hanse Chef Michael Schmidt hat die neue Brenta 80 fertiggestellt

Schöne große Designer-Arche

Nach fast vierjähriger Auszeit ist Michael „Schmiddel“ Schmidt, das Powerhouse des deutschen Bootsbaues wieder da. Mit einem neuen Projekt natürlich. Der 80 Fußer wird demnächst aufgetakelt.

Was wäre die Bootswelt ohne Michael Schmidt? Ohne wegweisend gebackene Cupper wie „Diva“, „Düsselboot“, „Outsider“, „Pinta“ und „Rubin“? Ohne den mit seinem Knowhow gewonnenen Admirals Cup Anno 85? Ohne die von ihm gegründete Yachtmaklerei Michael Schmidt & Partner? Ohne Hanse und die reanimierten Bootsmarken Dehler, Fjord, Moody, Varianta?

Schmidt ist in Kiel geboren. Da war das Thema Segeln naheliegend. Die Hardware dazu, die Boote, hat er sich meist selbst gebaut. Den Opti beispielsweise, mit dem Schmidts Bootsbaukarriere im Keller begann. Der hemdsärmelige Macher wusste wie eine Mark zu machen ist. Als er später mal in Hamburg knapp bei Kasse war, verkaufte Schmidt eine günstig in Schweden besorgte Fuhre Mäntel. Einzeln, mit Ertrag.

Es gibt unzählige Geschichten von und über Michael Schmidt. Von einer Reise mit Segelfreunden in die Staaten und den dortigen Frauenbekanntschaften. Es sind virile, zur Anekdote verdichtete Erinnerungen. Deftig, zotig – wie Freunde sie sich vielleicht nach einigen Bieren erzählen. Der clevere Unterhalter erzählt sie vorher. Er setzt den Ton und guckt wen er abholt, wer lacht. Wer Witze erzählt testet meist seine Macht.

Umzug nach Greifswald

Als das Thema Hightech Bootsbau Ende der achtziger Jahre in Wedel durch ist, packt der gelernte Schifffahrtskaufmann zum Entsetzen der Szene seine Sachen. Schmidt ist Anfang Vierzig. Er geht nach Greifswald.

Dort erklärt er der Belegschaft eines stotternden Fischkutter-Reparaturbetriebs: „Für einige von Euch habe ich Arbeit. Alle anderen müssen gehen.“ Das war ein harter Einstieg für den aus dem fernen Hamburg übersiedelten Wessi. Aber genau so ist Schmidt. Er sagt vierkant und manchmal auch vierschrötig, was er meint, vor hat und macht. Sein Betrieb wird ein Jahrzehnt später mehrere hundert Jobs schaffen. Einschließlich der polnischen Zulieferer sind es über tausend Arbeitsplätze.

Boote müssen erschwinglich sein, damit Stückzahlen zustande kommen, eine Werft überhaupt ein Geschäft ist. 1993 bietet er ein bereits eingestelltes schwedisches Serienboot für kleines Geld als Hanse 291 an. Schmidt verkauft prompt 30 Boote.

Gang an die Börse

2007 braucht Schmidt für den Ausbau seiner Aktivitäten Geld. Der hemdsärmelige Macher besorgt es sich auf dem Kapitalmarkt. Die Begegnung des übergewichtigen, schlecht angezogenen Bootsbauers mit den Anzugträgern der Geldbranche ist für beide Seiten ein Test. Seine Hanse Yachts AG übernimmt die Marken Fjord, Moody und Dehler. Mit dem smarten Baukastensystem zur variantenreichen Kajüteinteilung und cleverer Mehrmarkenstrategie dreht Schmidt ein immer größeres Rad. Er denkt in Märkten, an das Lebensgefühl seiner Kunden.

Damals, vor dem Platzen der US-Immobilienblase verkaufen seine Rivalen Winfried Herrmann und Josef Meltl die Bavaria Yachtbau GmbH für 1,1 Milliarden Euro. Dann dreht der Wind, pfeift der Branche entgegen. Auch bei Hanse rutscht mit den Stückzahlen der Ertrag in die Bilge.

Der zwanzigjährige Arbeitsmarathon mit immer neuen Modellen, hektischen, geänderten, von seinem Kollegen als erratisch erlebten bis ertragenen Entscheidungen hat beim Macher Spuren hinterlassen. Auch mancher Mitarbeiter ist verschlissen.

Hanse Aktie verliert 85 Prozent

2011 verkauft Schmidt seinen Betrieb zu spät und nicht ganz freiwillig. Nach dem Börsengang im März 2007 und drei Verlustjahren hat die Hanse Aktie 85 Prozent ihres Wertes verloren. Hanse ist nur noch 30,6 Millionen Euro wert. Möglicherweise hat Schmidt damals für seine knapp 65 Prozent an die 20 Millionen Euro bekommen.

Seit dem Verkauf seines Lebenswerks an Aurelius war von Schmidt wenig zu hören. Er ging Segeln. Es blieb ein Rätsel, wie das Arbeitstier Schmidt jahrelang vom Bootsbau abstinent bleiben konnte. Die Antwort ist in einem Industriegebiet im Süden von Greifswald zu finden. Sie heißt Michael Schmidt Yachtbau. Dort steht der Rumpf eines 24 m Segelbootes in der Halle. Schmidt hat abgenommen, nochmal geheiratet. Der 67-Jährige ist in schicken Wildlederschuhen und Cordhose kaum wieder zuerkennen. Er sagt auch nicht mehr ganz so oft „Scheiße“ und all die entsetzlichen Four letter words.

Stolz zeigt er seine „Brenta 80“, eine Art Flushdecker mit niedrigem Aufbau und ins Dach eingelassener Mittelplicht. Auch die Farbe ist speziell. Taigagrün, wie man es vom Trabant der siebziger Jahre kennt. Eine kleine feine Yachtmanufaktur zieht er hoch und baut nur für angenehme Auftraggeber. „Nachdem ich früher schnelle Regattaboote und später preiswert in Serie gebaut habe, fehlte noch das Thema ‘schön’. Darum kümmere ich mich jetzt.“

Schöne große Designer-Arche

Schmidt macht einen zufriedenen Eindruck. Wie jemand, der sich eine schöne große Designer-Arche baut. Außerdem hat er gerade den auf der Alster versammelten Lokalmatadoren ziemlich eindrucksvoll den Bootsnamen „M3“ auf dem Heck seines Drachen gezeigt.

Anfang Juni wird aufgetakelt. Dann wird sich zeigen, ob sich oben in der Mittelplicht seiner Brenta 80 das unverzichtbare Segelfeeling einstellt. Ob das Boot mit den wenigen kleinen Fenstern unter Deck nicht zu kellerig geraten ist und natürlich „ob Muddi mitkommt“.

PS: Ich habe im Sommer bis Winter vergangenen Jahres für Michael Schmidts Holding „Friends create Brands“ gearbeitet. Nachdem und während ich die Fehlentwicklungen im modernen Serienbootsbau hier , hier, hier  und hier beschrieben hatte. Jeder andere hätte mich dafür gefeuert. Schmidt nicht. Entweder weiß er das als versierter Segler alles selber. Vielleicht ist er auch einfach nur souverän.

 

Daten Brenta 80

Konstruktion & Exterieur     Luca Brenta & C.
Kompositbootsbau              Rega Yacht (http://regayacht.com/)
Interieur                                  David Chipperfield
Länge                                     23,99 m
Breite                                      6,00 m
Tiefgang (Festkiel)               3,70 m
Freie Segelhöhe                   35,20 m
Verdrängung (leer)               32,5 t
Kiel/Ballastanteil                  11,6 t/36 %
Dreisalings Karbonmast    Axxon Composites
Park Avenue Baum              Axxon Composites
Am Wind Besegelung         307 qm
Lattengroß                             189 qm North SRPC 109
Selbstwendefock:                 118 qm North m. senkr. Latten
Code 0 (rollbar)                    230 qm
Gennaker (rollbar)                400 qm
Maschine                                Yanmar 4LHA STP, 4 Zylinder, 230 PS
Getriebe                                  ZF63A
Generator                               Fischer Panda – 12 kW, 16 PS
Bugstrahlruder                      Maxpower VIP 250 – 13,5 kW, 18 PS
Dieseltank                             2 x 450 l
Frischwasser                        4 x 215 l
Wassermacher                     Seafari Escape 24 90 l/Stunde
Grauwasser                          3 x 16 l
Schwarzwasser                    2 x 60 l, 2 x 25 l, dezentral an jedem WC
Rumpfgeschwindigkeit       12 kn
Segeltragezahl (32,5 t)        5,5

Holding: Friends create Brands
Werft: MS Yachtbau

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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