Abenteurer: Die Zwillinge Berque (63) gelten als “die letzten Hippies” der See

Rebellen der Meere

Teaser zum Film Inside/Outside, mit englischen Untertiteln. Göttlich!

 

Mit ihren selbstgebauten „Micromegas“-Booten segelten die beiden Franzosen 5 x über den Atlantik, meist ohne Navigationsinstrumente. Ihr Ziel? Freiheit!

Kürzlich erhielten wir eine Mail von SR-Leser Timon Beuers, der um ein wenig Recherche bat. Er beobachte seit einiger Zeit die Kleinst- und Selbstbauszene und ist dabei auch den Gebrüdern Berque begegnet – „zwei ziemlich coolen Hippies“. Der Tracker ihres letzten Abenteuers „Micromegas 5“ sei allerdings kurz vor Martinique „stehen geblieben“…

Merci, Timon. Denn die beiden „Rebellen der Meere“ bieten in der Tat echten SR-Stoff!

Berque, Zwillinge, Micromegas

Schon ziemlich früh der Geografie verfallen © Berque

Die individuelle Freiheit des Individuums.

Wo fängt sie an, wo hört sie auf? Ist es wirklich Freiheit, wenn Segler heutzutage auf Karbonrümpfen mit Schwenkkiel Geschwindigkeitsrekorde auf den Weltmeeren schaffen? Ist es Freiheit, wenn ganze ARC-Flottillen über den Atlantik schippern, in Plastik-Familienyachten mit drei Kabinen und zwei Bädern dank GPS punktgenau zum Sundowner in der Karibik ankommen? Oder ist – im Gegenteil – Freiheit nur dann möglich, wenn  man sich auf das Nötigste, sprich Wesentliche reduziert? Unter Verzicht auf jeglichen Komfort Freiheit auch als materielle Unabhängigkeit versteht?

Die Zwillingsbrüder Emmanuel und Maximilien Berque haben ihre Antwort auf diese Fragen längst gefunden. Sie leben ihr Leben in individueller Freiheit – radikal, kompromisslos, unabhängig. Ihr Abenteuer–Faktor ist immens hoch, ihre Lebensqualität trotz aller finanziellen Durststrecken beneidenswert.

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Bis heute können sie’s nicht lassen, auf Kleinst-Booten über den Atlantik zu Schippern © Berque

Die heute 62jährigen eineiigen Zwillinge werden von den Franzosen oft liebevoll „die letzten Hippies“ genannt: Ihr Leben am Strand, in und auf dem Wasser ist längst legendär, ihre Abenteuer und die daraus entstandenen Bücher und Filme sind Kult.

Freiheit, von Anfang an

Emmanuel und Maximilien kommen 1950 im Abstand von fünf Minuten in Casablanca, Marrokko, auf die Welt. Ihre ersten Lebensjahre verbringen sie mit ihrer Familien (drei Schwestern, ein Bruder) im Hohen Atlas, später in Ägypten, dann im Libanon. Als Fünfjährige beweisen sie erstmals unbedingten Freiheitswillen und hauen für mehrere Tage von zu Hause ab, streunen durch die Wälder. Kurz darauf wird ihr Vater, Professor für Islamwissenschaft, an eine Universität in Paris berufen. E + M kommen in eine französische Schule und begehren auf! Die Eltern trennen sie schließlich für ein paar Jahre, schicken jeden Zwilling auf eine separate Klosterschule, mit (vordergründigem) Erfolg!

Coole Anfänge © Berque

Die beiden werden Asse in Physik und Mathematik, interessieren sich für Fotografie. Doch nach dem Abi ist Schluss mit trockener Theorie: Am Atlantik-Strand Nahe Contis, wo die Eltern ein kleines Häuschen haben, erforschen die beiden eher praktische Wissenschaften wie Sea, Sex and Surf als französische Versionen der kalifornischen 68er-Hippie-Bewegung.

Nach ein paar Jahren auf den Atlantik-Stränden Frankreichs, Spaniens und Marokkos soll’s seriöser werden: Der eine wird Weinbau-Spezialist (Önologe) auf Korsika, der andere Taucher. Doch kurze Zeit darauf ruft erneut der Strand – und wird erhört!

Mit dem Hobie übern Teich?

Die Zwillinge interessieren sich neben dem Wellenreiten jetzt vor allem fürs Strandkat-Segeln. Auf einem geliehenen Hobie 18 wollen sie mit klassischer Navigation von Marseille durchs Mittelmeer und Rote Meer nach Djedda/Saudi Arabien segeln, doch kurz vor dem Ziel macht ein Sturm Kleinplastik aus dem Gefährt. 1979, acht Jahre vor Bourgnon, planen sie eine Atlantik-Überquerung auf einem Hobie, doch der Französische Importeur will die beiden partout nicht unterstützen…

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Micromegas I, 1986

Logische Folge: Selbstbau! 4,85 m kurz ist die „Micromegas I“ (nach Voltaires berühmter Science-Fiction-Gestalt benannt), ein Trimaran aus Holz, der im Wohnzimmer des Strandhauses gebastelt wurde. Damit machen sie mehrere Törns entlang der Küsten; zuletzt bis zu den Kanaren, weiter trauen sie sich nicht: Zu fragil, das Ganze.

Also ein anderes Schiff bauen: Die Micromegas II ist eine Art Kanu aus Holz, 4 m kurz, 2 Masten, zwei Segel, alles sorgfältig gebaut, basta. Damit erreichen M + E im Juni 1995 Guadeloupe nach 37 Tagen Überfahrt (ab Kanaren). Von einem Tag auf den anderen sind sie Medienstars in Frankreich, kommen ins Guinness Buch der Rekorde.

Ein Jahr später, auf ihrer Erfolgswelle surfend,  überqueren sie wieder in der Micromegas II den Atlantik – diesmal direkt von von ihrer Heimat aus. 11.000 km Fahrt… und als sie in Florida ankommen, „interessiert sich kein Schwein für sie.“ Sie müssen ihr Boot irgendwo an einem Steg zurück lassen, verdienen sich als Helfer auf den Yachten der Superreichen das Geld für den Rückflug, sehen ihr Schmuckstück von einem Boot nie wieder.

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Micromegas II, 1994 © Berque

 

Autoportrait Bahamas © Berque

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
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7 Kommentare zu „Abenteurer: Die Zwillinge Berque (63) gelten als “die letzten Hippies” der See“

  1. avatar Stefan sagt:

    …sehr schöner Artikel!

    …allerdings werden (wieder mal) einige Photos aufgrund der Sonderzeichen im Dateinamen nicht in Safari angezeigt.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 1

  2. avatar T.B. sagt:

    Hallo Michael!
    Danke für die promte Hilfe! Ich dachte mir doch, dass die Storry für Euch interessant ist. Super Artikel mit vielen Infos die ich noch nicht wußte.
    Hätte ich mal lieber Französisch statt Latein in der Penne belegt…..:-)

    Die beiden sind also z.Zt. nur Internet-Müde. Typisch für die beiden, dass sie sich die Freiheit nehmen dann mal einfach aufzuhören.

    Interessanter Aspekt, die Überfahrt mit GPS als “blind” zu empfinden!

    Vielen vielen Dank
    Timon Beuers

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 12 Daumen runter 0

  3. avatar Ketzer sagt:

    Hahaha, wußte ich’s doch. Hippies mit Porno-Bärten = Hobie-Segler.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 8 Daumen runter 6

  4. avatar dubblebubble sagt:

    Lasst mich raten, Berque heißt Brustkorb?

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 5 Daumen runter 3

  5. avatar T.K. sagt:

    Sehr schöber Artikel,

    aber mal ehrlich:

    Haben die Ihre Plauze absaugen lassen, oder sehen die immer so aus wie auf dem ersten Foto????????????

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 2

  6. if you want a better quality for our video-clips on Dailymotion and more of our adventures history:

    http://www.dailymotion.com/EandMBerque#video=x9sqb7

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 2

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