Superyacht Szene: 8 Tonnen Schotwinsch ab 52.750 €

Kraft aus der Backskiste

Ohne marinisierte Hardware aus dem Bergbau ist die Bedienung großer Segelyachten heute nicht denkbar. Schotautomaten werden immer leichter, kompakter und empfehlen sich schon für Boote ab 24 m Länge. Für richtig dicke Pötte werden derzeit 32 t Schotwinschen entwickelt. Anlass zu einem Blick in eine spezielle Technik-Szene.

Reel Winsch Rondal

Blick von oben in einen Stauraum mit zwei nebeneinander angeordneten Reel Winschen. Der Durchmesser und die Länge der Trommel legt fest, wieviel Tauwerk dichtgeholt und geborgen werden kann. © Rondal

Sie holen dicht, verstauen, halten und fieren auf Knopfdruck Schoten, Fallen oder Backstagen mit mehreren Tonnen Zug. An Bord großer Yachten kommen Lasten zustande, die Segler üblicher Boote vom Travellift beim Einwassern ihres Gefährts kennen.

Mitte der achtziger Jahre beschäftigte sich der englische Yachtausrüster Lewmar mit der Aufgabe, das Schothorn aus dem Rollmast des 34 m Motorseglers „Archarné“ per Knopfdruck zu ziehen. Damals galten Rollmasten als beste Lösung zur Handhabung immer größerer Tücher hinter dem Mast. Das Setzen, Reffen und Bergen des Segels sollte so erledigt werden, dass weder jemand eine Winsch anfassen, noch das geborgene Tauwerk zusammenlegen muss.

Hardware aus dem Untertagebau

Rondal Winschen

Große Klappe, viel dahinter: Obwohl moderne selbststauende Winschen mittlerweile zuverlässig sind und mit günstigem Schwerpunkt auch weiter unten im Schiff eingebaut werden können, spricht die rasche decksnahe Zugänglichkeit hinter einer Klappe im Süll oder Aufbau für diese Lösung mit gleich vier Automaten nebeneinander. © Rondal

Damals erinnerte John Huggett, der technische Leiter des Betriebs, mal in einem südafrikanischen Bergwerk eine Seilwinde zum hin und her ziehen von Loren gesehen zu haben. Einige Wochen später hatte Lewmar so ein Teil aufgetrieben, mit einem hydraulischen Getriebe versehen und als Prototyp im Betrieb stehen. Der einige hundert Kilo schwere Apparat wickelte das Tau wie ein Baukran um eine Trommel.

Nach mehrstündigen Tests war allen Beteiligten klar, das so ein Gerät mehr konnte, als das Schothorn des „Acharné“ Großsegels vom Mast zur Großbaumnock zu ziehen. Damit würden sich verschiedene Aufgaben erledigen lassen, vom Segel setzen und dichtholen bis zum Fieren und Ansetzen der Backstagen. Die selbststauende Winsch, englisch „captive“ oder „reel winch“ genannt, war – im Prinzip – geboren.

Bloß keine Überläufer!

Natürlich steckte der Teufel auch hier im Detail. Zunächst sollte das Tau mehrlagig, wie der Draht auf der Seiltrommel eines Baukrans, aufgewickelt werden. Damit war manches Malheur beim Fieren vorprogrammiert wenn die äußeren Lagen zwischen den inneren Wicklungen eingeklemmt blieben.

Rondal Reel Winschen

Maschinenraum mit zwei Winschen und separat entwässerter Sicke. Der Aufwand für den Komfort ist erheblich © Rondal

Auch musste der Zuführ- und Entnahmemechanismus des Tauwerks auf der Trommel immer funktionieren – nach dem Motto: Bloß keine Überläufer. Auch hier lohnte ein Blick in die Industrie mit artverwandten Aufgaben. Bald war die Leinenzuführung auf die Trommel oder die –entnahme per bewährtem Maschinenbau und einer rotierenden Spindel millimetergenau gelöst.

Langer Weg zur sicheren Funktion

Vor allem musste der Schotautomat fehlbedienungssicher gemacht werden. Mit einer Winsch, die auf Knopfdruck mehrere Tonnen zieht, lässt sich allerhand Schaden anrichten. Rasch wurden Rigg, Segel und Tauwerk eigens für die rohen Kräfte überdimensioniert.

Die italienische Superyachtwerft Perini Navi ging mit der Entwicklung selbststauender Winschen für Fabio Perinis eigene 40 m Ketsch „Felicitá“ damals einen ähnlichen Weg. Sie setzte früh auf sogenannte Load Cells, wie sie bei Regattabooten üblich sind. Die Entwicklung des Perini Navi Prototypen mit zunächst einer herkömmlichen Winsch an Deck und einer separaten Trommel zum Aufwickeln unter Deck dauerte ein Jahr und zog anfangs Stahlschoten.

Rondal Trommeln

Standardisierte Winsch- und Trommelgrößen erleichtern die Auswahl. Im Vordergrund jeweils die Zahnriemen-gesteuerte Spindel des Leinenzuführmechanismus, beziehungsweise der -entnahme beim Fieren. Das Hydraulikgetriebe zum Antrieb der Winschen steckt platzsparend in den Trommeln © Rondal

Er schaffte bis zu sechs Tonnen Zug. Die zweite, von Load Cells überwachte PN Winsch-Generation folgte 1986 auf der 42 m langen „Christianne B“. Die fünfte Winsch-Generation wurde 2008 an Bord der 56 m Slup „Salute“ mit einer Zugkraft von 30 Tonnen und separatem Staumechanismus in Betrieb genommen. Die nächste ist in Arbeit.

Die Load Cells schalteten die Perini Winschen bei Überlastung einfach ab. Natürlich ist solche Messtechnik und Überwachung eine feine Sache. Sie funktioniert meistens, aber bei dauerfeuchten und korrosiven Bedingungen an Bord leider nicht immer. Außerdem werden große Boote mit komplizierter Technik selten so gewartet, wie sie sollen.

Die Winschenbauer von Lewmar gingen einen anderen Weg. Sie stoppten ihre Winsch bei Überschreiten eines definierten Öldrucks der Hydraulik. Doch war es damit allein nicht getan, weil die Winsch bei Starkwind die Tücher nicht mehr wie erwartet dichtholte. Weitere Informationen mussten hinzu kommen, um dem Schotautomaten zu sagen, wann er aufhören soll und wann eben nicht.

Bloß keine Vogelnester

Hinzu kommt, dass die Schotautomaten sowohl waagerecht wie bei verschiedenen Krängungswinkeln, zugleich mit trockenem wie nassem Tauwerk klar kommen müssen. Eine weitere Herausforderung bestand darin, dass der Apparat auch eine unbelastete Leine ohne die gefürchteten „Vogelnester“ – lose neben der Winsch unter Deck aufeinander geschichtetes Tauwerk – fieren und an Deck fördern muss.

Deshalb setzte der holländische Superyacht-Hardware-Spezialist Rondal früh auf einen separaten Feeder. Anhängig von den Umdrehungen des Schotautomaten unter Deck zieht er das Tauwerk von der Winsch weg und fördert es an Deck.

Winsch Trommel Perini Navi

Blick unter das Deck einer Perini Navi Yacht mit einem in der Werft entwickelten und gefertigten Eintrommelmodell. Der vielseitige Spezialist in Viareggio beschäftigt sich gerade mit seiner fünften Winschgeneration © Perini Navi

Mit der ursprünglich einfachen Adaption der Bergwerks- und Baukranhardware hatten sich die Tüftler also einen Haufen Probleme an Bord geholt. Die wurden unterschiedlich mit Sensoren, Steuermechanismen und separatem Leinenmanagement mit entsprechender Fördertechnik gelöst.

Dennoch ging immer mal wieder etwas schief. So soll eine große Superyacht quälend lange bei Starkwind halb gekentert in der Straße von Gibraltar auf der Seite gelegen haben, weil die Automaten nicht daran dachten, die Schoten wie vorgesehen zu fieren. Das Drama war Teil der Lernkurve in dieser speziellen Abteilung des Sondermaschinenbaues.

Innenleben Made in Germany

Nach drei Jahrzehnten Entwicklung sind die zentralen Fragen gelöst. Nach wie vor setzt Lewmar auf einen separaten Dichthole- und Staumechanismus mit nachgeordneter Trommel. Meist stecken ölgekapselte Getriebe als wartungsarme Einheiten in den Trommeln. Deren Durchmesser und Länge definieren das Aufspulvermögen des Schotautomaten bei der Single-Trommelvariante. Je dicker und länger die Trommel ist, desto mehr Leine kann dann dichtgeholt und verstaut werden.

Rondal setzte übrigens früh auf ein Innenleben Made in Germany. Beispielsweise ist Bosch Rexroth, die ehemalige Mannesmann Tochter Lohmann & Stolterfoht, auf Getriebe für Bagger, Kräne, Walzwerke oder den Braunkohltagebau spezialisiert. Es ist bei Starkwind zwischen Korsika und Sardinen vermutlich beruhigend, unbedingt zuverlässige Komponenten aus einem solchen Walzwerk an Bord zu haben.

Derzeit beschäftigten sich die Hersteller damit, die Winschen möglichst leicht und kompakt zu bauen. Die Zeiten, wo Eigner und ihre Berater sich darüber freuen, dass es überhaupt eine Lösung gibt und mehr oder minder achselzuckend einige Tonnen Zuladung für ihre diskreten Helfer an Bord akzeptieren, sind vorbei.

Rondal bietet eine neue, bis zu ¼ leichtere, kompakter bauende Generation an. Sie birgt Schoten mit einer Geschwindigkeit von 140 Metern in der Minute und einer optischen Zugüberwachung. Die Winschen werden je nach Einsatz aus Edelstahl- oder in einem eloxierten Aluminiumchassis, auch gezielt mit Karbontrommeln für einen Tarif gebaut, für den sich normale Leute vielleicht nach reiflicher Überlegung ein ganzes Boot kaufen. Rondal bietet die 8 t ziehende RW8000LW Winsch (leichte Ausführung) ab 52.750 € netto an.

Harken steigt ein

Wie die vierjährige Entwicklung der italienischen Niederlassung von Harken zeigt, sind selbststauende Winschen keine Exoten mehr. Sie sind mit Apparaten von 1,5 bis 18 t Zug, leichter Bauweise und variablen Geschwindigkeiten (klein) serienreif.

Rondal beispielsweise verfügt über eine Range von Tauwerksautomaten für Zuglasten von 800 Kilo bis 24 Tonnen. Und weil Superyachten immer größer werden, ist im holländischen Vollenhove die Entwicklung einer selbststauenden 32 t Winsch weit gediehen.

Weitere Infos zu Schotwinschen:

Lewmar Winsch Test Video

Rondal Winschen

Lewmar Winschen

Harken Winschen

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Erdmann Braschos

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2 Kommentare zu „Superyacht Szene: 8 Tonnen Schotwinsch ab 52.750 €“

  1. avatar Marc sagt:

    Werde zwar nie im Leben so etwas für meinen Korsar kaufen(es sei denn ich bin mal 70 und will weiter Regatta segeln und dies ist die einzige Möglichkeit), aber trotzdem ein sehr interessantes Thema. Gut das SR auch über so etwas berichtet. Der ein oder andere Starboot Segler wird bestimmt überlegen sich so nen Ding einzubauen 😉

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 0

  2. avatar Mirko sagt:

    Ah, ich liebe die Erdmann Braschos Beiträge – Vielen Dank und gerne mehr davon!

    Ein echt spannendes Thema, nicht nur für einen Maschinenbau-Ingenieur. Auch die Entwicklung und die aktuellen Abmessungen der hydraulischen Vorsegelrollanlagen von Superyachten ist sehr beeindruckend. Hier könnte Reckmann aus Rellingen sicherlich einige Schoten zu erzählen…

    Ach ja, ein Walzwerk baut keine Winschen oder deren Trommeln, sondern walzt Stahl, Alu etc. zu Blechen oder Brammen. Aus den Blechen kann man dann natürlich Winschen bauen.

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