Traumschiff: 43 Meter-Klassiker “Columbia” – Wiedergeburt des “Witwenmachers”

Schöner Schoner

Columbia

Von diesem 43 m Schlitten träumte Brian D‘Isernia seit seiner Schulzeit © Eastern Shipbuilding

Seit seiner Highschool-Zeit träumt Brian D’Isernia von einem Neubau der legendären „Columbia“ von Anno 1923. Dieser 43 m Schlitten war der einzige Schoner, welcher der berühmten kanadischen „Bluenose“ beim Schonerrennen zwischen den USA und Kanada vor Halifax Paroli bot. Das Kräftemessen im Schoner war damals beinahe so wichtig wie der America’s Cup. Jedenfalls an der Ostküste der Staaten.

Der Kerl hält Kurs

Aber in D’Isernias Kurs durchs Leben gab es erst mal andere Aufgaben: etwas Gescheites lernen, Geld verdienen, eine Familie gründen. Er studierte Jura, fing mit einer Fischfang-Reederei an und stellte mit Eastern Shipbuilding eine rund laufende Werft in Florida auf die Beine. Sie beschäftigt 1.800 Leute. Mit seiner Frau Miriam ist er seit vier Jahrzehnten verheiratet. Die beiden haben zehn Kinder und zahlreiche Enkel. Man könnte sagen: Der Kerl hält Kurs.

Columbia

Miriam und Brian D‘Isernia auf der Fort Lauderdale Boat Show © Eastern Shipbuilding

Vor drei Jahren dann kümmerte sich der hemdsärmelige Macher um den Traum seiner Jugend. Außerdem war es von der faden Juristerei über eine Fischereiflotte und Spezialschiffswerft für sämtliche Küsten Amerikas nur noch ein kleiner, konsequenter Schritt zum Yachtbau. Jedenfalls für D’Isernia.

Er besorgte sich die Pläne der bereits 1927 in einem üblen Sturm vor Sable Island mit Mann und Maus im Atlantik verschwundenen „Columbia“. Da Holz für den Inhaber eines Metallbaubetriebes nicht in Frage kam, entstand der Neubau aus Stahl. Er erhielt eine Maschine und heutigen Komfort in den Kajüten. Damit D’Isernia die Dollars langsamer vom Konto rutschen und es daheim wegen des Segelspielzeugs weniger Ärger gibt wird „Columbia“ im Charter laufen.

Gefährlicher Job

Passend zu den yachttypisch feinen Linien dieser Last Edition des einstigen Arbeitsseglers bekam der Neubau ein ansehnlich dunkelblaues Finish. Das Boot erhielt vier Kabinen und eine Tageskajüte achtern. Im Vorschiff finden 12 Segelhandwerker Platz. Insgesamt beherbergt „Columbia“ bis zu 27 Leute.

Columbia

Das Finish des gespachtelten Stahlschiffes kann sich sehen lassen © Eastern Shipbuilding

Kein zweiter Bootstyp verlängert die gern romantisierte Ära der Segelschifffahrt so schön in unsere Gegenwart wie der Schoner.  Dabei wird gern übersehen, daß er keineswegs so sicher war, wie es gern geglaubt wird. Statistisch gesehen war der Job auf einem Schoner gefährlicher als im Bergbau oder der eines Söldners im amerikanischen Bürgerkrieg.

Kenterungen im stürmischen Atlantik und der Tod im kalten Wasser waren üblich. Ein Menschenleben war damals wenig Wert. Die Schiffe waren Verbrauchsmaterial. Fischerschoner wurden im großen Stil an der Ostküste der Staaten gebaut. Beinahe in jedem Creek flogen Späne für den Nachschub.

Besonders die Arbeit auf dem weit nach vorn ragenden Klüverbaum war unbeliebt. Derart getakelte Schoner wurden von den Crews „widow maker“, Witwenmacher genannt.

Jagd gegen die Zeit

Columbia

Der Stapellauf des Originals vor 91 Jahren in Massachusetts und neulich in Florida © Eastern Shipbuilding

Aber der Schoner war auch vielseitig. Wenn praktisch alle Mann auf der Neufundlandbank beim Fischen waren, erlaubte die Takelage  die Handhabung der großen Schiffe im Standby-Modus durch wenige Leute. Bei der Rückreise zur Küste, meist ein hart gesegelter Am Wind Kurs gegen den üblichen Südwest-Wind, war die vielfach unterteilte Segelfläche an den beiden Masten handlich. Als verderbliche Fracht mußte der Fisch so schnell wie möglich an Land gebracht werden. Aus dieser Jagd gegen die Zeit und die besten Preise wurden die berühmten Schoner Regatten.

All das läßt sich in der Literatur zum amerikanischen Fischerschoner nachlesen. Er gibt ein halbes Regalbrett dazu. Vor allem aber waren die Schiffe schön. Joseph Conrad hat dem Bootstyp in „The Mirror of the sea“ ein bleibendes, lesenswertes Denkmal gesetzt.

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Gesteuert wird mit der bei diesen Schiffen üblichen ‘Schräglenkerversion‘ neben dem Rad stehend. Die Übertragung erfolgt per Kegelrad direkt auf die Welle © Eastern Shipbuildung

Gerade in den Staaten, wo Heritage, Herkunft und Tradition so viel bedeuten, wird der amerikanische Fischerschoner bewundert und wo immer möglich, nachgebaut. Mittschiffs, wo einst der Fisch in den Laderäumen lagerte, gibt es heute Platz für die Kajüten. Da wird dann abends ein schönes Seemannsgarn von den alten Zeiten gesponnen.

Laderaum für Fisch

Die „Columbia“ wurde jetzt im Golf von Mexiko in Betrieb genommen. Wer den Zweimaster mit dem rasanten Deckssprung, dem kühnen Klüverbaum und seinem eleganten dunkelblauen Rumpf sieht, versteht warum der stolze Eigner so lange von diesem Schiff geträumt hat – und es nicht beim träumen ließ. Es gibt sogar einen kleinen Laderaum für unterwegs gefangenen Fisch.

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Diese drei Flachwasser-Gebiete 100 bis 1000 sm nordöstlich von Cap Cod waren die Fanggründe für den begehrten Kabeljau und Revier des Fischerschoners © On the water/American Fisheries

Nun wird Brian D’Isernia ein bißchen segeln gehen. Zum Beispiel bei der Antigua Sailing Week im Frühjahr. Platz für seine große Familie und auch die vielen Enkelkinder hat er ja. Und weil der Mann clever ist, hat er gleich noch ein zweites Exemplar der Columbia-Replik bauen lassen. Immer nur Bagger, Fähren und Schlepper bauen ist auf Dauer langweilig. Das Kasko des zweiten Schiffes steht bei Eastern Shipbuildung  in Panama City Florida.

 

Columbia

Das Original entstand 1923 nach Plänen des angesehenen Konstrukteurs William Starling Burgess (1978 – 1947) in der Werft von Arthur Dana Story in Essex, Massachusetts und galt als ausgereiftestes Exemlar des sogenannten Gloucester Fischerschoners.

Columbia

Ohne Innenballast und Rigg schwamm ‘Columbia‘ damals hoch auf © Leslie Jones/Boston Public Library

Länge 43 m, Länge Wasserlinie 33,35 m, Breite 7,77 m, Tiefgang 4,63 m, Segelfläche 929 qm, Maschine 580 PS Caterpillar, Hundestedt Verstellpropeller, Rigg und Segel entstanden im kanadischen Nova Scotia.

Lesenswert: Joseph Conrad: The Mirror of the Sea (1906), dt. Der Spiegel der See;  W.M. Dunne: Thomas McManus & the American Fishing Schooners;  Howard I. Chapelle: The American Fishing Schooners 1825-1935 (1973) W. W. Norton & Company Inc.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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4 Kommentare zu „Traumschiff: 43 Meter-Klassiker “Columbia” – Wiedergeburt des “Witwenmachers”“

  1. avatar Maximilian sagt:

    “Das Original entstand 1923 nach Plänen des angesehenen Konstrukteurs William Starling Burgess (1978 – 1947) in der Werft von Arthur Dana Story in Essex, Massachusetts und galt als ausgereiftestes Exemlar des sogenannten Gloucester Fischerschoners.”

    Wie geht das denn?

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    • avatar Jan sagt:

      Der gute Mann hat eben rückwärts gelebt – als Konstrukteur von Rainbow und Ranger hat er das Kunststück vielleicht fertig gebracht? 😉

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  2. avatar piet sagt:

    Gibt es meht infos zum Steuerrad?
    Sieht interresant aus.

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  3. avatar Erdmann Braschos sagt:

    Maximilian: Dank für den Hinweis: Es mußte natürlich 1878 heißen. Mein Fehler.

    Piet: Die Steuerräder der Fischerschoner waren meines Wissens aus Holz, obwohl das Denkmal in Gloucester zur Erinnerung an all die ertrunkenen Fischer dünne Speichen zeigt, was auf eine Mischbauweise aus Stahl und Holz hindeutet. Wenn es Dir wichtig ist, kann ich das mal in den erwähnten Büchern nachschlagen.

    Das Rad des Columbia Neubaues ist aus poliertem Edelstahl, der damals nicht üblich war. Die Schiffe waren zum Geldverdienen da. Das wurde günstige und übliche Ware genommen.

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