Navigation: Polynesische Navigation im Disney-Animationsfilm – Gedächtnis eines Volkes

Der Weg liegt auf der Hand

Polynesien, Navigation,

Den Weg mit “ganzheitlicher” Navigation finden © Hokuela

Sie fanden ihre Route über den Pazifik durch uralte Gesänge, in denen Stern-Positionen überliefert wurden. Eine Hand und ein gutes Gedächtnis – braucht der Seefahrer mehr?

Die Migrationsreisen polynesischer Völker im pazifischen Dreieck zählen zu den größten seemännischen Leistungen der Menschheitsgeschichte. Bereits vor mehr als 4.500 Jahren sollen die Maori auf ihren Katamaranen in See gestochen sein, um unbekannte Inseln und Atolle in den Weiten des Ozeans zu besiedeln. 

Seit etwa zweihundert Jahren fragen sich Wissenschaftler und Anthropologen fasziniert, wie es diese sagenhaften Seefahrer schaffen konnten, immer wieder zielsicher die „Nadel im Heuhaufen“ respektive die kleinen Inseln in der riesigen Wasserwüste wiederzufinden. Schließlich waren Kompass oder Sextant zur Navigation bei den pazifischen Seefahrern völlig unbekannt. 

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Geheimnisvolle Navigation durch die Südsee © polynesian voyaging society

Eine zumindest im Ansatz schlüssige Antwort darauf fand sich erst durch Studien und Forschungsarbeiten, die gemeinsam mit Polynesiern durchgeführt wurden. Denn auch die Maori etwa auf Tahiti oder Hawaii hatten mangels schriftlicher Überlieferung mittlerweile nur noch eine leise Ahnung davon, wie ihre Vorfahren die legendären Törns durch die Südsee geschafft haben können. 

Mittlerweile ist man mehr und mehr davon überzeugt, dass die Navigation der Polynesier auf einer tiefen Naturverbundenheit basiert, die durch jahrzehntelange Beobachtung des Ozeans, der Sterne, der Wind- und Strömungsrichtungen, den Vogelflug, die Wanderrouten der Wale und Schildkröten und Dutzenden anderer Faktoren über unzählige Generationen hinweg entstand. 

Dieses Wissen wurde von Generation zu Generation weiter gegeben und in kompliziert anmutenden, schwer zu deutenden Gesängen festgehalten, die heute jedoch zu einem großen Teil aus dem „kulturellen Gedächtnis“ der Polynesier verschwunden sind. 

Ganze Institute, Forschungsgruppen, Universitäten und wissenschaftliche Konsortien beschäftigen sich mittlerweile mit dem Thema „Navigation der Polynesier“ und haben doch, nach eigenen Aussagen, noch viele „weiße Flecken“ auf ihrer imaginären Seekarte zu füllen. 

Sie kannten mehr als 300 Sternbilder

Es gilt als gesichert, dass neben Vogelflug sowie Wind- und Wasserbeobachtungen vor allem die ständige Beobachtung von Sonne, Mond, Planeten und Sterne eine zentrale Bedeutung bei der polynesischen Navigation spielten. Die Südseefahrer kannten nachweislich mehr als 300 Sterne und Sternbilder in bestimmten Kurssektoren, die sie gedanklich über dem Ozean „ausbreiteten“. 

Eine verblüffende Gedächtnisleistung wenn man bedenkt, dass diese Völker nur sehr wenige schriftliche Aufzeichnungen anfertigten, sondern tatsächlich mittels Gesängen und Erzählungen ihr Wissen an die nachfolgenden Generationen vermittelten. 

Als eine Art Gedächtnisstütze oder Lehrmittel standen jungen Navigatoren „Stabkarten“ an Land zur Verfügung, mit deren Hilfe sie sich die einzelnen Kurssektoren erneut ins Gedächtnis rufen konnten. Auf Seereisen war die Mitnahme dieser Hilfsmittel jedoch verboten, da sie die Konzentration auf die richtige Deutung der Gesänge im Einklang mit den Naturbeobachtungen und astronomischen Berechnungen beeinträchtigen könnten. Kurz: die Polynesier navigierten bereits vor tausenden von Jahren nach einem „ganzheitlichen Prinzip“ – alles Beobachtete spielt seine gewichtige Rolle auf dem Weg über die Wasser. 

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Vor etwa 4.000 Jahren begannen die Polynesier mit der Besiedlung des Pazifiks © Polynesian voyaging society

Ausgerechnet ein Walt Disney-Zeichentrickfilm belebt nun seit einigen Monaten erneut die Diskussion um manche Navigationstechniken der Polynesier. In dem zauberhaften Computeranimationsstreifen „Moana“ (Deutscher Titel: Vaiana – Das Paradies hat einen Haken) von Ron Clements und John Musker macht sich die Tochter eines polynesischen Stammeshäuptlings auf die Suche nach dem Gott Maui, mit dem sie gemeinsam typische Disney-Abenteuer zu bewältigen hat. 

Mal abgesehen davon, dass sich die Handlung zu einem großen Teil an Sagen und Märchen der Südseevölker orientiert, kommen in dem Kinofilm auch alte Navigationshilfsmittel der Polynesier zum Einsatz.

Die Höhe per Hand bestimmen

So ließen sich die Filmemacher über den gesamten Produktionszeitraum hinweg von einer Gruppe Wissenschaftler und polynesischer Seefahrer beraten, damit eine möglichst hohe Authentizität bei der Navigation gewahrt bleibt. U.a. war der Vorsitzende der „Polynesian Voyaging Society“ , Nainoha Thompson, an den Beratungen beteiligt. Er setzte sich vor allem dafür ein, dass eine immer wieder stark angezweifelte, mittlerweile aber als gesichert geltende Form der „Hand-Navigation“ bildlich in dem Film dargestellt wird. 

Nainoa: „Wenn du aufgehende Sterne identifizieren bzw. wiedererkennen kannst und du weißt, wo sie auf- und später wieder untergehen, dann kannst du auf See auch Deinen Weg finden!“ 

Um die jeweilige Höhe der Sterne am Firmament, vor allem aber den Winkel, den die Sterne und Sternbilder in Bezug zum Horizont eingenommen haben abzumessen, nutzten die Reisenden ganz simpel ihre Hand. So entspricht bei ausgestrecktem Arm ungefähr die Breite des kleinen Fingers einem Grad.

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Beispiel einer Navigation mit der Hand – Polarstern © Thompson

Richtet man nun die Handfläche in Richtung Himmel, spreizt den Daumen im rechten Winkel ab (siehe Zeichnung) und „legt“ die Daumenspitze auf den Horizont, hat man für jeden Bereich der Hand eine Höhe. Während einer Reise wurden diese Höhe mehrfach gemessen bzw. überprüft und entsprechend der Kurs korrigiert.

Die Navigatoren merkten sich jede Höhe und zum besseren „Abspeichern“ dieser Angaben verbanden sie die Höhenangaben und weitere Beobachtungen in Lieder, die wiederum anderen Navigatoren für die nächsten Reisen vorgesungen wurden. Immerhin waren die Angaben exakt genug, dass sie die Seefahrer über Jahrtausende über den Ozean ans Ziel brachten – eine unglaubliche Gedächtnisleistung. 

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Hier misst die Zeichentrickfigur die Höhe des Orion © disney

Doch im Laufe der Zeit mussten auch Korrekturen an der Sternennavigation vorgenommen werden. So „senkte sich“ etwa auf der Höhe von Samoa das Kreuz des Südens seit 1.500 vor unserer Zeitrechnung bis heute von 60 Grad auf 41 Grad… 

Tipp: Testet doch mal mit der Hand-Methode den Abstand der Sterne zum Horizont aus… mehr Info hier

Empfehlenswertes Buch über die polynesischen Navigationstechniken: Hawaiki Rising von Sam Low (in Englisch)

Polynesian Voyaging Society 

Siehe auch SR-Artikel „Aus Liebe zur Südsee

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Michael Kunst

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