Refit Projekt: Thomas Behrend möbelt Schärenkreuzer für 150.000 Euro auf

Coole Fasern fesche Folien

Der Schärenkreuzer „Gerd VI“ des Hamburger Filmproduzenten Thomas Behrend zeigt, was sich aus einem 86 Jahre alten günstig gekauften Boot machen lässt.

 Schärenkreuzer Gerd VI

Spezieller Mix: Hightech Foliensegel von heute auf einem klassischen Schärenkreuzer, der Gerd VI von 1927 © Tobias Störkle

Man nehme einen betagten, richtig langen, schlanken und wirklich flachbordigen Schärenkreuzer aus den zwanziger Jahren und suche sich die richtigen Spezialisten. Dazu eineinhalb Jahre Zeit und ein solides Budget für eine belastbare Struktur, ein gescheites Rigg, coole Fasern und fesche Folien. Fertig ist die neue alte „Gerd VI“, ein Renndreißiger mit dem Charme eines Klassikers, dem Appeal und Finish eines neuen Bootes.

Dabei sah es mal ganz übel aus für die uralte Harry Becker Konstruktion. 1994 prescht ein Motorboot im Stockholmer Schärengarten in den Segler und zertrümmert das Vorschiff. Wie durch ein Wunder bleibt die Besatzung unversehrt und gelangt mit „Gerd VI“ an Land. Zwölf Jahre lang wird die Schäre in Feierabendarbeit geflickt.

Als Behrend 2008 für Arte den Film „Götter der Meere“ über den Schärenkreuzer Mythos dreht und wird prompt „von allen möglichen Seiten in Sachen richtiger oder falscher Dreißiger“ bearbeitet. „Ich verstand gar nicht, was die eigentlich von mir wollen“. Behrend möchte „bloß ein allgemeinverständliches Feature über Schärenkreuzer produzieren. Aber dann sieht er “Gerd VI” in den Stockholmer Schären. Behrend ist fällig.

20 Tausend Euro Problem-Schulterungsgebühr

Nach Zahlung von 20 Tausend Euro Problem-Schulterungsgebühr hat er ein theoretisch schnelles, weil noch nach der alten Schärenkreuzer-Regel von 1920 statt 1925 gebautes, über 13 m langes, ganze 1,75 m schlankes Boot mit endlosen Überhängen.

Die Schärenkreuzer-Regel von 1925 hatte die extreme Entwicklung der Klasse gezielt gebremst und zu marginal breiteren Booten gezwungen. Aber das Geschoss ist mit gequollenen Planken schwerer als wünschenswert. Fraglich erscheint, ob das Gebälk die Beanspruchung ehrgeizig gesegelter Regatten aushält.

Der Kiel erweist sich bei näherem Hinsehen als gut gemeintes Flickwerk wiederholter Änderungen. Nun will Behrend mit seinem Vintage-Zossen aber nicht bloß bei den üblichen Events (etwas Alibi-Segeln, viel schnacken und degustieren) mitdümpeln. Er möchte mit seinem theoretisch schnellen Schiff auch praktisch Schärenkreuzer Regatten gewinnen.

150 Tausend € Tuning

Also steckt er die geballte Schärenkreuzer-Kompetenz von Peter Norlin (für den Kiel), von Juliane Hempel (für das Rigg) und von Olle Madebrink, dem Vermesser des Schwedischen Schärenkreuzerverbandes zwecks Klassenkonformität in sein Projekt. Er holt den Bootsbauer und Klassiker-Sachverständigen Uwe Bayowski (für’s Strukturelle, das Gebälk und eine Gfk-Beschichtung der Außenhaut), den Mastenbauer Reckmann (zur Konfektionierung der neuen Spieren) und Peter Kohlhoff (für die Beschläge, das stehende und laufende Gut) ins Boot.

Kohlhoff gelingt es, die Spezialisten von Future Fibres zur Anfertigung des ultraleichten stehenden Guts aus Fasern statt üblichem Nirosta zu überreden. Das drückt das Bruttogewicht des gesamten Riggs dicht ans erlaubte Minimum.

150 Tausend Euro hat Behrend in das Tuning von „Gerd VI“  gesteckt. „Das ist aber immer noch günstiger als ein 30er von der Stange“ fasst Behrend zusammen. „So ein Boot regelkonform neu erfinden macht mehr Spaß, als eine Bijou kaufen.“

Technische Daten der “Gerd VI”

Länge 13,10 m, Breite 1,75 m, Tiefgang 1,45 m, Verdrängung 2,4 t, Konstruktion Harry Becker 1927, Werft. Behrend ist der elfte Eigner.

Yachtkonstrukteur Harry Becker (1905 – 92) zeichnete sein erstes Boot namens „Gerd“ im Alter von 15 Jahren. Neben insgesamt 115 Schärenkreuzern in der 15 Quadratmeter Klasse, den 22ern und 30ern entwarf Becker einige 5 m-R Yachten, Sechser und 5,5er, außerdem 27 Serienboote von der 7 m langen Arabesque bis zur 13,50 m langen Wasa 55.

Zu den bekanntesten Harry Becker Entwürfen gehört der 30er „Tre Sang“. Das Boot wurde durch Blondie Hasler in englischen Gewässern nach dem zweiten Weltkrieg berühmt und vor einigen Jahren von einem deutschen Eigner liebevoll restauriert. Eine andere Becker-Konstruktion war der 30er Schärenkreuzer „Rapid“ und mit 14,60 m das längste Exemplar seiner Klasse.

Beckers eigener Betrieb namens Beckerbåt AB auf Lidingö bei Stockholm wird heute von seinem Sohn Jan Becker unter dem Namen „Excel Yachts“ weitergeführt.
Übersicht über sämtliche Becker-Konstruktionen

Die 44-minütige Dokumentation „Götter der Meere“ ist bei Blue Planet Film (http://blueplanetfilm.de/) für einen kleinen Obulus zu bekommen.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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6 Kommentare zu „Refit Projekt: Thomas Behrend möbelt Schärenkreuzer für 150.000 Euro auf“

  1. avatar Lukas sagt:

    Sehr schöne Geschichte. Sicherlich sind 150T € eine Menge Geld, aber wie im Artikel schön beschrieben, ist das Gefühl des eigenen Erfindens unbezahlbar. Mein Vater hat sich damals auch den Traum der Restauration eines alten Segelschiffs erfüllt. Er hat dort unglaublich viel Liebe und Zeit reingesteckt, musste viele Rückschläge hinnehmen, aber das Glänzen in seinen Augen nach der Vollendung des eigenen Projekts, entschädigte wohl für all seine Mühen.

    Mal wieder ein sehr lesenswerter Artikel. Weiter so :-).

    Viele Grüße
    Lukas Sinzig

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  2. avatar Matze sagt:

    Die Rekonstruktion von Gerd VI ist eindrucksvoll gelaufen, das Boot macht das auch. es ist wahrscheinlich der schnellste Dreißiger der so rumsegelt. Einziges Wermuthströpfchen, die “geballte Kompetenz” von Juliane Hempel hat dazu geführt , dass dass Rigg nicht mehr klassenkonform ist ( weder für den Bijou Typ vom Bodensee, noch für die schwedische Vermessung), so dass Gerd VI eigentlich 9 kg Blei am Vorstagansatz im Mast fahren und den Mast vom Deck bis zu den Salingen mit zwei seitlich aufgeklebten Leisten von ca 20 mm Dicke verbreitern muss (so geschehen letzen Sommer bei der Vermessung in Schweden).
    Warum kommt der Bericht über die Renovierung von Gerd VI eigentlich erst jetzt auf Segelreporter, die Restauration ist über 2 Jahre her? Soll Gerd verkauft werden?

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    • avatar 30er Segler sagt:

      Kann Matze nur zustimmen. Mast ist nicht Regelkonform sondern viel zu dünn und zu leicht. Es ist soweit ich weiß ein 22er Profil. Das Boot ist auch nur bei bestimmten Windstärken schnell und über alles gesehen auf keinen Fall schneller als eine Bijou (sonst hätte er in Schweden ja gewonnen) .

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    • avatar Erdmann sagt:

      Matze, das Rigg entstand gemäß den Vorschriften des schwedischen Schärenkreuzer-Dachverbands SSKF von 2005 und wurde von Olle Madebrink abgenommen.

      Im Februar 2012 machten die süddeutschen Segler der 30er IKV zur Bedingung für ihre Teilnahme am Europacup in Nynäshamn, dass die Vorschriften zum Rigg von 05 zu ihren Gunsten geändert werden. Der Bijou-Bodensee Standard Mast ist ziemlich schwer. Das erklärt die von Dir erwähnten Modifikationen (Profilbreite und zusätzliches Gewicht).

      Mit Deinem Hinweis, dass der Beitrag über die Gerd VI spät kommt hast Du Recht. Letztlich finde ich persönlich vergorenen, das Thema überblickenden Journalismus interessanter. Er bietet die Möglichkeit, solche bemerkenswerten Projekte überhaupt vorzustellen. Verkauft werden soll Gerd VI meines Wissens nicht.

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      • avatar Erdmann sagt:

        30er Segler, „Gerd VI“ ist Behrend zufolge am Wind schneller, hat bei Regatten aber vor dem Wind Schwierigkeiten, die Position gegenüber dem Schwabenkreuzer (sog. Bijou-Typ) zu halten. Der Grund ist das kürzere J-Maß (2,50 statt 2,95 m) mit deutlich kleinerem Spinnaker bei „Gerd VI“.

        Wenn dieses Boot nun mit dem Bijou-Typ = dem anerkannt bestem Allrounder vergleichbar ist, bleibt die Frage, warum die 30er IKV jenseits des Europacups an ihrer Ausgrenzung von Booten wie „Gerd VI“ festhält. Die Begründung für die Klassenpolitik der 30er IKV lautet, das mit vergleichbaren Booten reell Regatta gesegelt werden soll.

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  3. avatar user sagt:

    Kohlhoff gelingt es, die Spezialisten von Future Fibres zur Anfertigung des ultraleichten stehenden Guts aus Fasern statt üblichem Nirosta zu überreden. Das drückt das Bruttogewicht des gesamten Riggs dicht ans erlaubte Minimum.

    Naja das dürfte eine nicht all zu große Herausforderung gewesen sein. Hingehn Mase sagen Geld aufn Tisch.
    Wieso sollten die nicht bauen?

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