Anders leben: 68-jährige Shirley Carter alleine mit 65-jährigem Boot auf Langfahrt

Einhand unterm Dschunkenrigg

Einhand, Weltumseglung, Shirley Carter, Dschunkenrigg

68 Jahre jung und auf einem außergewöhnlichen Boot mit viel Zeit unterwegs: Shirley Carter auf ihrer “Speedwell” © Carter

Wer “Ende Sechzig” noch mit einem 7,60 Meter-Holzboot über die Sieben Meere segelt, braucht eine Menge Mumm. Oder Gelassenheit. SR-Autor Knut hat die Einhandseglerin in der Karibik auf ihrem Langfahrtklassiker getroffen. Ein außergewöhnliches Duo.

In jeder Marina und auf jedem Ankerplatz, egal ob es der City Sportboothafen in Hamburg ist, die Dyvig in Alsen, die Reede von Papeete, Langkawi in Malaysia oder in der Prickley Bay auf Grenada, haben Segler ein morgendliches Ritual, einen Reflex: Der erste Blick des Tages geht zu den Nachbarbooten. Sind alle bekannten Boote an ihren Plätzen? Sind neue Boote eingelaufen?

Manche Neuankömmlinge wecken Neugierde. Wie gut, dass es eine einfache Formel gibt, mit nahezu jedem Skipper in Kontakt zu kommen und eine Einladung auf sein Boot zu erhaschen: „Was für ein tolles Boot! Von wo kommt ihr gerade?“ Nun sorgen Eignerstolz und Seglerstolz für eine sofortige Einladung an Bord – auch eine Art Reflex!

Klassiker mit Langfahrtgeschichte

Anfang Dezember 2016 liegt so ein Neugierigmacher in der Prickley Bay auf Grenada. Ein knallgelbes Boot mit den traditionellen Linien eines Laurent Gilles Designs. Eine Vertue, gerade mal 7,60 Meter lang, winzig zwischen den anderen Langfahrtbooten und Charterkats, die im Schnitt 12 bis 14 Meter lang sind. Ein Dschunkenrigg hebt die Vertue von den anderen Yachten ab. Geskippert wird das Boot von einer Einhandseglerin. Am Heck steht der Name “Speedwell of Hongkong”.

Google verrät: Das Boot wurde bereits 1952 in Hongkong mit der Baunummer 44 von ca. 250 Vertues gebaut und schon 1953 von Peter Hamilton ab Singapur bis nach England gesegelt. Dieses Abenteuer findet in Büchern von Langfahrtpionier Eric Hiscock Erwähnung. Unmittelbar nach Peter Hamiltons Ankunft in England wurde “Speedwell” vom Südafrikaner John Goodwin gekauft und zurück nach Kapstadt gesegelt.

John Goodwin wurde später ein sehr bekannter Regattastar. Später kaufte L. van Winsen, ein Richter und Commodore des berühmten RCYC die “Speedwell” und nutzte sie für Törns am Kap der guten Hoffnung.

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Exotisches Boot an exotischen Küsten: Speedwell in karibischer Bucht © carter

Ganz offensichtlich ankert hier ein Stück Yachtgeschichte, ein echter Klassiker. Es dürfte nicht viele Boote geben, die nach 65 Jahren noch auf Langfahrt sind. “Speedwell” ist damit in einer Liga mit Hiscocks legendärer „Wanderer III“, ebenfalls ein Laurent Gilles – Design, die noch heute mit Thies und Kiki Matzen um die Welt segelt. Also Grund genug für einen Besuch: „Hi, was für ein tolles Boot! Von wo kommst du gerade?“

Auf interessanten Schiffen trifft man spannende Menschen und Shirley Carter hält, was “Speedwell” verspricht. Shirley, 68 Jahre jung, ist eine ausnehmend freundliche, zierliche Person. Sie segelt die “Speedwell” einhand über den Ozean.

Wie sie an Bord und später an der Strandbar erzählt, war sie kaum 20 Jahre alt, als die Berichterstattung über das legendäre Golden Globe Race ihr Interesse an Segelbooten und Ozeanreisen weckte. Shirley sagt heute, sie hätte damals nie geglaubt, dass sie jemals die Möglichkeit haben würde, über die Ozeane zu segeln. Statt dessen schloss sie ein Studium der Mathematik ab, eine Ehe und Tätigkeiten als Lehrerin und als Softwarespezialistin bei IBM folgten, sie bekam einen Sohn. In der Freizeit war sie mit ihrem Segelflieger zwischen den Wolken über Südafrika unterwegs.

Klebrige Falle namens Vorbereitung

Ganze 20 Jahre brach der Segelvirus bei Shirley nicht aus, erst mit Anfang 40 ist es soweit. Es ist Zeit zum Segeln! Zusammen mit ihrem Lebenspartner zieht sie auf eine Colvin Gazelle; schon ein Boot mit Dschunkenrigg. Fortan leben sie in der Marina des Royal Cape Town Yachtclub. Diese Marina hat eine lange Geschichte, nahezu alle Weltumsegler stoppen hier.

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Mann kann sich gar nicht sattsehen an der farbenfrohen Exotin © Carter

Lange 10 Jahre leben beide in der klebrigen Falle, die Vorbereitung heißt. Die Abfahrt verschieben sie wieder und wieder. Immer neue, vermeintlich unentbehrliche Ausrüstungsteile finden ihren Weg an Bord, teilweise werden sie nie installiert.

Einmal kann Shirley auf einer Yacht als Crew anheuern und macht auf der Strecke von Panama bis nach Tahiti erste Bauwassererfahrung. Dieses Erlebnis hilft, am Traum des Blauwassersegelns festzuhalten.

Zuhause in Kapstadt bleibt es bei kurzen Törns, an der Küste hoch und wieder runter. Wenig befriedigend, wenn man von langen Ozeanpassagen träumt. Aber diese Törns halten den Traum lebendig. Eine lange Reihe bekannter und unbekannter Langfahrer machen neben Shirleys Boot in der Marina von Kapstadt fest und verschwinden irgendwann wieder hinter dem Horizont. Mit einigen Langfahrern schließt Shirley Freundschaft und besonders fühlt sie sich mit den Langfahrerlegenden Annie und Pete Hill verbunden.

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Das Dschunkensegel hat sich Shirley selbst genäht aus mit PVC beschichtetem Material: Schwer zu bearbeiten, hält aber ewig © Carter

Pete Hill ist es auch, der Shirley 1998 auf “Speedwell” aufmerksam macht. Zu diesem Zeitpunkt liegt das Boot an einer Mooring in Kapstadt, wird nur wenig gesegeltund entsprechend traurig ist sein Zustand. Aber nach einer gemeinsamen Inspektion gibt der erfahrene Pete schließlich sein „OK“ zum Kauf der „Speedwell“ – das Boot sieht zwar etwas ramponiert aus, ist aber im Kern gesund.

Shirley sieht “Speedwell” als vielleicht letzte Möglichkeit, endlich die Leinen loswerfen zu können. Nach 10 Jahren in der Falle der ewigen Vorbereitung verliebt sie sich in das kleine, einfache, unprätentiöse Boot. Längst hat sie verinnerlicht, das es die einfachen Lösungen sind, die sie ans Ziel bringen. Nicht der Berg von teuren Ausrüstungsteilen, der sich in den vergangenen Jahren auf dem viel größeren Colvin-Schiff angesammelt hat.

Erster Einhandtörn

Alle weiteren Arbeiten, die das kleine Holzboot wieder seetauglich machen, erledigt Shirley in den kommenden Jahren zielstrebig, eigenhändig und alleine.

2002 ist es endlich soweit. Gleichzeitig mit Pete Hill, der mit seinem Dschunkenrigg-Katamaran “China Moon” wieder in Kapstadt einen Zwischenstopp eingelegt hat, startet Shirley zu ihrer ersten Einhandreise. Via St. Helena und Ascension nach Brasilien. Noch unmittelbar beim Ablegen versagt “Speedwells“ Motor. Die zur Verabschiedung anwesenden Freunde und Kollegen erwarten, dass Shirley direkt umdreht und zurück kommt. Doch sie kommt noch nicht einmal auf die Idee.

Zu lange hat sie auf diesen Moment hingearbeitet und “Speedwell” ist schließlich ein Segelboot! Schnell setzt sie die Segel und kreuzt aus dem Hafen. Bereits in der ersten Nacht sind Wind und Wellen deutlich unzivilisierter als es der Wetterbericht versprochen hat. “Speedwell” nimmt viel Wasser über, Deck und Aufbau sind undicht, die Bilge als Stauraum zu nutzen stellt sich nun als eine der weniger guten Ideen heraus. Eine große Welle findet zielsicher den Weg durch den offenen Niedergang auf den Kartentisch und weicht die einzige Seekarte auf.

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Shirley und Sindbad © Carter

Bordkatze Sinbad – ausgestattet mit einem arttypisch distanzierten Verhältnis zum nassen Element – möchte sich vor dem Wasser auf dem schwankenden Kajütboden in Sicherheit bringen und springt auf den Kartentisch. In diesem Moment wird “Speedwell” durch eine hohe Welle auf die Seite gelegt und Sinbad rutscht mit ausgefahrener Krallen vom rettenden Kartentisch zurück ins Wasser auf dem Kajütboden. Natürlich nicht ohne beim Runterrutschen mittels seiner Krallen die einzige – und patschnasse – Seekarte erst zappelnd zu zerteilen und dann die Fetzen in die Suppe aus Seewasser, Öl, Konservenetiketten, aufgeweichten Büchern und Kissen auf dem Kajütboden zu ziehen.

Nun, in dieser Nacht ist das Thema Navigation sowieso subsidiär zum Aussteuern der viele Meter hohen Wellen und erst recht zum regelmäßigen Lenzen des Bootes; das Problem mit der Seekarte verschiebt Shirley auf später. Als sich Wind und Wellen beruhigt haben und nach ein paar Stunden erholsamen Schlaf, findet sich ein brauchbarer Fetzen Seekarte, auf dem der größte Teil von St. Helena erkennbar ist.

Zwischen Südafrika und St. Helena stören bekanntermaßen weder Land und noch Riffe den Segler; so rekonstruiert Shirley sich eine Seekarte durch ein System von Längen – und Breitengraden auf einem Stück Blankopapier. Den Rest der Originalkarte mit den Fragmenten der Insel St. Helena klebt Shirley an die passende Stelle ihrer Selfmadekarte und kann weiter segeln.

Abenteuer genug

Neue Seekarten bekommt sie auf St. Helena. Nach einem Zwischenstopp in Ascension läuft “Speedwell” in Brasilien ein. Die erste Einhandreise quer über den Ozean ist erfolgreich beendet. Pete Hill ist mit “China Moon” bereits drei Wochen vorher angekommen. Aber um Rekordzeiten aufzustellen ist Shirley nicht ausgelaufen. Der Südatlantik ist in einem alten 25 Fuß Holzboot und einhand schon Abenteuer genug

Shirley bekommt unmittelbar nach ihrer Ankunft eine hochwillkommene Gelegenheit, ihre Abenteuerhistorie um ein Kapitel zu erweitern: Als Crew reist sie an Bord von “China Moon” mit Pete Hill um Kap Hoorn und durch Patagonien. “Speedwell” wird in dieser Zeit an Land gestellt.

Nach acht Monaten Abenteuer im viel zu oft viel zu stürmischen Südmeer kommt Shirley zurück zu “Speedwell”. Die Monate ausserhalb ihres Elementes haben dem 50 Jahre alten Holzschiff mehr zugesetzt als die Jahrzehnte im Seewasser. “Speedwell’s“ Planken sind ausgetrocknet, Termiten haben sich eingenistet.

Nach einer ersten Reparatur segelt Shirley nordwärts. Die lange Küstenlinie Brasiliens, Französisch Guayana, Surinam und Guayana stehen im Logbuch. Trinidad, vor der Küste Venezuelas ist damals wie heute ein bevorzugter Platz, wenn Arbeit am Schiff anliegt. Mehr als die üblichen Wartungsarbeiten. Als Shirley den Anker ins ölig-schmutzige Wasser vor Chaguaramas wirft, hängt eine volle To-Do Liste im Salon: “Speedwell” ist undicht, vom Deck bis zum Rumpf, der Landaufenthalt in Brasilien hat ihr nicht gutgetan. “Speedwell” soll einen GFK Überzug bekommen.

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Mit den Ankerplätzen ist Shirley wählerisch: Es muss immer vom Feinsten sein! © Carter

Und Shirley hat sich von Pete Hill endgültig von den Vorteilen eines Dschunkenriggs für Cruiser überzeugen lassen. Das einfache Handling des Riggs bei “China Moon” auf ihrem gemeinsamen Trip um Kap Hoorn hat sie beeindruckt. Die Entscheidung ist gefallen, “Speedwell” of HONGKONG soll endlich auch ein chinesisches Rigg bekommen.

Einem alten Holzboot einen GFK Überzug zu verpassen ist nach landläufiger Meinung ein Job, den man für eine adäquate Bezahlung Profis überlässt. Shirley hat zu Hause hin und wieder GFK Reparaturen an ihrem Segelflugzeug durchgeführt. So schwer kann es doch wohl nicht sein, sein Boot mittels eines dauerhaften GFK Überzug trocken und wasserdicht zu bekommen! Ohne fremde Hilfe – selbst ist die Frau! Der Job gelingt ihr fehlerfrei. Auch heute, nach über 12 Jahren gibt es an dem GFK Überzug nichts auszusetzen: “Speedwell” ist knochentrocken, das Finish ist prima.

Neues Rigg, neues Segel – selbst ist die Frau

Beim folgenden Umrüsten von Slup- zum Dschunkenrigg bekommt Shirley erstmals Unterstützung. Pete Hill, aktuell mal wieder in Kapstadt, bietet an, den benötigten neuen Mast in Kapstadt zu bauen und als Decksfracht auf “China Moon” nach Trinidad zu liefern. Ein neuer Mastfuß im Vorschiff muss gebaut werde, Verstärkungen an Deck und Rumpf sollen die Kräfte des unverstagten Mastes aufnehmen können.

2004 ist der Umbau vollbracht. “Speedwell” ist wohnlich weil trocken und mit ihrem neuen Rigg komfortabel zu segeln. Dabei hat die Geschwindigkeit durch den Umbau auf das Dschunkenrigg nicht gelitten. Im Gegenteil, auf den langfahrttypischen Downwindkursen ist das Dschunkenrigg dem normalen Slup-Rigg sogar überlegen.

Lediglich die Upwind-Leistungen sind zunächst eher schlechter als vor dem Umbau. Erst ein neues Segel, das Shirley sich selbstverständlich selber schneidert, bekommt einen etwas anderen Schnitt als das erste Segel. Mit diesem Segel verbessern sich die mögliche Höhe am Wind und die Geschwindigkeit nach Luv maßgeblich. Die Skipperin ist sich sicher, sie möchte kein anderes Rigg mehr haben.

Kreuz und quer über die See

Shirley und “Speedwell” sammeln Meilen, sehr viele Meilen: Newport/ Rhode Island, New York, Bermuda, Florida, den Intercoastel Waterway, die Bahamas, wieder nach Norden und dann von Newport nochmals nach Bermuda und dann zu den Azoren, Madeira, die Kanaren, Kapverden zurück nach Brasilien, Uruguay und Argentinien. Über ein Jahr bleibt Buenos Aires die Basis für vergleichweise kleine Törns in Südamerika.

Dann bricht das Reisefieber sich erneut seine Bahn und es geht wieder nordwärts, diesmal bis Guatemala, Belize und Mexiko. Florida durchqueren “Speedwell” und Shirley über Flüsse, Kanäle und Seen von West nach Ost. Ein Vorteil des kleinen Schiffes: Mit mehr Tiefgang wäre diese Etappe nicht möglich gewesen.

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Es geht das Gerücht, dass Shirley vom America’s Cup-Team als Segel- und Riggsachverständige eingekauft wurde! © Carter

Ein dritter Besuch auf Bermuda findet sich im Logbuch und später eine Überwinterung in North Carolina. Die Temperaturen liegen dort um und unter dem Gefrierpunkt, Shirley verspricht “Speedwell” eine gemeinsame Saison 2016/ 2017 in der Karibik als Wiedergutmachung für den frostigen Winter. Ende 2016 sind beide schon in der südlichen Karibik und machen sich auf den Weg nach Martinique, Freunde treffen. Danach steht Kolumbien auf dem Reiseplan.

In Zukunft findet man Shirley und “Speedwell” an wahrscheinlichsten im Pazifik. Immerhin wäre ein Besuch auf “Speedwells“ Werft zu ihrem 70. Geburtstag in gut 5 Jahren Grund genug für einen gemütlichen Törn durch den Pazifik bis nach Hongkong – stilecht mit Dschunkenrigg! Shirley kommentiert diese Idee augenzwinkernd, dass “Speedwells“ 80. Geburtstag auch noch früh genug wäre. Offenbar wollen beide im Pazifik nicht in unnötige Eile geraten.

Autor: Knut, unser Mann in der Karibik

Website Speedwelladventures

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