Anders leben: Wie sich Artisten die Weltumseglung finanzieren – Tochter ging von Bord

Akrobaten im Rigg

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Eine akrobatische Parodie auf die Arbeit im Rigg © voilierspectacle

Seit mehr als zehn Jahren ist die vierköpfige französische Familie auf Törn. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie mit Luftakrobatik – am Mast ihres Schiffes. Mal vor zwei Dutzend, mal vor Tausend Zuschauern.

„Aussteigen? Den Wind um die Nase wehen lassen, über die Ozeane unserer Welt segeln? Gerne – aber wie finanziere ich das bloß?“ Es gibt wohl kaum ein Frage, die sich Blauwassersegler häufiger stellen. Ganz egal, ob sie schon längst unterwegs sind oder noch in der Planungsphase für den großen Törn stecken, immer wieder das gleiche Dilemma. „Woher nehme ich nur das notwendige Kleingeld?“

Die Einen sparen sich vor dem Ablegen jahrelang jeden Cent vom Mund ab und segeln schließlich mehr oder weniger entspannt ihren geplanten „Großen Törn“. Ohne sich dabei Sorgen um Hafengebühren, Nahrung und die vielzitierten „Nebenkosten“ machen zu müssen: Das Sparkonto diktiert die Route und die Anzahl der Tage in „Freiheit auf den Weltmeeren“.

Wie verdiene ich meinen Lebensunterhalt?

Die anderen handeln nach dem Motto „wenn nicht jetzt, wann sonst?“ und segeln möglichst sofort los. Mit einer gesunden Portion Optimismus hoffen die handwerklich Begabten auf Jobs im Hafen, die erfahrenen Segler auf Überführungsanstellungen auf großen Yachten und die geselligen Typen auf Chartergäste, die gegen Entgelt ein paar Tage oder Wochen mit dabei sein wollen. Und die Kommunikationsfreudigen unter den (meist jüngeren) Langfahrtseglern versuchen, sich mit möglichst aufmerksamkeitsstarken Blogs im Internet ein paar Euro respektive Dollar hinzu zu verdienen.

Unter all’ diesen Varianten sind Delphine Lechifflart und Franck Rabilier und ihre Kinder Loéva und Ondja so etwas wie „Exoten unter den Exoten“: Sie verdienen sich das nötige Geld für ihre Weltumseglung als Akrobaten.

Den Himmel als Zirkuszelt

„Im Prinzip machen wir nichts anderes, als unsere Arbeit,“ beschreibt Delphine auf ihrem Blog. „Luftakrobatik, also artistische Darbietungen auf und am Seil und Tuch, ist das, was wir gelernt haben und richtig gut können. Also versuchen wir, damit unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Nicht mehr und nicht weniger!“ (SR stellte vor)

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Echte Akrobatik am Mast © voilierspectacle

Ihr „Zirkuszelt“ ist der freie Himmel über den Häfen oder Buchten, wo sie anlegen und vor Anker liegen. Ihr Arbeitsgerät sind Seile und Stoffe, mit denen sie im klassischen Stil der Luftakrobatik „poetische und alle Sinne anregende“ Darbietungen am Mast ihrer Yacht „La Loupiote“ feilbieten.

Seit 2004 sind Delphine, Franck und Loéva unterwegs, um als „Gaukler der Meere“ und „Artisten im Rigg“ um die Welt zu segeln. Mal mit längeren, mal mit kürzeren Aufenthalten in den Häfen, in die sie das Leben bzw. der Wind treibt. Ondja, das Nesthäkchen der Familie, wurde 2007 sozusagen „en route“ geboren.

Von Beginn ihrer Reise bis heute leben sie ausschließlich von den Einnahmen aus ihren Spektakeln am Mast. „Die sind logischerweise vom Publikum abhängig. Und davon , wieviel ihnen so eine Show wert ist.“

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Noch als vollständige Familie © voilierspectacle

300 bis 1.500 Euro im Monat

In den großen Marinas der Karibik, USA, Kanada, Hawaii und Australien wurde die französische Familie und die Akrobatik von Delphine und Franck von Hunderten, mitunter sogar Tausenden Zuschauern frenetisch gefeiert. „Entsprechend stimmte unsere Kasse,“ schreibt Franck auf Facebook.

Bei anderen Darbietungen, wie etwa vor den kleineren Inseln Polynesiens, schauten manchmal nur eine handvoll Einheimische zu. „Für diese Menschen war unsere Vorstellung manchmal das Spektakel des Jahres, sie konnten uns aber „nur“ zum Abendessen einladen, Geld hatten sich schlicht keines für uns übrig,“ beschreibt Franck. „Das waren uns die liebsten Vorstellungen!“

Zwischen 300 (in Polynesien und Asien) und 1.500 Euro (z.B. New York) im Monat verbraucht die Familie – den Liegeplatz erhalten sie „traditionell“ gratis in den Marinas, in denen sie ihre Künste am Mast und Seil vorführen.

Doch in den letzen Monaten, seitdem sie Asien ansteuerten, gab es häufiger Probleme mit der Finanzierung der Reise.

Die „Loupiote“, ein Flushdeck-Eigenbau, den der erste Eigner 1975 in seinem Garten baute, und an dem er 17 Jahre bastelte, bereitete der Familie zum ersten Mal seit Beginn der Reise größere Sorgen. Der Motor streikte, neue Segel waren fällig, die Elektrik zickte.

Zeit der Reflexion beendet

Zudem war es Louéva, die mittlerweile sechzehnjährige, älteste Tochter der Familie, „leid, dauernd Freundschaften und zuletzt auch Beziehungen“ in den Häfen zurück lassen zu müssen. Sie ging von Bord und entschied sich für ein mehr oder weniger normales Teenagerleben in einem Internat in Frankreich. Seit September 2015 bereitet sie sich dort auf ihr Abitur vor.

Es folgten ein paar Monate der Reflexion bei Delphine und Franck. „Können, wollen wir unserer jüngsten Tochter die nächsten Jahre auf See noch zumuten?“ Während dieser Zeit erhielt „Loupiote“ auf der Insel „Langkawi“ vor Malaysia eine Art „Lifting“, um sich für die anstehenden Spektakel, vor allem aber äußerst langen Seereisen wieder in Bestform zu präsentieren.

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Wie beim richtigen Segeln: eine kalte Dusche ist immer dabei © voilierspectacle

„Es war letztendlich unsere Jüngste, die das Zeichen zum Weitermachen gab,“ schreibt Delphine. „Sie will schon in die nächsten Shows integriert werden, träumt von nichts anderem, als auch mit dem Seil und Tuch am Mast zu arbeiten.“

Noch träumt Ondja von nichts anderem, noch. Aber vielleicht reicht ja die Zeit, bis auch ihre zweite Tochter den Verlockungen des vermeintlich normalen Lebens erliegt, um den Traum der Eltern von einer „akrobatischen Weltumseglung“ vollständig zu erfüllen. Etwa zwei bis drei Jahre wollen sie sich noch Zeit nehmen, bis sie erneut an der französischen Küste anlanden werden.

„Wir sind nicht nur am Seil flexibel,“ schreibt Delphine gelassen. „Wir lassen alles auf uns zukommen.“

Die nächsten Spektakel auf der „Loupiote“ sind ab April auf den Inseln Rodrigues, Mauritius, La Réunion und Mayotte im Indischen Ozean vorgesehen. Genaue Daten und Hafenangaben werden auf der Website der Artisten bekannt gegeben. Nur für den Fall, dass Ihr in der Nähe rumsegelt…

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Michael Kunst

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