Außenbordkameraden: Weiße Haie auch im Mittelmeer – Wiege vor der türkischen Küste?

Der Killer und sein Nachwuchs

Weiße Haie gibt es nur weit entfernt in Südafrika, Kalifornien, Florida oder „down under“? Von wegen – im Mittelmeer werden sie seit Jahrhunderten gesichtet.

Natürlich waren alle Zuschauer geschockt, als vor laufender Kamera der Profisurfer Mick Fanning vor einer Woche in Südafrika von einem weißen Hai angegriffen wurde. Das kurz darauf ins Internet gestellte Video erreichte innerhalb von 12 Stunden 9,5 Millionen Zuschauer – Zahlen, über die sich die Surfer-Gemeinde bei einem anderen Anlass bestimmt mehr gefreut hätte.

Ein Weißer Hai hatte in den dafür sowieso schon berüchtigten Gewässern vor Südafrika die „Chuzpe“, bei diesem seltsamen Wesen anzuklopfen, das da oben auf der Wasseroberfläche schwamm und (von unten betrachtet), einer Robbe ziemlich ähnlich sah.

Weißer Hai, Mittelmeer

Fühlt sich im Mittelmeer offenbar wie ein Fisch im Wasser: der Weiße Hai © National Geographic Society

Doch nachdem die erste Hysterie um den für Fanning zum Glück glimpflich verlaufenen Zwischenfall vorbei war, kamen manche Zweifel auf, ob es sich tatsächlich um einen echten Angriff auf den Surfer gehandelt hat.

So sind sich Hai-Spezialisten einig: Wenn der Hai wirklich auf Futtersuche , also hungrig gewesen wäre und somit eine echte Attacke gestartet hätte, wäre der Surfer wohl kaum unverletzt aus dem Wasser gestiegen. Die Art und Weise, wie der Hai den Surfer vom Brett schubste, deutete eher auf Neugierde hin und auf Überraschung, weil sich das Tier in der Fußleine des Surfer verfangen hatte. Was jedoch durchaus tödlich hätte enden können, wenn sich Fanning nicht so beherzt zur Wehr gesetzt hätte. Mit Faustschlägen auf den Rücken und Tritten in den Kiemenbereich überraschte er den „Angreifer“ wohl so, dass der nicht unmittelbar zurückbiss.

Auch andere Surfer bezweifeln, dass es sich um einen Angriff handelte. So sagte etwa der deutsche Surfprofi Steudtner (höchster Wellenritt vor Portugal) in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung, dass man so etwas nicht Hai-Attacke nennen dürfe. Und überhaupt seien die Kokosnüsse auf den Palmen am Strand gefährlicher als die Haie im Wasser…

Weißer Hai, Mittelmeer

Aufnahme von 1981, weißer Hai vor Tonnara-di-Favignana gefangen © privat

Kokosnüsse und Haie

Eine vielleicht allzu entspannte Antwort, die aber durchaus auch statistisch untermauert werden kann. Zumindest was die Häufigkeit der Hai-Unfälle anbelangt.

Tatsächlich verzeichnet die „ISAF“ (International Shark Attack File) einen Rückgang von tödlichen Zusammenstößen zwischen Mensch und Raubfisch. Zwar steigen die nicht provozierten Angriffe von Haien auf Menschen weltweit proportional von Jahr zu Jahr, man führt dies aber in erster Linie darauf zurück, dass die „Meldung“ eines derartigen Angriffes –in entlegenen Gebieten heutzutage über Internet einfacher ist, als etwas noch vor 20 Jahren. Gleichzeitig sinken jedoch die Todesfälle unter den Menschen, die angegriffen wurden. Unter 75 im letzten Jahr weltweit registrierten Attacken endeten  nur drei für den Menschen tödlich. Die geschätzte Anzahl wegen ihrer Flossen abgeschlachteter Haie wird pro Jahr übrigens auf 11-13 Millionen geschätzt…

Was nun den größten Raubfisch unserer Meere anbelangt, den Weißen Hai, so sind die (registrierten) Angriffe innerhalb von mehr als 100 Jahren vergleichsweise gering. So griffen zwischen 1876 und 2013 in den westlichen Gewässern der USA 101 mal Weiße Haie Menschen an. Dabei kamen neun Menschen ums Leben. In Südafrika kam es zu 59 Angriffen im gleichen Zeitraum, bei denen 13 Menschen getötet wurden, darunter acht Surfer.

Im Mittelmeer attackierten Weiße Haie 26 Menschen, wobei 13 Menschen nachweislich starben.

Weißer Hai, Mittelmeer

Wie fast alle Raubtiere: Elegant, geheimnisvoll… schön © national geographic society

Mare Nostrum – auch für Haie?

Moment mal: Im Mittelmeer? Dort wo sich halb Europa während des Sommers an den malerischen Küsten drängt? Wo alles so schön friedlich vor sich hindämmert, wo die Menschen sowieso schon alles leergefischt haben und höchstens noch ein paar Wale vor der ligurischen Küste blasen? Ausgerechnet dort soll es den gefürchteten Weißen Hai geben?

Meeresforscher schätzen, dass es im Mittelmeer noch 29 Arten von Haien gibt, darunter auch den Großen Weißen Hai. In den letzten 50 Jahren wurden tatsächlich 70 Sichtungen von Weißen Haien registriert, die letzte tödliche Attacke durch einen Weißen Hai fand 1989 statt.

Die meisten Begegnungen zwischen Mensch und Raubfisch gab es (ausgerechnet) in der Adria, hauptsächlich vor der italienischen Küste.

Von dort gibt es die kuriosesten Geschichte, die sich die Fischer früher am Strand beim Netzflicken erzählten und die heute – nur ganz leicht verändert, versprochen! – noch immer kursieren. So begegnete etwa ein Apnoe-Taucher, der mit der Harpune vor Elba unterwegs war, auf 22 Metern Tiefe solch einem Monster. Er schaffte es noch an die Wasseroberfläche, wollte zum Boot schwimmen, wurde aber vor den Augen seines Sohnes vom Weißen Hai angegriffen, zerstückelt und in die Tiefe gezogen. „Ich sah meinen Vater im Maul dieses Ungeheuers!“ soll der Sohn berichtet haben.

Oder 1908, als Messina auf Sizilien von einem Erdbeben erschüttert wurde und ein Tsunami viele Menschen tötete und auf offene Meer hinaus riss. Kurz darauf ging Fischern ein Weißer Hai ins Netz. Sie tippten auf ein trächtiges Weibchen, fanden aber beim Öffnen des Kadavers drei in der Gänze verschlungene tote Menschen…

Hai-Wiege in der Ägäis?

Japanischen Thunfisch-Fischern ging vor 15 Jahren im Mittelmeer ein offenbar trächtiger Weißer Hai ins Netz. Sie fotografierten das tote Tier und warfen es wieder zurück ins Meer – sehr zum Bedauern von Hai-Forschern. Denn ganz leise schien sich ein Verdacht zu bestätigen, den man schon seit Langem hegte, für den es aber keine handfesten Beweise gab: Das Mittelmeer könnte eine Art „Wiege“ für den Weißen Hai sein. Immer häufiger wird die These aufgestellt, dass Weiße Haie ihren Nachwuchs bevorzugt im Mittelmeer gebären. Kommen die Wanderer der Wanderer der Ozeane tatsächlich zu Aufzuchtplätzen im hinteren Bereich des Mittelmeers, zwischen Toskana, Kroatien und Sizilien, zwischen Ägäis und Türkei? Aber auch vor Lampedusa wurden bereits Sichtungen offenbar trächtiger Weißer Haie gemeldet, bis hin nach Mallorca.

Weißer Hai, Mittelmeer

Es wird vermutet, dass Weiße Haie bevorzugt ihren Nachwuchs im Mittelmeer zur Welt bringen © national geographic society

Einig ist man sich unter Forschern noch nicht, zu wenige Fundiertes liege vor. Ein türkischer Fischer ist sich jedoch sicher, dass er den Beweis gefunden und gefilmt hat: 2011 fand einer seiner Kollegen einen wenige Tage jungen Weißen Hai lebend in seinem Netz,; der im Tierschutz engagierte Fischer setzte ihn später in ein Becken, filmte ihn, ließ den Hai von Wissenschaftlern untersuchen, bevor er ihn erneut aussetzte. „Diese Tiere sind weltweit geschützt. Und vielleicht kommen sie ja hierher zu uns, um ihren Nachwuchs in Ruhe zur Welt zu bringen?“ sagte er in die Kamera.

Meeres- und Haiforschern vermuten jedoch einen anderen Grund für die vermeintliche Aufzucht im Mittelmeer: Weil hier deutlich weniger Haie als anderswo unterwegs sind, hat der Weiße-Hai-Nachwuchs höhere Chancen, dem Kannibalismus seiner eigenen Spezie zu entkommen.

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Michael Kunst

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