“Royal Louise”: Im kaiserlichen Mini-Dreimaster über den Wannsee

Berliner Bonsaifregatte

Hätte Kaiser Wilhelm seinen maritimen Größenwahn auch so ausgelebt, wenn er nicht auf der Mini Fregatte “Royal Louise” vom Segeln begeistert worden wäre? Welche Bedeutung hat das “Operettenschiff” vom Wannsee? Erdmann Braschos ist es gesegelt.

Royal Louise

Die Royal Louise beim Absegeln auf der Unterhavel © Arno Templiner

Es sind staunende, irritierte Blicke, denen die „Royal Louise“ begegnet. Ja, wird hier auf dem Wannsee demnächst ein Piratenfilm mit Kanonendonner, Pulverdampf und Enterhaken gedreht? Oder handelt es sich bei dieser Bonsaifregatte um die Marotte eines von der traditionellen Seefahrt mächtig in Beschlag genommenen Sonderlings, der nicht mitbekommen hat, dass es Welten handlichere Boote gibt als 30 Tonnen Gebälk mit Kanonenpforten, drei Masten und einem Dutzend Segeln?

Der Segelreporter steht verwirrt an Deck und guckt abwechselnd in die miniaturisierte, museale Segelschifffahrtswelt und die Gesichter auf den Nachbarschiffen. Vorn unter dem kolossalen Klüverbaum mit Blindrah, Wasserstag und weiteren Fisimatenten der christlichen Seefahrt hockt ein preußischer Adler mit geöffneten Schwingen als Galeonsfigur. Achtern endet das Schiff mit der repräsentativen Fensterfront einer stattlichen Kapitänskajüte. So etwas gab es zuletzt bei – äh, ja – Jongert.

Der Stand der Segeltechnik des 18. Jahrhunderts, auf ein Wannseekompatibles Format mit vertretbarem 1,65er Tiefgang geschrumpft und das alles im 21. Jahrhundert auf dem Hausrevier der Berliner unterwegs. Das ist kein Scherz. Es ist wahr! Ich stehe vor dem Kreuzmast, wie der hinterste Mast dieses Bootstyps bezeichnet wird, umgeben von überschlägig vier Kilometern stehendem und laufenden Gut aus herkömmlich dreikardeeliger Ware.

Es gibt etwa hundert Belegmöglichkeiten und eine fußballmannschaftsgroße Besatzung, die gerade voll mit dem Auftakeln beschäftigt ist. Es wehen zwei, in Böen drei aus Nordost über den Grunewald. Vor dem beeindruckend himmelwärts geneigten Gebälk des Klüverbaum ragt der Kaiser Wilhelm I. Turm über die Wipfel. Wir driften in der idyllischen, ringsum begrünten Bucht von Lindwerder. Noch schöner als hier ist es vermutlich bloß in der Südsee oder an einem Strand der Karibik.

An die Brassen bitte

Skipper Lothar Voß lässt den Vierzylinder Diesel im Leerlauf schnurren. Denn ohne eine kräftige Maschine und ein gescheites Bugstrahlruder ließe sich die behäbige Geschichte bereits bei leicht auflandigem Wind weder vom Steg wegdrücken, noch sicher durch den engen, von Untiefen gesäumten Wannsee bugsieren. Eine Halse dauert etwa zehn Minuten.

Bei solchen Zeithorizonten ist eine Portion Übersicht und vorausschauende Schiffsführung auf dem überwiegend flussartig schmalen Gewässer gefragt. Wenn es eng wird, müssen halt mal Maschine und Bugstrahler ran. Und ohne Maschine wären wir nicht hier her gekommen, vom altehrwürdigen VSaW durch den großen Wannsee um Schwanenwerder herum nordwärts zum Segelsetzen.

Die Crew der Royal Louise kennt die frappierten Blicke von den Nachbarschiffen. Sie kümmert sich kaum um sie. Außerdem muss gerade eine Menge herkömmlich parzelliertes Dacron, der Außenklüver, der Klüver und das Stengestagsegel angeschlagen und gesetzt werden, das Bram-, Mars- und die Fock am Vormast, das Bram-, Mars- und Großsegel am mittleren, dem höchsten Großmast von den Rahen fallen gelassen werden.

„Janz viel Jedöns, wa!“

Die Garderobe, ein handliches 340 Gramm Tuch, ist von Faber & Münker genäht. Nach und nach lösen sich die Segel von den Rahen. Richtig gebrasst und per Geitauen und Gordings passend geschotet füllen sich die viereckigen Tücher nach und nach. Am Kreuzmast werden noch Bram und Mars gesetzt. Auf den trapezförmigen Besan unter der Gaffel und das unterste Rahsegel des Kreuzmasts wird heute verzichtet.

Es ist eh schon viel Geraffel, was hier von den Rahen zu fieren und bei dem wenigen Wind zu schütteln, zu brassen und schoten ist. Auf dem Jungfernsee vor der einstigen Potsdamer Matrosenstation Kongsnaes, wo einst Kaiser Wilhelm II. an Bord des Originals mit dem Lustsegeln vertraut gemacht wurde, muss ja alles wieder eingepackt werden.

Die „Royal Louise“ ist eine Replik des zweiten Schiffes. Der erste Dreimaster war ein Geschenk des englischen Königs Georg IV. an Preußenkönig Friedrich Wilhelm III, ein Dank für das Bündnis gegen Napoleon. Das erste, 1814 in Betrieb genommene Schiff wurde nach der früh verstorbenen preußischen Königin „Louise“ genannt, war aber recht klein.

Das Modell wurde 1831 durch ein größeres im Maßstab 1:3 nach dem Vorbild eines Anfang des 19. Jahrhunderts eingeführten Fregattentyps der Royal Navy ersetzt. Vorbild war die „Thetis“. Es entstand im englischen Woolwich nach Plänen des britischen Schiffbauers Long und wurde im Jahr darauf durch Ärmelkanal, die Nordsee und Elbeaufwärts, schließlich des Tiefgangs halber auf Flößen nach Potsdam überführt.

Mehrere Generation der Hohenzollern vergnügten sich an Bord der Royal Louise auf dem Wannsee. Segeln war damals noch eher ein Bühnenstück und Festspiel. Bewegt wurde das Schiff zunächst von Pontonier und Garde Soldaten, später von sieben Stettiner Matrosen. Besonders der spätere Kaiser Wilhelm II. fühlte sich an Bord wohl und begeisterte sich an Deck des bühnenreifen Dreimasters für das Segeln. In Kenntnis der später mit zunächst gebraucht gekauften Regattabooten, dann mit großen Rennschonern namens „Meteor“ ausgelebten Segelbegeisterung ist die „Royal Louise“ nicht weniger als die Großmutter des deutschen Segelsports.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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3 Kommentare zu „“Royal Louise”: Im kaiserlichen Mini-Dreimaster über den Wannsee“

  1. avatar Olperer sagt:

    Und wie kommt die Louise durch die Berliner Bruecken?

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  2. avatar Erdmann sagt:

    Gar nicht. Sie segelt auf zusammenhängenden, brückenlosen Gewässern wie dem Wannsee, Havel, Jungfernsee

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    • avatar Olperer sagt:

      Habs mir gerade nochmal auf google-maps angeschaut, Deine Aufzählung ist anscheinend auch schon vollständig 😉 Geht wohl auch nicht anders bei dem historischen Anspruch. Andererseits hat so eine Gebundenheit auch ihre Vorzüge.
      Auf dem Scharmützlesee segelt oder besser fährt auch so ein Historium um, eine 2 Master Kogge, die wohl in Pieskow ihren Stammliegeplatz hat. Aber die ist bei weitem nicht so schön wie das Boot hier.

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