Megayachten: Auf der 47m-Alu-Sloop “Wisp” durch die norwegischen Fjorde

Schlitten mit Lehnstühlen

Kann man sich lange ansehen. Die 48 m Slup ‘Wisp' im Geiranger Fjord © Cory Silken

Kann man sich lange ansehen. Die 48 m Slup ‘Wisp’ im Geiranger Fjord © Cory Silken

Anläßlich des ersten Törns der faszinierenden „Wisp“ im Sommer dieses Jahres schwärmt Erdmann Braschos für die norwegischen Fjorde und den gekonnten Crossover aus gestern und heute.

Der dunkle Geiranger kündet von beängstigender Tiefe. Ankern geht selten. Manchmal eignen sich für den Landgang oder die Nacht die wackeligen Versorgungsstege in der Wildnis der norwegischen Fjorde.

Manchmal gibt es halbwegs flache Stellen, wo der Anker liegen bleibt und vielleicht auch hält. Wunderbar ist es auch, wenn er sich beim Aufbruch am nächsten Morgen vom Fels löst.

Nebel, Niesel, Gischt

Wie in diesen Meeresalpen üblich ist es bedeckt. Die Luft ist feucht und kühl. Das Wetter unentschlossen zwischen Nebel, Niesel oder nur norwegischem Dauerregen. Mutige Mücken finden den Weg vom bemoosten und tropfenden Ufer an Bord. Jedes Paradies hat seinen Preis.

Das Schmelzwasser schwappt von den Kanten des Hochlandes. Es strömt, tost oder klatscht weiß gischtend vom Fjell aufs Ufer. Allein dieses Spektakel entschädigt für den langen Törn und die Passage des Minenfelds der buckligen, rund gewaschenen Außenschären. Der Geiranger ist der beliebteste Fjord Norwegen. Jeden Sommer pilgert eine Karawane zahlreicher Kreuzfahrtschiffe hierher. Es ist bezaubernd wie auf dem Vierwaldstätter See. Schöner ist es, wenn man sich das Ziel selbst ersegelt hat.

Kleine, große Sloop im grünen Fjord © silken

Kleine, große Sloop im grünen Fjord © silken

Raus aus den Tälern, rein in den Atlantik

An sonnigen Tagen ist es lieblich. Dank Golfstrom und langen Sommertagen gedeihen im Norden sogar Äpfel. An weniger sonnigen Stunden ist es dräuend und derart bedrückend, dass man flüchten möchte. Raus aus den engen Tälern. Hinaus auf die Weite des Atlantik.

Man braucht Zeit: am besten die Wochen des nordischen Sommers. Ein paar Freunde, die beim Segeln helfen, andere die in Bergen oder Trondheim zusteigen. Praktisch sind Wanderschuhe, Regenjacke und ein zuverlässiger Bootsmann, Freund oder Skipper, der bei den Ausflügen aufs Boot aufpasst.

Wichtig ist ein Schlitten, der die vielen Meilen von unseren Küsten im zweistelligen Tempo flott vorbei rauschen lässt. Auf dem es sich ein paar Wochen komfortabel lebt. Eine Rückzugsmöglichkeit von der Tag und Nacht hellen Wildnis, den Mücken, der Dauerdämmerung verhangener Tage, auch den Trollen von draußen und jenen, die man womöglich dabei hat.

Blick vom Beiboot

Bewährt hat sich bei den großen Als-Ob-Klassikern des sogenannten „Spirit of Tradition“ die Tandemausführung zweier Deckshäuser. Das große vorne für alle (auch die Trolle), das kleine achtern für den Eigner. Der holländische Konstrukteur Andre Hoek zeichnet das schon länger so.

Die Eignerplicht der „Wisp“ bietet im Schutz des Deckshauses auf beiden Seiten sogar zwei Lehnstühle mit Armlehnen. Da gibt’s unterwegs immer eine komfortable Leeposition. Und nach der Rückkehr von der Fjord-Wanderung sitzt man da sehr schön zu zweit.

Die Eignerplicht mit den beiden Sesseln zum Armchairsegeln achtern © Cory Silken

Die Eignerplicht mit den beiden Sesseln zum Armchairsegeln achtern © Cory Silken

Wichtig ist auch ein Beiboot. Es lässt sich auf diesem 48m-Schlitten problemlos mitnehmen und aussetzen. Denn bloß zum flotten Fahrtensegeln, gut gepolstertes Bordleben und das gediegene Armchair-Segeln achtern allein ist die „Wisp“ zu schade.

Ich finde den Schlitten so gelungen, das man sich ihn eine Weile aus verschiedenen Winkeln angucken kann: Das angehobene, gestreckte Heck und wie es in den Spiegel übergeht, den schwarzen Rumpf und wie schön sich das alles im bewegten Geirangerfjord wiederholt. Das klappt im Beiboot mit schweigendem Motor am besten.

Segelyacht “Wisp”

47,65 m Aluminiumslup, Wasserlinie 33,62 m, Breite 9,50 m, Tiefgang 4,45 m, Verdrängung 235 t, Ballast 60 t, Rumpfgeschwindigkeit 14 Knoten, 57,5 m Brückendurchfahrtshöhe, Groß 577 qm, Genua 727 qm, Fock 457 qm, Stagsegel 236 qm, Gennaker 1.252 qm, Maschine Caterpillar 715 PS bei 2.100 U/min, 22.000 l Diesel, 8.000 l Wasser, 4.000 l Grauwasser, 5.570 sm Reichweite bei 10 kn, Konstruktion Hoek DesignWerft Royal Huisman.

Der Mix aus traditioneller Anmutung über Wasser, der einen klassischen Langkieler vermuten läßt, aber ein modernes Unterwasserschiff mit U-spantigem Rumpf, Flossenkiel und achtern separatem Ruder bietet, ist bewährt. Er wird seit Jahrzehnten von vielen Konstrukteuren in verschiedenen Größen und Varianten realisiert.

Herausforderung bei „Wisp“ war es, der großen Slup mit Festkiel relativ wenig Tiefgang von ganzen 4 ½ Metern mitzugeben und dennoch das nötige Segeltragevermögen zu bekommen. Gelöst wurde die Aufgabe durch die Breite von 9 ½ Metern und einer elefantenfußartigen Verdickung der Kielsohle zur Aufnahme des 60 t Ballast am unteren Ende.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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2 Kommentare zu „Megayachten: Auf der 47m-Alu-Sloop “Wisp” durch die norwegischen Fjorde“

  1. avatar T.K. sagt:

    Ein Traum!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  2. avatar T.B. sagt:

    Tolles Boot!

    Sehr schöner Text!

    Mitgesegelt oder Bewerbung als Werbetexter für RH?

    Wenn 2., sollte Alice Dich einstellen!-)

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