Anders leben: Französische Luftartisten-Familie segelt um die Welt

Mastakrobaten

Delphine Lechifflart und Franck Rabilier verdienen sich ihren Lebensunterhalt als Artisten – am Mast ihres Schiffes, mit dem sie um die Welt segeln.

Sie nehmen den Begriff „Gaukler der Meere“ wörtlich, und das schon seit 13 Jahren: Delphine (42) und Franck (44) segeln mit ihren beiden Töchtern Loéva (13) und Ondja (5) um die Welt. So weit, so gut.

Nur dass sie eben ihren Lebensunterhalt als Luftakrobaten verdienen. In den Häfen, am Steg, direkt am Mast ihres Schiffes.

Weltumseglung, Hafenshow, Akrobaten

Die Hafenshow am Mast @Bertrand_Cousseau

Nach dem Segeln in die Lüfte

Sie wollten schon immer „anders“ sein. Und richteten ihr Leben konsequent nach diesem uralten Traum der Kreativen und Abenteuerlustigen aus. Delphine und Franck tingelten mit dem Zirkus durch Europa, gaben Shows auf den großen Bühnen der Metropolen und kleinen Marktflecken provenzialischer Dörfer. Doch irgendwann besannen sie sich einer alten Leidenschaft, die sie zufällig beide von ihren Eltern mit auf den Lebensweg bekamen: Segeln.

Logisch, dass keine kleinen Brötchen gebacken wurden. Eine Tour rundum sollte es werden und, ja, ihr Geld können sie sowieso nur mit dem Einen verdienen, das sie richtig gut können: als Akrobaten.

Das Schiff wächst im Gemüsebeet

Schon ihr Schiff ist ein Abenteuer für sich. Der Kiel der „Loupiote“ wurde bereits 1975 in einem Garten gelegt. 17 Jahre baute der damalige Eigner an dem Flushdecker aus Holz, mit Iroko Decksbelag. Das 14-m-Schiff war fast fertig, als sein Erbauer verstarb, ohne jemals sein Lebenswerk auf dem Wasser schwimmen zu sehen. Die Witwe behielt es im offenbar weitläufigen Garten, wo es buchstäblich zurück zur Natur fand.

Weltumseglung, Hafenshow, Akrobaten

Die Loupiote unter Segeln © Rabilier

Im Jahr 2000 kauften Delphine und Franck das mittlerweile angegammelte Wrack: „Für uns gab es zwei wichtige Kaufgründe: Das Schiff wurde uns fast geschenkt und es hatte ein Flushdeck – für das, was wir vor hatten, eine essentielle Voraussetzung!“ erzählt Franck.

Beide bastelten vier Jahre intensiv am Rumpf und Deck, änderten aber nichts an seiner Architektur. „Es wurde erneuert, und zwar von Grund auf, aber eben hoffentlich im Sinne des Erbauers!“ unterstreicht Franck. Nur Rigg und Takelage änderten sie nach ihren akrobatischen Bedürfnissen, ein „paar Quadratmeter mehr Segelfläche gab es auch dazu!“

Und dann ging’s los.

2004 schwimmt die „Loupiote“ erstmals in ihrem Element. Mittlerweile hatten die beiden Gaukler Nachwuchs bekommen, und so segelnsie eben zu Dritt erst vor der bretonischen Küste, dann von Hafen zu Hafen die französische und spanische Atlantikküste entlang. Sie beginnen mit ihren ersten Vorführungen: Legen an, verteilen ein paar Flugblätter als Ankündigung für ihre abendlichen Aktivitäten. die „luftige, sphärische, hinreißende Akrobatik am Mast“ (Presse) begeistert spontan – nicht nur die Stegnachbarn. Ihre „Hafenshow“ spricht sich schnell herum, sie sind oft Wochen im Voraus ausgebucht.

Weltumseglung, Hafenshow, Akrobaten

Decksspaziergang @Audrey_riou

2006 segeln sie nach Marokko, im Januar 2007 überqueren sie den Atlantik bis zu den französischen Antillen. Von dort aus geht es die amerikanische Küste entlang Richtung Norden, nach Halifax/Neu-Schottland. Nach einem Winter unter Schnee wird der „Loupiote“ ein neuer Unterwasseranstrich verpasst: „Mehr war nicht nötig, das Schiff bewährte sich auf jeder einzelnen bisher gesegelten Seemeile!“

Von Hafen zu Hafen tingeln

Und es sollten noch mehr werden. Im gleichen Jahr wird Ondja geboren und schon ein paar Stunden nach der Geburt geht’s wieder hinaus auf See, „en famille“, sozusagen, gen Süden.

„Unsere Show wurde in allen Häfen, in den wir auftraten, nahezu frenetisch gefeiert,“ wundert sich Delphine. „Wir hätten nie gedacht, dass alte Zirkuskünste in dieser neuen Welt so gefragt sein könnten!“

Weltumseglung, Hafenshow, Akrobaten

Mast aufentern mal ganz anders © Rabilier

Es zieht die Vier hinüber in den Pazifik, nach Hawaii, die Südsee. Ihr Schiff lässt sie dabei kein einziges Mal im Stich – ihre Künste „am Tuch“ und am „Seil“ ebenfalls nicht.

Die Show läuft immer nach dem gleichen Muster ab: Der Hafenmeister weist ihnen einen Liegplatz zu, den möglichst viele Menschen von Land oder vom Steg aus einsehen können, „dann wird das Deck aufgeräumt, ein bisschen Aufwärmen und dann sind wir auch schon oben im Mast und beginnen mit unserer Vorführung,“ sagt Delphine mit einem gewissen Understatement in der Stimme.

In den großen US-amerikanischen Yachthäfen kommt dabei richtig viel Geld als Honorar zusammen, in anderen, auf irgendeiner Insel in der Südsee, reichen die Einkünfte noch nicht einmal für ein Essen im Restaurant. „Doch jedes Mal schließen wir wunderbare Freundschaften oder erleben die tollsten Begegnungen mit wirklich interessanten Menschen,“ sagen Delphine und Franck.

„Im Durchschnitt kommen wir mit 800 Euro im Monat aus, eine Liegeplatzgebühr bezahlen wir ja meistens nicht,“ rechnet Delphine vor. „Was übrig bleibt, legen wir zur Seite für lange Etappen in Gegenden, wo wir nicht auftreten, weil einfach kein Publikum da wäre!“ Und für Rückflüge ihrer ältesten Tochter nach Frankreich: Loéva wird zwar von ihren Eltern an Bord schulisch unterrichtet, muss aber 2 x im Jahr die gleichen Prüfungen machen, wie ihre daheim gebliebenen Kameraden in Frankreich.

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Kopfüber in down under ©jean-pierre_Maybon

Kopfüber in Down under

Derzeit segeln die Vier auf der „Loupiote“ vor der neuseeländischen Küste, seit zwei Monaten haben sie bei den segelverrückten Neuseeländern bereits großen Erfolg mit ihrer Show. Erstmals haben sie kleine Akrobatik-Einlagen für Loéva in die Vorführung aufgenommen. „Sie hat uns dazu überredet,“ sagt Delphine. „Lo hat eben reichlich Artisten- und Seglerblut in den Adern!“

Wann sie wieder Richtung europa segeln werden? Achselzucken allerseits. „Erstmal gibt es „down under“ noch reichlich zu erkunden. Und Asien ist ja auch nicht mehr weit!“

Website (teils franz., teils engl.)

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Michael Kunst

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