Berühmter America´s Cupper “Gretel” wird bei Robbe&Berking restauriert

Frischzellenkur für berühmte alte Dame


Der australische Zwölfer "Gretel" bekommt bei Robbe&Berking ein neues Leben geschenkt. © R&B

Oliver Berking steht auf dem frisch erschaffenen A&R Sechser „Nirvana“ dessen glänzender Holz Teint dazu auffordert, mit der Hand darüber zu streichen. Um ihn herum branden Menschen, die auf die Eröffnung des Buffets warten. Hungrige Segler, potenzielle Kunden.

Berking spricht von oben herab und ist doch unter ihnen. Ein wichtiger Teil der Oldtimer Szene. Sponsor der Rolex Baltic Week. Fan von sportlich gesegelten Yachten mit Historie. Er gräbt sie aus, restauriert, refittet, repliziert und verkauft.

Oliver Berking spricht zu seinen Gästen vom Deck seiner "Nirvana" in seiner Werfthalle © SegelReporter

Sein neuestes Schmuckstück ist „Gretel“, ein Klassiker der America’s Cup Geschichte. Die alte Dame erhält in Flensburg eine Frischzellenkur. Sie war nahe dran, den Cup zu holen. Berking präsentiert sie auf seinem Hof vor der Werfthalle. Die 12-m-R Yacht „Gretel“ segelte 1962 als Herausforderin und war der erste australische 12er überhaupt, entworfen von Alan Payne.

Das Schiff war deutlich schneller als die US-Verteidigerin, die von Philip Rhodes entworfene „Weatherly“. Zum zweiten Mal in der Historie siegte die Herausforderin in einem Rennen (Erstmalig 1934 „Endeavour“ gegen „Rainbow“). Das Duell war spannend, aber am Ende siegten doch die Amerikaner weil sie eine überragenden Crew um Emil „Bus“ Mosbacher ins Rennen schickten.

Mosbacher galt als einer der besten Steuerleute seiner Zeit. 1967 verteidigte er den Cup noch einmal erfolgreich, diesmal mit dem 12er „Intrepid“ gegen die „Dame Pattie“ aus Australien.

Später wurde sie nach Europa verkauft und segelte viele Jahre in Italien, wo sie von Robbe & Berking Classics gefunden wurde. „Wir wollen das Schiff in den Originalzustand von 1962 zurück versetzen“, sagt Werftchef Oliver Berking. „Dies ist ein einmaliges Stück Yachtsportgeschichte und muss unbedingt erhalten bleiben!“ Danach soll der erste australische 12er mit der Segelnummer KA 1 verkauft werden.

Berking weist auf einen zweiten Zwölfer hin, der neben der aufgebockten „Gretel“ auf seinem Hof steht. Die „Jenetta“ (1939) wurde als Wrack in Kanada gefunden. Es existieren Heck, Bug, ein paar Spanten, genug, um ihn wieder aufzubauen. Neubauten sind bei den Meterklassen kaum gelitten. Aber Projekte mit Historie haben einen hohen Wert.

Über das Schiff: Länge: 21,16 m; Breite 3,58 m; Tiefgang 2,67 m; Gewicht 26,7 Tonnen; Segelfläche 166,9 qm; Entworfen von Alan Payne, gebaut aus Holz auf Stahlspanten.

Die Geschichte der „Gretel”

"Gretel" zeigt auf dem Hof von Robbe&Berking Classics seine schlanken Linien @ SegelReporter

Die America’s Cup Herausforderung von 1962 war gründlich vorbereitet und hätte fast zum Erfolg geführt. Sir Frank Packer, ein australischer Verleger, kündigte seine Pläne für den America’s Cup schon 1958 an. Für vier Jahre charterte er „Vim“, den von Olin Stephens entworfenen und damals schnellsten 12er, und ließ seine Segler mit ihr in Australien trainieren.

„Vim“ hatte bereits als Sparringspartner für die Cup-Verteidigerin von 1958, „Columbia“, gedient. Packer ließ den Yachtkonstrukteur Alan Payne am Stevens Institute in New York am Entwurf eines neuen 12ers arbeiten. Payne unternahm erste Versuche in Schlepptanks.

Sein 12er steckte voller neuer Ideen. Eine bahnbrechende Innovation war die Möglichkeit, die Genua-Winschen über ein Getriebe mit vier Gängen miteinander zu verbinden und durch Fußpedale zu bedienen. Das erhöhte die Effizienz beim Wenden.

Der erste australische 12er lief am 19. Februar 1962 von Stapel, sieben Monate vor den America’s Cup Wettfahrten. Neun Tage später wurde die Yacht auf den Namen „Gretel“ getauft, in Erinnerung an Frank Packers verstorbene Ehefrau.

Schon bei den ersten Probeschlägen gegen „Vim“ zeigte sich, dass „Gretel“ sehr schnell war. Ende Mai 1962 wurden beide Schiffe in die USA geschickt, wo „Gretel“ der Verteidigerin, „Weatherly“ einen harten und würdigen Kampf lieferte aber dem besseren Team unterlag.

Nach dieser knappen Entscheidung verboten die Amerikaner allen zukünftigen Herausforderern den Zugang zu amerikanischen Design- oder Konstruktionstechnologien.

Nach den Cup-Rennen von 1962 diente die schnelle „Gretel“ noch späteren Teams als Sparringspartnerin: 1967 für die Herausforderin „Dame Pattie“ und später für „Gretel II“, der zweiten Herausforderung Packers von 1970. Zuletzt segelte „Gretel“ in 1975 im ersten „Southern Cross“ Team.

Von 1973 bis 1974 gehörte der 12er der Yanchep Estates Pty. Ltd. Perth. 1975 war die die Southern Cross America’s Cup Challenge Association, Ltd. Eignerin der Yacht. Von 1976 bis 1979 gehörte sie noch einmal zum „Gretel Syndikat“ und 1980 wurde sie aus dem Lloyd’s Register entfernt. 1993 bis 1994 wurde sie als Charteryacht in North Queensland eingesetzt. Danach segelte sie viele Jahre in Italien.

Der Konstrukteur Alan Payne (1921 – 1995).

Alan Payne entwarf sowohl „Gretel“ als auch „Gretel II“. Er hatte am Technical College von Sydney und an der Universität von New South Wales Schiffbau studiert und sich früh auf Yachtdesign spezialisiert. Als er von Sir Frank Packer für das America’s Cup Projekt angeheuert wurde, hatte er schon viele erfolgreiche Rennyachten entworfen.

Für das auf vier Jahre angelegten AC-Projekt analysierte er zunächst die Linien von „Vim“ und testete dann insgesamt 30 Modelle im Schlepptank, um die Linien von „Gretel“ zu entwickeln. „Gretel“ wurde vor allem für ihre überragende Geschwindigkeit auf raumen Kursen bewundert. Die eine AC-Wettfahrt gewann sie um Haaresbreite und die folgenden Niederlagen gegen die „Weatherly“ fielen äußerst knapp aus.

1970 entwarf Payne „Gretel II“ für die zweite AC-Herausforderung durch Sir Frank Packer. Diese wurde mit Skipper und Steuermann James Hardy den Amerikanern sogar noch gefährlicher.

Der Steuermann Alexander „Jock“ Sturrock (1915 – 1997).

Er war Skipper und Steuermann der „Gretel“ in den legendären Rennen von 1962, damals war er 47 Jahre alt. In jenem Jahr wurde er zum „Australian of the Year“ gewählt, sowie zum „Australian Yachtsman of the Year“ und zum „Australian Sportsperson of the Year“.

Jock gewann im Laufe seines Seglerlebens über 400 nationale Meisterschaften – die erste im Alter von 12 Jahren im Cadet-Dinghy. Mit 18 war er in Australien einer der Pioniere der Star-Klasse und gewann auch gleich die ersten acht Australischen Meisterschaften im Star (zwischen 1935 und 1947).

Außerdem war er dreimal Australischer Meister in der 6-m-R Yacht, drei Mal im Drachen und zwei Mal im 5.5er. An den Olympischen Spielen 1948 in London nahm er im Star teil, 1952 in Helsinki im Drachen und 1956 in Melbourne im 5.5er, wo er eine Bronzemedaille ersegelte.

International bekannt wurde er jedoch erst durch die America’s Cup Rennen mit „Gretel“. 1967 war er Skipper der australischen Herausforderin „Dame Pattie“. In seinen  späteren Jahren segelte er viele Male für Australien im Admiral’s Cup und im Kenwood Cup und managte zwei erfolgreiche Projekte für den „Little America’s Cup“ im C-Klasse Katamaran.

Eigner Frank Packer (Sir Douglas Frank Hewson Packer, 1906 – 1974)

Der Australier war Verleger und Mehrheitseigentümer der „Australian Consolidated Press“ und des „Nine Network“. 1923 begann Packer mit einem Volontariat bei der Zeitung seines Vaters, dem „Daily Guardian“, und schon vier Jahre später war er dessen Direktor.

1933 gründete Packer die Zeitschrift „Womens Weekly“ und baute den „Daily Telegraph“ zur führenden Zeitung Australiens aus. Mit der Einführung des Fernsehens in Australien im Jahre 1956 wurde Packer ein wichtiger Anteilseigner im Fernsehnetzwerk.

1972 verkaufte Packer seine Zeitung an Rupert Murdoch – und soll das später angeblich bereut haben. Packer war ein aktiver Sportler: Boxer, Golfer, Polospieler und, vor allem, Segler. Er forderte die Amerikaner zwei Mal um den Cup heraus, 1962 und 1970.

www.classics.robbeberking.de

 

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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2 Kommentare zu „Berühmter America´s Cupper “Gretel” wird bei Robbe&Berking restauriert“

  1. avatar Christopher Hezelgrave sagt:

    I would like to point out some inaccuracies in this report, Gretel was in fact from ca. 1982 until the early 90’s used as a charter yacht in the Whitsunday’s, this was after being converted for blue water racing. This knowledge I have first hand as in the early 80’s I was employed aboard her, first as deckhand and later as skipper, during this time she raced also in several offshore regattas including repeatedly the Hamilton Island series.

    Regards

    C.D.Hezegrave

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    • avatar Birgit Rossmann sagt:

      Hi Christopher,

      I sailed with Gretel in 1994 to the Langford Reef maybe with you on board?

      Regards

      Birgit Rossmann

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