Anders leben: Vor Costa Rica „segelt“ ein irrer Holz-Trimaran

Skurriles Traumschiff

Käptn Hook lebt! Thomas Ritchie ist Müßiggänger und Abenteurer par excellence. Er bewegt das verrückteste „Piratenschiff“ der Welt.

Irgendwann waren es Thomas und Kristine leid, immer hinter den Wellen herzureisen. So wie das Surfer eben machen: Von Spot zu Spot, von Event zu Event, von Land zu Land. Vor mehr als 20 Jahren war das, damals standen die beiden Dreißigjährigen auf einem einsamen Strand von Costa Rica, hatten die Wellen eines Geheimtipps draußen im Shore genossen, schauten in die Runde und fanden alles traumhaft schön. Warum also weiterziehen?

Piratenschiff, katamaran, Holz

Ein Schiff wie im Traum, ein Traum von einem Schiff? © meadows

Sie bauten sich eine Hütte im Dschungel hinterm Strand, die sie Schritt für Schritt in eine Holzvilla verwandelten. Groß genug für eine Ewigkeit im Paradies – mehr als zwanzig Jahre leben sie nun schon dort, die ersten 5 Jahre übrigens ohne Strom und Nachbarn.

Die beiden hatten, logisch, oft „Besuch“ von Surffreunden, was ihnen schließlich ein wenig an die Nerven ging. Also bauten sie ein paar Hütten unten am Strand und vermieteten sie an Surfer und Taucher – mit reichlich Erfolg: Als einer der ersten „Eco-Resorts“ des Landes wurden die Ritchies sogar zu einem kleinen Aushängeschild des örtlichen Tourismus.

Hauptsache Holz

Doch dieses kleine Business war den Ritchies bald schon ein wenig peinlich. Vor allem Tomás (wie ihn die Einheimischen nennen) bastelte unentwegt an seinem Image als cooler Surffreak, der den Spagat zwischen Familie – mittlerweile leben auch zwei Töchter in der Dschungelvilla – und den Wellen draußen schaffen will.

Käpt’n Hook lebt! © reefride

Tomàs ist einer von diesen Typen, die handwerklich mit einer unglaublichen Lässigkeit die tollsten Dinge zaubern können. So ist ihre Villa ein echtes Schmuckstück geworden und Toms Kunstwerke aus Schwemmhölzern, Steinen und Korallen ernten immer mehr Begeisterung.

Das alles reichte zwar zum Leben, aber … es fehlte eben doch noch etwas. „Ich wollte raus zu den wirklich guten Surfspots, die ein paar Meilen von hier liegen, und zwar wann immer ich wollte“ erinnert sich Tomàs. Jet-Skis? Boäh, nein ein „Boot musste her“, sagt er weiter. „Natürlich nicht irgendeines, es sollte schon meine Handschrift tragen!“  Der (heute) 52 jährige grinst. „Also machte ich mich an die Arbeit!“

Zehn Jahre sollte er an einem Schiff bauen, das seinesgleichen sucht und Äquivalentes höchstens in Hollywood findet. Als Material wurde ausschließlich feinste Hölzer verwendet, die übrigens alle buchstäblich vor der Haustüre wachsen. „Ach ja, und Bambus! Den haben wir extra angebaut!“

Unglaublich, oder? © meadows

Heraus kam ein Schiff, dessen Eigenschaften und Aussehen Tomàs in typischer Surfermanier mit „graceful shape“, „smooth glide“ und „tail rocker“, „tapered size“ und „tapered nose“ beschreibt. „Aber ich muss ehrlich sein: sieben der zehn Jahre Bauzeit bin ich lieber surfen gewesen, als dauernd an dem Schiff zu basteln!“

Geburtswehen

Als die Aurora Delfin schließlich erstmals über den Strand ins Wasser gezogen wurde, gab’s gleich Ärger: Ausgerechnet das Glasfenster im Boden, das für einen besseren Blick auf die Korallenwelt gedacht war, platzte auf dem einzigen kleinen Felsenstück, das zwischen dem Sand heraus schaute. „Wir machten reichlich Wasser und mussten gleich wieder an Land!“

Ein paar Wochen später schwamm die Aurora Delfin erneut, sogar sieben Wochen lang, aber der Käptn befand, dass er und seine Crew (=seine Familie) zu nah am Wasser seien.

Also kam das „Ungetüm“, wie’s mittlerweile von den Nachbarn getauft wurde, wieder in die „Werft“, wo’s richtig abenteuerlich wurde. Tomás spendierte der Aurora Delfin neue Aufbauten, zwischen- und Seitendecks, jede Menge Sitz- und Stehgelegenheiten, zwei fette Außenborder und einen 4 m hohen (!) Mast, auf dem manchmal sogar Segel gesetzt werden. „Ist ziemlich eng, seitdem,“ meint er. „Aber dafür sicher und cool!“

Der Speed kommt von den Außenbordern! © reefride

Expeditions-Piraten-Schiff

Seit 2009 unternimmt er sogar lange Fahrten mit seinem Schiff im Piratenlook, rüber nach Nicaragua oder bis Panama. „Das Schiff wurde richtig berühmt,“ erzählt Tom weiter. „Schulklassen wollten im Piratenlook an Bord und raus auf See fahren, Meeresbiologen buchen die Aurora, um Delfine zu beobachten.“

Sogar die Küstenwache ist Fan von Schiff und Käptn geworden. „Die Ersten Monate fuhr ich natürlich ohne jegliche Erlaubnis herum. Und wenn Küstenwache in der Nähe war, verhielt ich mich still und ging ihnen aus dem Weg. Doch irgendwann erwischten sie mich doch, draußen auf hoher See,“ lacht er. „Ich hab’ mir fast in die Hosen gemacht, als die Typen an Bord kamen. Spiegelbrille, Uniform, Knüppel und Knarre, der ganze Zinnober!“

Doch die Herren von der Exekutive waren nur neugierig. „Hombre, wir suchen dich seit Wochen! Wir können uns denken, dass Du mit so einem auffälligen Schiff keine Drogen transportierst – keine Angst, wir wollen das Ding nur mal richtig kennen lernen!“ Also filmten sie sich gegenseitig für ihre Kinder an Bord des „Piratenschiffes“, ließen sich alles erklären, tranken noch einen Tee mit dem Käptn und rauschten wieder davon. Mit wohlwollend  zwinkernden Augen.

Reefrider aus der Mövenperspektive © reefrider

Seitdem verläuft alles gewohnt friedlich für Tom, seine Familie und sein Schiff. Immer mehr Touristen wollen unbedingt mit ihm aufs Wasser, die Surfer nutzen die Aurora Delfin tagelang, um direkt draußen bei den guten Wellen zu bleiben. Sogar der Rockstar Bono mietete Tomás und Aurora kürzlich für die Aufnahme eines Videoclips.

„Paz y amor hat uns die Aurora gebracht,“ sinniert das Urbild eines Hippies. „das pure Leben, pura vida!“

Website reefrider

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Anders leben: Vor Costa Rica „segelt“ ein irrer Holz-Trimaran“

  1. avatar kersten sagt:

    cool, ein MoBo mit Stil – Respekt!

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 1

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