Tragflächensegel: Reffbares Double Wing – Entwicklung aus Westfalen

Profil-Patent

Wolfram Pierenkemper hat das Patent für ein reffbares Tragflächensegel erworben. Quatsch oder Geistesblitz? Der Westfale testete es beim Segeln mit einem Fahrrad.

Noch sieht das Tragflächensegel etwas tütig aus. Aber das haben Prototpen so an sich © Wolfram Pierenkemper

Noch sieht das Tragflächensegel etwas tütig aus. Aber das haben Prototpen so an sich © Wolfram Pierenkemper

Seit einer Weile ist bekannt, dass konventionelle Segel zwar ganz gut, eigentlich aber eine längst überholte, technisch ausgelutschte Sache sind. Aerodynamisch gesehen ist ein Tuch hinter einem Stag oder Mast einschließlich der ganzen Verwirbelungen im Vergleich zu einem Profil grauenhaft. Das geht deutlich wirksamer.

Hier die Ausführung im Detail © Wolfram Pierenkemper

Hier die Ausführung im Detail © Wolfram Pierenkemper

Deshalb gab und gibt es endlose Versuche, es mit profilierten Masten und –stagen, bis hin zu drehbaren Profilmasten als strömungsgünstigen Tragflächen besser zu machen. Und erst die richtigen Profile, wie sie Vögel, Flugzeuge oder Windräder haben sind viel effektiver.

Deshalb beschäftigen sich Tüftler und Profis mit verschiedenen Ansätzen und Budgets in unterschiedlichen Klassen damit: von der Motte über Regattakats bis hin zur America’s Cup Hardware.

Profilflügel im Aufwind

Skizze zur Patentanmeldung © Wolfram Pierenkemper

Skizze zur Patentanmeldung © Wolfram Pierenkemper

Richtig bekannt wurde das Profilflügel-Segeln durch die letzten beiden America’s Cups. Die 33. Auflage wurde vor Valencia souverän vom Oracle Trimaran mit einer Tragfläche als Groß gewonnen. Die Pokalregatten im vergangenen Jahr fanden mit Katamaranen statt, deren Wings die Boote mit mehr als 40 Knoten über die Bahn brettern ließ.

Seitdem sieht praktisch die gesamte Seglerwelt alt aus. Profilflügel (Wings) bringen Geschwindigkeit. Tragflächen (Foils) reduzieren den Wasserwiderstand. Das ganze findet auf sagenhaft steifen Plattformen, Katamaranen, statt.

Der Erfinder Wolfram Pierenkemper aus Ostwestfalen © Pierenkemper

Der Erfinder Wolfram Pierenkemper aus Ostwestfalen © Pierenkemper

Tragflügel- und flächensegeln auf Zweirümpfern ist ein neues Kapitel, eine neue Dimension des Segelns. Leider hat die Sache bei aller Faszination gleich mehrere Haken.

Leider sind Flügelmasten derart aufwändig und unpraktisch, dass sie vorerst Exoten und Hardware für teure Grand Prix Veranstaltungen bleiben. Die Segelfläche lässt sich nicht wie gehabt wegpacken oder reduzieren. Das macht sie gefährlich. Die Tragflächen sind teuer, empfindlich und anspruchsvoll in der Handhabung. Für einen großen Flügelmast braucht es eine Halle, einen Kran und viele helfende Hände.

Westfale kauft Proa

Tja und nun kommt Wolfram Pierenkemper aus 32312 Lübbecke. Das ist im allertiefsten ostwestfälischen Binnenland. Der Mittfünfziger ist gelernter Fotograf, Medienmann und segelt schon länger. Als gelernter Stehsegler wollte er es aber etwas bequemer haben. Also kaufte er eine gebrauchte Proa. Die lässt sich im Liegen segeln.

Ist das die Zukunft? Das neue Rigg auf dem Dümmer © Wolfram Pierenkemper

Ist das die Zukunft? Das neue Rigg auf dem Dümmer © Wolfram Pierenkemper

Leider hatte der zum schwimmenden Untersatz gehörende 8 qm Lappen zu lange im Edersee gelegen und war ziemlich fertig. Als kreativer Kopf machte Pierenkemper das Beste draus. Er malte das verdreckte Tuch lustig an und ließ sich damit oft auf dem Dümmer blicken.

Allein: so ging es nicht weiter. Der Lappen sah zwar ulkig aus, aber ein neues Segel musste her. Natürlich nicht die aerodynamische Steinzeit wie sie 99 Prozent aller Segler haben, sondern etwas Neues, Besseres, Praktisches: Der Westfale erfand das Doppelprofil-Flügelsegel.

Und weil Pierenkemper kein Schwätzer ist, sondern Nägel mit Köpfen macht, probierte er seine Idee erst mal aus, meldete sie 2012 zum Patent an und geht jetzt, da er die Schutzrechte hat, an die Öffentlichkeit.

Ein alter Hut?

In Ostwestfalen-Lippe kann man eher Radeln als Segeln, deshalb … © Wolfram Pierenkämper

In Ostwestfalen-Lippe kann man eher Radeln als Segeln, deshalb … © Wolfram Pierenkämper

Auf den ersten Blick ist das ein aller Hut. So was hat der Schwede Frederik Ljungström 1932 schon gemacht (SR – Artikel). Ljungström ließ damals bereits den Baum weg und legte zwei surfsegelartig geschnittene Tücher aufeinander um den Mast. Diese ließen sich „platt vorm Laken“ aufklappen. Das macht der Tüftler aus Ostwestfalen-Lippe auch.

Der zweite Blick zeigt den Unterschied: Pierenkemper packt eine aufblasbare Röhre zwischen beide Tücher. So liegen sie nicht bloß wie bei Ljungström aufeinander, sondern ergeben im Idealfall, nämlich geschickt geschotet ein Profil. „Dieses ergibt sich durch die unterschiedlichen Drücke auf dem luv- und leeseitigen Tuch von selbst“ erläutert der Erfinder. Noch sieht der Prototyp seiner Idee auf der Proa etwas tütig aus. Das liegt daran, dass er ihn selbst geschneidert hat.

Das Doppeltuchsegel platt vorm Laken mit der lose baumelnden Profilierungsröhre in der Mitte © Wolfram Pierenkemper

Das Doppeltuchsegel platt vorm Laken mit der lose baumelnden Profilierungsröhre in der Mitte © Wolfram Pierenkemper

Über die aufblasbare Röhre soll sich auch die Profildicke an die Windverhältnisse anpassen lassen. Das ist der Traum jedes Seglers. Ein Tragflächen-artiges Profilsegel bringt theoretisch etwa ein Drittel mehr Vortrieb und deutlich weniger Krängung. So erscheint die Idee sinnvoll, auch wenn die Ausführung im Detail noch etwas Zeit braucht.

Weitere Einzelheiten ergeben sich aus der lesenswerten Patentbeschreibung. Es lohnt sich die in Ruhe durchzulesen. Da steckt richtig Hirnschmalz drin.

Nun sucht Mr. Double-Wing Partner,  beispielsweise einen aufgeschlossenen Segelmacher, mit dem er seine Idee perfektionieren und zur Serienreife bringen kann. Pierenkemper möchte die Praxis noch ein wenig mit dem theoretischen Idealfall (ein Drittel Prozent mehr Vortrieb, deutlich weniger Krängung) in Einklang bringen.

Double Wing Website

Jetzt beflügelt der Tüftler diese 'MacGregor 26' © Wolfram Pierenkemper

Jetzt beflügelt der Tüftler diese ‘MacGregor 26’ © Wolfram Pierenkemper

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Erdmann Braschos

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3 Kommentare zu „Tragflächensegel: Reffbares Double Wing – Entwicklung aus Westfalen“

  1. avatar Super-Spät-Segler sagt:

    Clever, clever mit dem Mast als Nasenleiste und der Tube um die Profildicle einzustellen!

    Leider funktioniert das ganze nicht bei bei Masten mit Salingen, Diamond bzw. Wanten und Stagen auf der üblichen Höhe 🙁

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    • avatar Pierenkemper sagt:

      Hallo Super-Spät-Segeler,
      natürlich habe ich mir auch darüber gedanken gemacht. Bei einem normalem Hauptsegel wird das ganze hinter dem Mast geführt, Die Führung ist dann wie bei einem normalen Segel.

      Die Revolution ist allerdings erst mal eine Double-Wing Genua auf einer Rollfokanlage für eine Segelyacht.
      Sobald die erste professionell gescheiderte Double-Wing Genua im Einsatz ist, kann jeder Leser es auf dem Blog http://www.Double-Wing.de die Ergebnisse nachlesen.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

      • avatar Super-Spät-Segler sagt:

        Hallo Wolfram,

        hätte ich ja auch selbst drauf kommen können… 🙂

        Mit der richtigen Dimensionierung der Mastrutscher könnte der Mast (insb. wenn es ein rotierender Profilmast ist) eventuell sogar eine positive Wirkung als Vorflügel haben.

        http://de.wikipedia.org/wiki/Vorfl%C3%BCgel

        Ich wünsche Dir viel Erfolg und uns Seglern demnächst hochperformante und dennoch einfach zu setzende und bezahlbare 🙂 Profilsegel!

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