Anders leben: 70.000 Seemeilen im Hohen Norden auf 36 Fuß Ferro-Zement-Klassiker

„Ohne Firlefanz“

Langfahrt, Blauwasser, Ketsch

Die “Hannah” kann viel Wind ab © Russ Nichols

Bee, Mick und ihre Katze sind seit 15 Jahren auf einer Ferro-Zement-Gaffel-Ketsch unterwegs. Ihr Budget: Nicht mehr als 15.000 Dollar im Jahr. Ihre Ziele: Da wo möglichst wenige andere segeln.

Die Langfahrt- oder Blauwasserszene ist bekanntlich ein ziemlich bunter Haufen. Alte und Junge, Erfahrene und Greenhorns, Einzelgänger und Kumpeltypen, Glücksritter ohne Plan und pedantische Planer, die jeden Schritt im Voraus kennen wollen. Es gibt Reiche, die mit sündhaft teuren Yachten von einem mondänen Hafen zum anderen Cruisen, nach zwei Jahren ihre Weltumsegelung beendet haben und zum nächsten „Abenteuer“ übergehen.

Und es gibt die etwas weniger Betuchten, die es erstaunlicherweise besonders lange in ihrem Wanderleben unter Segeln aushalten. Die manchmal von der Hand in den Mund leben müssen, die aus ihrem Leben auf See einen Lebensinhalt gemacht haben. Und die „Wanderschaft“ als Weg zum einem Ziel betrachten, das irgendwo hinterm Horizont liegt, und um das sie sich jetzt noch keine großen Gedanken machen.

Raus aus der Mühle

Bee und Mick O’Flanagan zählen zum letztgenannten „Stamm“ der Blauwassersegler. Vor 15 Jahren beschlossen sie, eine drastische Kehrtwende in ihrem Leben zu vollführen. „Es musste irgendwas Spezielles sein, was uns wirklich aus der Mühle rausholt,“ erinnert sich Mick, der zuvor in der Marine diente (“mehr segeln als dienen” O-Ton) und später einen Fahrradladen führte. Für die beiden begeisterten Gelegenheitssegler kam folgerichtig nur eine Variante der „Flucht“ in Frage: Segeln.

„Die ganze Sache ging erstaunlich schnell über die Bühne. Von der Entscheidung bis zum Lossegeln brauchten wir nur vier Monate. In der Zeit verkauften wir unser Haus, suchten und fanden ein Boot, das zu unseren Plänen passte und segelten schließlich los,“ wundert sich Bee noch heute.

Langfahrt, Blauwasser, Ketsch

Als wäre das Schiff für den Hohen Norden gebaut worden © Russ Nichols

Das Erstaunlichste an diesem kurzen Aktionszeitraum war jedoch, dass sie auf ihre Yacht „Hannah“ stießen. Mick hatte irgendwann einmal gehört, dass sich im Prinzip alle Rumpfmaterialien für einen Langfahrtcruiser eignen würden. Stahl, Aluminium, Holz, GfK, Karbon… nur von Ferro-Zement solle man besser die Finger lassen. Grund genug für den Querkopf Mick, genau nach Ferro-Zement-Yachten Ausschau zu halten.

„Sie sind im Prinzip ähnlich wie Holz mit relativ einfachen Mitteln zu reparieren, machen allerdings keine Probleme mit Rott!“ Nach drei Yacht-Besichtigungen standen sie schließlich vor „Hannah“: Eine acht Jahre junge, 36-Fuß-Ferro-Zement-Gaffelketsch für 47.000 US-Dollar.

Sie sympathisierten mit dem Vorbesitzer, der aus Freundschaft noch mit Hand anlegte, um sein ehemaliges „Schmuckstück“ für die Langfahrt auszurüsten. „Wir hatten ja alles andere als eindeutige Vorstellungen von unserem bevorstehenden Törn,“ schreiben Bee und Mick heute auf ihrem Blog. „Wir wussten nur: Das Schiff muss gemütlich sein, sollte eine Bibliothek (anfänglich 700 Bücher, heute über 1.000) tragen können und vor allem aufnahmebereit für einen heimeligen Holzofen sein.“

Langfahrt, Blauwasser, Ketsch

Nach 70.000 Seemeilen kaum Reparaturen © Russ Nichols

Je weniger, desto…

Auch eine gewisse Stäbigkeit für wirklich anspruchsvolle Seegebiete war Voraussetzung. Denn eines war sicher: „Wir hatten keine Lust auf die üblichen Barfuß-Routen, auf denen jeder, der eine Wende von einer Halse unterscheiden kann (wenn überhaupt!) rumgondelt.“

Zudem war Mick ein Fan von der These „je weniger, desto verlässlicher“. „Kein unnötiger Firlefanz“ sollte zum Mantra für die nächsten Jahre werden. Keine elektrischen Hilfen, keine radkappengroßen Winschen, kein hydraulischer Kram, kein Kühlschrank und an Elektrik wirklich nur das Nötigste stand auf „Hannahs“ Ausrüstungsliste. Wer fit sei, könne ein solches Boot als natürlichen Kraftraum betrachten, argumentierte Mick.

Kurz bevor das Paar vor 15 Jahren ablegte, kam noch ein junger Typ auf sie zu, der angeblich im Segelbusiness arbeitete und wohlwollende Ratschläge geben wollte: „Habt Ihr EPIRB? Eine Entsalzungsanlage fürs Trinkwasser? Habt ihr ein nach vorne ausgerichtetes Echo-System?“ „Nö, nix davon,“ winkte Mick ab. „Dann könnt Ihr auch nicht auf Langfahrt gehen!“ behauptete entrüstet der junge Ratgeber.

Langfahrt, Blauwasser, Ketsch

Mick und Bee in ihrem gemütlichen Heim. Sie leben das ganze Jahr über auf dem Schiff © Nichols

Alles noch wie vor 15 Jahren

70.000 Seemeilen später ist die „Hannah“ immer noch eher rudimentär ausgerüstet. Von den gerade genannten, „unabdingbaren“ Ausrüstungsgegenständen hat sie weiterhin keines an Bord. Und im Laufe der Jahre sind eher Teile von Bord verbannt worden, als dass welche hinzu gekommen seien.

„Wir sind in den wildesten Gegenden unterwegs gewesen ,“ beschreibt Mick ihr Leben während der vergangenen eineinhalb Jahrzehnte lapidar. „Vor allem vor Neufundland und Labrador , überhaupt in den ganzen nördlichen Regionen hat es uns irrsinnig gut gefallen. Dabei hat es uns nie an etwas gefehlt – und es ist auch so gut wie nichts kaputt gegangen. Wir mussten Ausrüstung im Gegenwert von gerade mal 50 Dollar austauschen. Sogar unser Original Garmin 128 GPS tut noch hervorragende Dienste.“

Nicht mehr als 15.000 Dollar geben Bee und Mick per anno aus. „Damit sind wir immer klar gekommen. So wurde langsam die Summe unseres Hausverkaufs aufgebraucht, aber ein paar Jahre haben wir noch vor uns.“, schreibt Bee auf ihrem Blog.

Langfahrt, Blauwasser, Ketsch

Wer so seinen Anker hochholt, braucht kein Fitnessstudio © hannah

Derzeit liegt die „Hannah“ im US Staat Maine, das letzte gepostete Bild zeigt sie eingeschneit, „aber mit wenig Schnee, für Maine-Verhältnisse“, stellt Mick klar. Wohin sie als nächstes segeln wollen? Schulterzucken. „Bestimmt nördlich, weg von der Karibik,“ sagt er grinsend. Und ob sie denn vor gar nichts Angst haben? „Doch, etwas beängstigt uns dauernd. Nein, keine Stürme oder so, das hat „Hannah“ alles im Griff.

Langfahrt, Blauwasser, Ketsch

Manchmal kommt ungebetener Besuch © hannah

Was uns wirklich immer wieder Sorgen macht, ist das Abschiednehmen von diesen wunderbaren Leuten, die man auf den nördlichen Routen trifft. Denn es ist ja meistens ein Abschied für immer – man begegnet sich nur selten mehrmals wieder im Norden. Diese faszinierenden Typen, die Fahrtensegeln noch als „Wanderschaft“ betrachten. Und die völlig losgelöst in einer ganz anderen Welt unterwegs sind. Ein bisschen so wie wir…“

Bee und Mick schreiben einen spannenden Blog, für dessen Lektüre man sich aber ein wenig Zeit nehmen sollte. Man lernt darauf die beiden Langfahrtsegler so nahe kennen und schätzen, dass man eigentlich nichts anderes mehr machen möchte, als möglichst schnell irgendwo eine Ferro-Zement-Yacht aufzutreiben, reichlich von deren Inventar von Bord zu schmeißen um schnell, ziemlich schnell loszusegeln. Vorzugsweise gen Nordwest.

Langfahrt, Blauwasser, Ketsch

“Hannah” und die berühmte “Walkabout” © hannah

 

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Anders leben: 70.000 Seemeilen im Hohen Norden auf 36 Fuß Ferro-Zement-Klassiker“

  1. You have illegally copied the above article from the Attainable Adventure Cruising website. And you have illegally copied photographs without giving proper attribution. We have reported this infringement to Google.

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