Bericht von Bord bei der Rolex Baltic Week

Wilfried Beeck siegt mit “Trivia” nach einem Drama im letzten Rennen

Moment der Entscheidung. "Vanity" rechts schafft es nicht, sich in Lee von "Trivia" zu lösen... © Rolex / Nico Krauss

...Der Bord-an-Bord-Kampf wogt Minuten lang hin und her. Eine kleine Rechtsdrehung und frischer Wind von Luv bringt schließlich die Entscheidung für die "Trivia" in Luv © Rolex / Nico Krauss

Der entscheidende Moment. “Trivia” rauscht auf die rechte Seite. Es ächzt im Gebälk, wenn sich der Druck aufbaut. Die Digitalziffern der Speed-Anzeige nähern sich der neun Knoten Marke. Das Wasser der Kieler Innenförde schäumt in Lee über das Teakdeck. So will die alte Dame gesegelt werden. Am Ufer unter Mönkeberg dreht der Wind hoch. Die Konkurrenz sackt in Luv von uns leicht auf unseren Kurs herunter. Wir machen am Start verlorene Meter wieder gut.

Die dänische “Vanity” hatte in klassischer Match Race Manier die Türe am Startschiff für uns geschlossen. Erstaunlich, wie lange und hoch die Zwölfer ihre 30 Tonnen mit flatternden Segeln gegen den Wind schieben können. Wir warten in Luv des Schiffes, bis die Dänen langsam beschleunigen und die Türe wieder aufmachen. Mit dem größeren Speed nach dem Abfallen passieren wir am Startschiff und wenden sofort. Es geht nach rechts. Es geht nur noch um den Kampf mit “Vantiy”. Es geht um den Sieg bei der Rolex Baltic Week. Es geht um die Ehre, um eine Uhr und um ein Silberbesteck.

Am Vortag war noch alles gut. Nach vier zweiten Plätzen gelangen endlich die ersten beiden Siege. Mit drei Punkten Vorsprung ging es in den Abschlusstag. Aber Rennen acht hat es in sich. Ein Missverständnis am Start, ein glückliches Comeback auf der Startkreuz, eine verpatzte zweite Kreuz und schwupps sind die drei Punkte weg. “Vanity” liegt nach einem Sieg punktgleich in Führung. Wir müssen sie im letzen Rennen schlagen. Aber dann liegen wir wieder am Start hinten.

Aber das Rennen ist noch offen. Die rechte Seite zieht. “Vanity” versucht, zu kontrollieren, aber die Deckung ist nicht eng genug. Wir gewinnen unter Land Meter um Meter. Es ist irre, mit diesen Geschossen zu matchen. Wenn so eine weit überhängende Bugspitze mit Schaum vor dem Mund auf einen zuhält, überlegt man zweimal, ob man sich vorbei wagt. Die Dänen müssen diesen Anblick ertragen. Sie weichen aus mit einer Leewende.

Eigentlich eine optimale Position, aber der Fahrtverlust ist so groß und unser Speed so hoch, dass wir uns viel weiter nach Luv von “Vanity” schieben, als ich es für möglich gehalten hätte. Ich wollte schon das klassische Wegwenden ansagen in der Erwartung, jeden Moment den Effekt der sicheren Leestellung der Dänen zu spüren. Aber Steuermann Wilfried hält das Schiff optimal auf Kurs. Bord an Bord, kaum eine Körperlänge entfernt, schäumen wir über die Förde.

Das Rennen steht auf Messers Schneide. Schaffen wir es, den Gegner lange genug auf der linken Seite zu blockieren, dann drücken wir ihn über die Anliegelinie. Schaffen wir es nicht und er schiebt seinen Bug voraus, dann müssen wir wenden und liegen an der ersten Tonne vermutlich hinten.

Es ist ein Minuten langer Kampf. Ich fixiere nur den Bug des Gegners in Lee. Als Match Racer würde ich jetzt ein Luvmanöver erwarten. Wir müssten sofort ausweichen. Auf “Vanity” sitzt Profi Stig Westergaard. Der kennt das Manöver. Der Angriff kommt. Allerdings viel zu spät. Luven, schreien, aber Wilfried weicht sauber aus. Die Fock steht kurz back. Eine haarige Situation. Sie drückt den Bug fast in die Wende. Aber wir schaffen es gerade noch abzufallen, als auch “Vanity” wieder zurück dreht.

Der Zweikampf ist entschieden. Die Dänen rutschen sogar noch in unsere Abwinde. Und schlimmer noch, an der Luvtonne passieren wir gerade noch vor der “Anitra”, “Vanity” muss aber hinter der Truppe vom Bodensee ausweichen und verliert wichtige Meter. Unbehelligt von unseren Zweikämpfen ist inzwischen “Sphinx” an der Spitze entfleucht. Wir dürfen jetzt nur nicht “Anitra” vorbei lassen. Der fehlende Punkt würde der “Sphinx” den Gesamtsieg bringen.

“Anitra” nimmt am Leetor die rechte Marke, wir segeln mit unserem ärgsten Gegner “Vanity” nach rechts. Beide Boote sind nicht zu decken. An der Luvtonne wird es eng. “Anitra” hat links vor dem Kieler Tirpitz Hafen einen mächtigen Zieher erwischt. Es sieht aus, als seien sie durch, der Sieg weg. Vom Heck aus betrachte ich kurz die 15 Menschen, die konzentriert auf “Trivia” ihre Arbeit verrichten. Bei einigen hebt und senkt sich noch der Brustkorb vom letzen Manöver. Die Vorschiff-Truppe um Boots- und Vorschiffsmann Rollo diskutiert schon das nächste Spimanöver an der Luvtonne. Sie liegen auf dem Luv-Deck und betrachten mit wohlgefallen, wie “Vanity” immer weiter zurück fällt.

Nur ich sehe das Drama in Lee. Von meiner exponierten Position am Heck habe ich freie Sicht hinter der Genua und verfolge den Kurs der hübschen holzfarbenen “Anitra”. Er ändert sich permanent um bis zu 30 Grad. Mal steuert Sepp Martin zehn Bootslängen vor uns vorbei, mal zehn achteraus. Der Wind dreht enorm. Schließlich rutschen wir knapp davor. Bug an Heck runden wir die Luvtonne, luven “Antra” noch etwas über die Verhole-Tonne, sichern mit zwei exzellenten Halsen vor dem Wind die linke Seite und rauschen schließlich eine Bootslänge vor “Anitra” ins Ziel. Geschafft!

Im Überschwang des Erfolges will jemand für den geschlagenen Erz-Konkurrenten “Vanity” Maradonna Pizza bestellen. Die hat nix drauf! Hö, hö. Aber das ist nur Spaß. Es geht fair und freundlich zu unter den Zwölfer Teams. Die Konkurrenten applaudieren. Man hat Respekt voreinander. Alle wissen, wie viel Arbeit und Können dazu gehört, so ein Schiff über den Parcours zu bringen. Umso besser, wenn man am Ende vorne liegt.

Die Abschluss-Pressemitteilung
Die Ergebnisse

Carsten Kemmling
Spenden
https://yachtservice-sb.com

Ein Kommentar „Bericht von Bord bei der Rolex Baltic Week“

  1. avatar stefanz sagt:

    Hat sich gefreut über die wirlich guten Artikel von Segelreporter und über den guten Taktiker an Bord und über den Sieg mit einer tollen Crew.

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *