Traumschiff: Retroschlitten “Elsa” – 14,5 Meter Yacht ohne Stehhöhe

Wolf im Schafspelz

Charmanter Löffelbug, die Fock eng am Puppenstuben-großen Aufbau geschotet. Drei ovale Sehschlitze in der Mahagoni-Spritzkappe als Bullaugen-artige „Fenster“. Ein garagenloses Schiebeluk, langes Süll, Duchten, dazwischen der Lenkschwengel. Das endlos gestreckte Achterdeck endet am geneigten Flaggenstock. Die Ostsee rauscht die golden ausgelegte Ziergöhl entlang.

Ein Boot zu schön um wahr zu sein. Aber was ist das? Ein klassischer Achter, vielleicht nach Plänen von Tore Holm? Eine uralte, tipptopp erhaltene Nautiquität, gebaut nach der International Rule von Anno 1907? Eine dieser nass segelnden, dank ihres Ballastanteils wie ein Tier an den Wind und durch fast jede Welle gehenden Meterklassen? Ein endloser Bootsbauetat, dessen welliger Bordwand abends anzusehen ist, das es zwar herrlich, aber leider zu viel war für’s alte Gebälk?

Wie von gestern

Es ist „Elsa“. Ein von der finnischen Baltic Werft nach Plänen des holländischen Yachtkonstrukteurs Andre Hoek im Sommer aufgetakelter Pseudo-Achter. Das Boot sieht aus wie von gestern, ist aber ziemlich von heute. Dank moderner Konzeption und Bauweise ist es mit weniger als zwei Dritteln Verdrängung eines klassischen Achters unterwegs.

„Elsa“ ist laminiert und gebacken wie ein modernes Grand Prix Regattaboot: Aus Karbon, Epoxydharz und Schaum. Titanbeschläge und weiteres Zubehör wie ein Karbonmast der gehobenen Technologiestufe und stehendes Gut aus Faserkabeln statt Stahl drücken das Nettogewicht auf 5,5 t. Wie zu hören ist, wurde das Wunschgewicht eingehalten. „Elsa“ schwimmt und segelt so wie erträumt, gedacht und gezeichnet. Ein Wolf im Schafspelz.

In der guten Stube des Salons bleibt die Illusion traditionellen Bootsbaues mit Zitaten wie den lamellierten Balken unter dem gewölbten Kajütdach. Freundlich hell ist auch das schlicht matt weiß gehaltene Interieur und die farblich passende Wegerung. So wurden früher Arbeitssegler und Yachten ausgebaut.

Bück- statt Stehhöhe

Der Blick unter das seitliche Laufdeck oder von der Doppelkoje im Vorschiff nach oben erinnert an traditionell mit Nut und Feder zusammengesteckte Decksplanken. Statt Stehhöhe bietet „Elsa“ 1,65 m Bückhöhe und steuerbord neben Mast und Kielkasten sogar einen WC-Raum. Zwei Kojen, eine Pantry und zwei gegenüber angeordnete Sitzgelegenheiten im Salon. Braucht man mehr für’s Seglerglück am Wochenende?

Man kann darüber grübeln, ob ein Mix aus traditionellem Charme und dem neuesten Stand der Bootsbautechnologie, ausgeführt in der anspruchsvollen Machart der finnischen Komposit-Spezialisten richtig ist. Der Freund des Ehrlichen wird sich aus verständlichen Gründen für einen echten Klassiker, einen alten Achter entscheiden.

Ein Segeltag im geschützen Gewässer des ostschwedischen Schärengartens mit dem Blei am Ende der schlanken Kielfinne in 2,90 m Tiefe dürfte dieses Skepsis ebenso als Mäkelei im Kielwasser verschwinden lassen wie übliche Boote.

„Elsa“ ist ein Retroschlitten, das man sich lange aus vielen Blickwinkeln ansehen kann. Er dürfte sich mit großem Genuss bis in selten erreichte Regionen abgefahrener Fidelity segeln lassen. Ich meine: Ein Boot zum Bücken – klar! Weil alles, auch so viel Schönheit auf 1.455 Zentimetern seinen Preis hat. Vor allem aber eins zum Niederknien.

 

Baltic 47 „Elsa“

Baltic 47 Elsa

Baltic 47 Elsa

Länge: 14,55 m lang
Wasserlinie 9,05 m
Breite: 2,77 m
Tiefgang: (Hubkiel) 2,9/1,8 m
Gewicht: 5,55 t
Segelfläche am Wind: 99 qm
Rigg: High modulus Karbon
Stehendes Gut: aus EC6+
Maschine: 27 PS Volvo Penta mit Saildrive
Bauweise: Karbon/Epoxydharz High Tech
Baujahr: 2012/13
Konstruktion: Hoek Design
Werft: Baltic Yachts Finnland

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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14 Kommentare zu „Traumschiff: Retroschlitten “Elsa” – 14,5 Meter Yacht ohne Stehhöhe“

  1. avatar Christian sagt:

    toller Beitrag, tolles Boot!

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  2. avatar Tiefenrausch sagt:

    Ein Traum, in der Tat! Liegt leider geringfügig über meinem Budget. Warum baut sowas niemand ein paar Nummern kleiner in Serie?
    Weiter so, Erdmann – der Winter beginnt gerade erst!

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  3. avatar Klaus sagt:

    WOW! Mehr kann ich dazu nicht sagen.

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  4. avatar steehl sagt:

    Das geht gar nicht! Sieht zwar von außen ganz nett aus, aber innen aus GFK Balken an der Decke nachzuempfinden – das ist wie die “antiken” Plastik-Säulen vor amerikanischen Villen oder Laminatfussböden in Alte-Holz-Optik. Geschmacklos und Geldverschwendung.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 6 Daumen runter 13

    • avatar x-claim sagt:

      Das retro Konzept ist ja im yachtbau nicht wirklich neu – klar ist es immer wieder begeisternd eine solche Schönheit zu sehen (ob alt, ob neu) – aber weiter bringt es die Seglerwelt auch nicht gerade.

      Mich begeistern da Schiffe mit Patina die in ihrer Zeit etwas besonderes waren und Menschen bis heute begeistern schon eher. Aber jedem das seine.

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      • avatar Erdmann sagt:

        Du hast Recht. Das Rezept traditionelle Linien neu gebaut ist etwa zwei bis drei Jahrzehnte alt. Na und? Interessant finde ich die Varianten dieses zugegeben alten Konzepts. Wie es im Detail ausgeführt wurde: diesmal in anspruchsvollem statt schwerem Medium bis Low Tech Bootsbau, wie ansonsten bei vielen Retroseglern üblich.

        Zu „weiter bringt es die Seglerwelt auch nicht gerade“: 1. Was ist das für ein Kriterium? 2. Jedes richtige Boot, das aussieht und segelt bringt „die Seglerwelt“ m. E. weiter als eine Jahresproduktion schwimmender Caravans. Es ist halt eher die Kategorie „Sportgerät“ als „multioptionale Wasserdatsche“. Deshalb berichte ich gern (und begeistert) darüber, obwohl so ein Boot in dieser Qualität außerhalb der Möglichkeiten der meisten Segler läuft. Man wird ja wohl auf richtige Boote hinweisen und von ihnen träumen dürfen. Bei SR geht das.

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    • avatar Uwe sagt:

      GfK-Balken ?

      Das war wohl nix !

      Im Artikel ist von “Zutaten wie den lamellierten Balken unter dem gewölbten Kajütdach” die Rede.

      Unter lamellierten Balken verstehen wir normalerweise “mehrschichtig verleimte Holzbalken.!

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      • avatar Erbsenzähler sagt:

        Finde diese Schnellschuss-Kommentare, nur anhand eines Fotos, ebenfalls überflüssig.
        Und unterstreiche, als Bootsbauer, Deine lamellierte Erklärung.
        So, ich muss jetzt wieder in Keller das Restwasser von Xaver auffeudeln.

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  5. avatar matti sagt:

    Was fürn geiles Schiff.

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  6. avatar Jörg Henning sagt:

    Diese Linien haben praktische Vorteile:
    Gute Höhe am Wind, Sonnenschüsse wie bei vielen “modischen” Yachten mit dickem Hintern finden nicht statt.
    starkwindtauglich, weiches Wellenverhalten, das Ganze gepaart mit relativ guter Geschwindigkeit.
    Es ist kein quertreibendes Wohnmobil. Insofern kann man meiner Ansicht nach so ein Schiff bauen, man orientiert sich an alten Erfahrungen und setzt sie modern um.

    Ein Tipp für “Tiefenrausch”: mit Glück kann man eine alte Artekno H35 finden Maße: 10,50 x2,60 x1,50m, Gewicht:3,5t. Konstrukteur Hans Groop (H-Boot) Es wurde von 1976 bis 1986 in Finnland gebaut.
    Dieses Boot hat ausgezeichnete Segeleigenschaften und hat in vereinfachter Form das gleiche Konzept schon damals umgesetzt. Diese Boote werden relativ selten angeboten, Ein Boot für Segler.

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  7. avatar Rheinischer Bohnapfel sagt:

    Bückhöhe 1,65m. Na wenigstens etwas bei der Kohle, denn:
    “Girls don’t get laid in boats they can’t stand up in:”

    Ich altes Ferkel!

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  8. avatar Piet sagt:

    Was ist das denn für plumpe werbung.

    Bitte entfernen würde ich sagen.

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