Die Drachen-Kolumne

Wie das Schicksal von "Klecks" die Leistung auf dem Wasser beeinflusst

"Klecks" das arme entmannte Kaninchen.

Den ganzen Tag verspüre ich schon einen Phantomschmerz im Schritt. Es geht um “Klecks” das Kaninchen. Der Junge wird entmannt. Schnipp schnapp und ab. Wie grausam. Dabei ist er eigentlich noch ein Baby. Erst 15 Wochen alt. Und trotzdem rammelt er schon wie verrückt mit Käfig-Nachbarin “Josie”. Klar, sie ist ein hübsches Häschen. Aber noch mehr Viecher kann der Haushalt nicht vertragen. Oft genug wurde “Klecks” gewarnt. Er hat nicht gehört. Wer will es ihm verdenken. Es ist schließlich Frühling. Die Hormone…

Was das mit dem Drachensegeln zu tun hat? Irgendwie sollte man an solch einem Tag vielleicht besser trauern, solidarisch sein, mitfühlen. Und nicht auch noch einen Drachen besteigen. Die Zeichen hätten einen warnen sollen. Aber Mittwochs ist nun mal Mittwochs-Regatta. Sagt ja schon der Name. Wer segelt schon Mittwochsregatten am Donnerstag? Und wer Drachensegeln lernen will, muss das knallhart durchziehen. Koste es dem Kaninchen, was es wolle.

Strategie-Besprechung vor dem Start.

Der Eigner, den wir zu diesem Projekt überredet haben, lässt sich zwar erneut entschuldigen, aber Matthias springt ein. Sein letztes Rennen ist zehn Jahre her, aber er ist der Kapitän unserer virtuellen Teamrace Mannschaft. Er tänzelt sehr real auf dem Vorschiff und hätte das Niveau des neuen Drachen-Teams vermutlich deutlich angehoben, wenn der Steuermann nicht so einen Bockmist gebaut hätte.

Der Start funktioniert noch ganz gut. Schöner Speed, schöne Position. Raumschots nageln wir über das Feld. Fast zwanzig Drachen sind wieder am Start. Aber da es sich um einen Raumschots-Start exakt vor dem Clubhaus handelt und mein lieber Freund, ex Laser Weggenosse und der vermutlich beste Trainier Deutschlands einen rabenschwarzen Tag als Wettfahrtleiter erwischt hat, ist die Luvtonne eher eine Raumtonne und sie liegt exakt in der Flaute.

Das Feld rauscht also auf die Tonne zu, wir mit vorne dabei, und dann staut es sich an der Marke. Eine echte Herausforderung. Denn diese fast Zweitonner sind ziemlich spitz. Echte Waffen. Ich bremse also, um die Innenkurve zu nehmen. Das ist in der Regel nicht erlaubt, aber meistens schneller. Der Plan ist nicht so schlecht. Einige Drachen werden – wohl von der Fliehkraft – bei der Rundung weit nach außen gedrückt. Da öffnen sich Lücken, in die man ganz legal stechen kann. Wenn man niemanden behindert.

Es läuft gut, es läuft gut…eine Lücke öffnet sich…und langsam, ganz langsam – die Segel schlagen in der Flaute, das Schiff schiebt mit Rest-Speed durch die Kurve – öffnet sich auch ein Spalt direkt an der Tonne. Sollte es der erfahrene Drachen-Champ dort nicht schaffen, die Tonne eng zu nehmen? Denkste! In dem Moment als wir Drachen-Rookies zu gierig werden und die Tonne auf direktem Weg anpeilen, passt zwischen Boje und gegnerischem Drachen kein Blatt, geschweige denn ein weiterer Drachen. Slamm! Der Mann hat die Türe zugemacht.

Für einen Moment sagt das Teufelchen auf der Schulter: “Reinquetschen, reinquetschen…” Aber das wäre wohl das Aus einer viel versprechenden Karriere im Kreise der Bleitransporter-Piloten gewesen. Das Engelchen auf der anderen Schulterseite übernimmt das Kommando, und dirigiert den Bug elegant an der falschen Seite der Marke vorbei. Es befiehlt dem armen Sünder eine Körperhaltung, die impliziert, das Manöver sei genau so beabsichtigt gewesen. Wenigstens Haltung wahren.

So dreht der Drachen einen Kreis, ohne Wind – was länger dauert – und steht irgendwann mit seinen 8,9 Metern Länge über alles sehr manövrierbehindert quer neben der Tonne. Der Rest des Feldes nähert sich im rechten Winkel. Man könnte Angst bekommen. Aber die Unmutsäußerungen der Geschädigten halten sich erstaunlicherweise in Grenzen. Eine sehr disziplinierte Klasse. Schließlich kann man zwei Tonnen auch nicht einfach so aus dem Weg schreien.

Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Die ungeplante Ehrenrunde ist irgendwann doch abgeschlossen und erstaunlicherweise steigen wir irgendwo im Mittelfeld wieder in die Straßenbahn ein. Es wird fortan nur noch raumschots hin und her gesegelt. Keine Chance, einen Platz zu holen oder zu verlieren. Aber wir können auch nichts Schlimmes mehr anstellen. Und das Bier danach schmeckt wieder gut.

Die Moral von der Geschichte? Wenn es dem Karnickel an die Eier geht, sollte man besser nicht segeln. Dieses Ziehen im Schritt beeinträchtigt irgendwie die Entscheidungs- und Wahrnehmungsfähigkeit.

Carsten Kemmling

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