Anders leben: Mit Baby in der Karibik segeln – junge Familie auf dem Törn ihres Lebens

Mit Willi auf der Snoopy

Baby an Bord, Langfahrt, Karibik

Jaqueline und ihr Willi, der Segeln schon “zum Fressen” gern hat © go wesst

Wann sonst, wenn nicht jetzt? Unter diesem Motto starteten Jaqueline und Mischa vor zwei Jahren zu ihrer Langfahrt. Als Willi sich dazu gesellte, machten sie einfach weiter.

Es gibt bekanntlich viele Gründe, warum man seinen Traumtörn nach ein paar Monaten gleich wieder abbrechen könnte. Aber „plötzlicher“ Familienzuwachs gehört nicht dazu – davon sind zumindest die beiden Österreicher Jaqueline und Mischa durchweg überzeugt und segelten nach der Geburt ihres Sohnes Willi einfach weiter.

Klar, dass mit dem neuen Baby-Crewmitglied nicht die gleichen Abenteuer anstehen können wie bei einem jungen Paar ohne Anhang, liegt auf der Hand. Was wiederum nicht bedeuten soll, dass ihr Alltag in den karibischen Traumrevieren auch nur im Ansatz langweilig und eintönig geworden ist, seitdem Willi mitsegelt. Ganz im Gegenteil.

Baby an Bord, Langfahrt, Karibik

Die Snoopy 30 “Sailor Moon” aus dem Jahre 1979. Die Stahlsloop mit Mittelcockpit ist zwar nicht schnell, aber robust und verlässlich. Ideal für junge Familien © go wesst

Stäbig, behäbig… verlässlich!

Apropos segeln. Mit der Stahlsloop „Sailor Moon“, eine „Snoopy 30“ aus dem Jahre 1979 der holländischen Gouwzee-Werft, haben die Österreicher gleich von Beginn an das ganz offensichtlich richtige Familienschiff erstanden. 9, 60 m lang, 3,15 m breit, 1,35 m tief, 6 t Verdrängung, 40 qm Segelfläche – die „Sailor Moon“ ist ein stäbiges, robust konstruiertes, verlässlich hochseetaugliches Schiff. Besonders spannend, gerade jetzt für die Babyphase: Das Boot hat ein Mittelcockpit, was wiederum für Schiffe dieser Größenklasse sehr ungewöhnlich ist.

Für SR haben Jaqueline(29) und Mischa (30) einige Fragen beantwortet und berichten von sich und ihrem völlig umgekrempelten Leben mit Willi.

Irgendwann 2012 fiel die Entscheidung, ein kleines Boot zu kaufen und damit loszusegeln. Geworden ist es die SAILOR MOON, ein 9,40 m kurzes Stahlboot Baujahr 1979, zwar sehr robust, seegängig und sicher, aber auch stark untertakelt, für die Größe sehr schwer und mit dementsprechend “bescheidenen” Segeleigenschaften (unsere Durchschnittsgeschwindigkeit inklusive Fahrten unter Motor liegt so bei 3,5 Knoten).

Aber wir sind zufrieden mit unserer Lady, mehr gab das Budget halt nicht her. Nach langen Reparaturen in Varel am Jadebusen (wir mussten das Boot komplett entkernen und großflächig durchgerosteten Stahl austauschen) sind wir dann Anfang Juli 2014 gestartet und durch Nordsee und Biskaya in den Atlantik und dann über die Kanaren und die Kap Verden nach Brasilien gesegelt. Jaqueline war bei der Atlantiküberquerung schon schwanger (Seekrankheit inklusive), deshalb sind wir dann nach drei Monaten in Brasilien im Mai bzw. Juni 2015 heimgeflogen, wo am 25.10.2015 Willi auf die Welt kam.

Baby an Bord, Langfahrt, Karibik

Was braucht ein Baby mehr, als Eltern, die sich im Dauerzustand um sie kümmern? eben! © go wesst

Anfang 2016 hat Mischa mit zwei Freunden das Boot von Brasilien nach Grenada gebracht, wo Jaqueline und Willi dann Ende Februar 2016 dazu gestoßen sind. Willi ist also an Bord, seit er (auf den Tag genau) 4 Monate alt ist.


Wie können wir uns (in unserem Alter) so eine Reise leisten?

Naja, wir haben beide viel von unseren bescheidenen “Besitztümern” verkauft, Auto, Wohnung oder sowas haben wir nie besessen. Als dann der Entschluss für die Reise gefallen ist, haben wir ernsthaft gespart, auf Urlaube und sonstige “vermeidbaren” Ausgaben verzichtet, und sind so inklusive großzügiger Geschenke von Familie und Freunden zu unserer Hochzeit auf etwas über 60.000 Euro gekommen.

Nicht ganz die Hälfte davon ging für Boot und Ausrüstung drauf, von der anderen Hälfte leben wir jetzt. Unser Monatsbudget liegt (inklusiver ALLER Kosten für Bootsunterhalt, Reparaturen, Diesel usw.) bei ca. 1000 Euro, womit wir so halbwegs auskommen. Details dazu gibt es auf unseren Finanzseiten.
Unserem Boot ist das schmale Budget natürlich anzusehen, optische Eitelkeiten haben wir schon länger abgelegt. Trotzdem hat unsere alte Lady Charakter (zumindest unserer Meinung nach), und unser Innenausbau ist durch die vielen Verbesserungen und Optimierungen schon ziemlich ausgefeilt 🙂

Wie funktioniert das so mit unserem Baby auf einem Segelschiff?

Wir finden, Willi ist ein sehr unkompliziertes Baby. Er war schon seit der Geburt ziemlich kräftig und ist mittlerweile auch “gepolstert” und robust. Er hat sich gut eingelebt. Das Schaukeln während einer unruhigen Nacht vor Anker bringt ihn auch nicht mehr um seinen Schlaf. Sicherheit ist aber nach wie vor das Wichtigste für uns, deswegen trägt Willi bei jeder Dinghy-Fahrt eine Schwimmweste, die leider bei dieser Hitze doch sehr unbequem und einengend sein dürfte.

Baby an Bord, Langfahrt, Karibik

Wenn alles stimmt mit dem Wetter und Wind, übernimmt Willi das bisschen Steuern. Manchmal. © go wesst

Anfangs hat er sich noch gewehrt, aber da kein Weg daran vorbeiführt, hat sich unser Baby mittlerweile auch schon ans Dinghy-Fahren gewöhnt. Jaqueline singt die ganze Fahrt über, daher kommt er gar nicht mehr auf die Idee, unglücklich zu sein. Demnächst werden wir mit Beikost beginnen, dann können wir auch erproben, wie das Füttern, abgesehen von der Muttermilch, auf einem Segelboot ist.

Ganz ehrlich, was kann sich ein Baby mehr wünschen, als ständig Vater und Mutter um sich zu haben? Er ist jedenfalls fast immer gut gelaunt und vergnügt.

Baby an Bord, Langfahrt, Karibik

Im Kinderzimmer © go wesst

Haben wir keine Angst, dass dem Baby irgendetwas passiert?

Natürlich haben wir als Eltern Angst, dass unser Baby irgendeinen Unfall haben könnte. Das wäre aber wohl an Land genauso. Jaquelines Schwangerschaft verlief problemlos, und auch seit Willi auf der Welt ist, hat uns seine Gesundheit nie Anlass zur Sorge gegeben. Wir wären aber sicher nicht losgefahren, wenn wir nicht sicher gewesen wären, dass Willi 100% gesund ist. 
Ein bisschen unwohl ist uns bei dem Gedanken an Willis zukünftige Krabbel- und Gehversuche. Wir werden auf jeden Fall in naher Zukunft ein Relingsnetz anschaffen, trotzdem werden wohl Schwimmweste, Lifebelt und ständiges Aufpassen von unserer Seite notwendig sein.

Baby an Bord, Langfahrt, Karibik

Gibt es eine bessere Badewanne für Babys als die karibische See? © go wesst

Was macht das Baby, wenn wir segeln?

Wir sind mit Willi bisher nur ein paar Tagestörns und eben die letzte Etappe in ca. 30 Stunden nach Martinique gesegelt. Die Bedingungen waren immer moderat, und so war Willi auch ein paar Mal im Cockpit. Bis auf kurze Phasen war es aber doch eher so, dass Mischa das Boot quasi einhand segelte und Jaqueline mit Willi unter Deck war.

Für uns beide ist das natürlich relativ anstrengend, die SAILOR MOON hat keinen elektrischen Autopiloten, für die Windfahne war zu wenig Wind, das hieß stundenlanges Rudergehen für Mischa und stundenlanges Willi-Entertainment-Programm für Jaqueline in der stickigen Luft unter Deck. Wie wir das auf unserem ersten längeren (400 Meilen) Törn zu den ABC-Inseln aufteilen werden, wird sich erst zeigen.
Kindersitz oder sowas für Willi haben wir momentan nicht an Bord, aber das kommt vielleicht noch.

Baby an Bord, Langfahrt, Karibik

Das bisschen Fock kriege ich auch ohne Kurbel dicht! © go wesst

Was hat sich durch das Baby bei uns an Bord verändert?

Willi schläft zwar in der Nacht sehr viel, am Tag aber nur maximal so 15 Minuten am Stück. Das bedeutet, dass einer von uns momentan fast immer mit ihm beschäftigt ist, was Manöver wie ankern oder an- und ablegen ein bisschen komplizierter macht.

Sonst sind es vor allem unsere Schlafgewohnheiten: Mit Sonnenuntergang (so zwischen sieben und acht Uhr abends) liegen wir im Bett, lesen vielleicht noch ein bisschen, schlafen aber üblicherweise auch spätestens zwischen neun und zehn ein. Dafür sind wir wach, wenn es hell wird, hier in der Karibik so um sechs Uhr. Abendliche Geselligkeiten mit anderen Seglern oder Einheimischen sind momentan eher nicht drin, dafür haben wir morgens viel Zeit.

Sehr empfehlenswert ist die Website der Drei: Go Wes(s)t mit ausführlichem Blog, Tracker und viele interessante Infos.

Tipp: Knut Erbar

Baby an Bord, Langfahrt, Karibik

Und schon hat sich Willi eine karibische Schönheit angelacht © go wesst

Spenden

Ein Kommentar „Anders leben: Mit Baby in der Karibik segeln – junge Familie auf dem Törn ihres Lebens“

  1. avatar Tim sagt:

    Was für ein toller Bericht! Definitiv großen Respekt an die zwei, Segeln mit Baby, genial.
    Ich bin gespannt wie’s weitergeht.

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *