Besonderes Boot: Rudern statt Motor – Jollenwandern mit heißem Franzosen-Skiff

Spaß mit gestählten Oberarmen

Beim Race to Alaska wurde die Kombi aus Rudern und Segeln auf einem Boot salonfähig. Jetzt gibt es mit dem Lite XP ein erstes Serienboot dieses Zwitters.

Die Idee ist nun wirklich nicht neu. Schon in der Antike bis hinein ins Mittelalter wurden auf Ruder-Galeeren und -Galeassen Stützsegel gesetzt, die auf längeren Strecken vor dem Wind mitunter zumindest eine kurzzeitige Entlastung für die Galeerensklaven brachten. 

Race to Alaska, Bootsbau, rudern, Segeln

Segeln und Rudern auf einem Boot – wie beim Race to Alaska? © Lite boat

Auch auf kleineren Fischerbooten werden seit jeher Ruder und Paddel immer dann ins Wasser getaucht, wenn die Segel auf den Booten schlapp in der Flaute hängen. Oder wenn es galt, in knifflige, enge Atolle und Buchten zu manövrieren. 

In moderneren Zeiten hat sich jedoch eine mehr oder weniger strikte Trennung von Rudern und Segeln als Vortrieb für Boote und deren Crew durchgesetzt. Es sind eben doch zwei Welten, die hier aufeinander prallen, oder? 

Bis zum Race to Alaska. Über die Langstrecken-Regatta durch die mitunter etwas launischen Gewässer des nördlichen Pazifik mit seinen starken Strömungen, fiesen Böen, aber auch nervtötenden Flauten hat SR bereits berichtet. Einer der spannendsten Aspekte dieser Regatta ist bekanntlich, dass der Vortrieb per Muskelkraft ausdrücklich erlaubt ist. So sind bei der alljährlich stattfindenden Regatta mitunter abenteuerlich anmutende Ruderanlagen zu beobachten – 30-Fuß-Trimarane, die am Heck eine Rudersitzbank eingebaut haben, um die Yacht rudernd durch die Flautenlöcher zu bringen. 

Und da das R2A mittlerweile so etwas wie Kult geworden ist, interessiert man sich plötzlich auch wieder für die Kombination aus Rudern und Segeln – wenn auch speziell beim R2A so manche Rudersequenzen Erinnerungen an die alten Galeerenzeiten wachwerden lassen. 

Zwitter zum Rudern und Segeln

So kam es, dass sich ein begnadeter französischer Langstreckenruderer für das R2A begeisterte.  Mathieu Bonnier ruderte 2009 von Senegal nach Guayana und versuchte sich an der Nordwestpassage im Ruderboot (was 2010 wegen Packeis misslang). Der Mann hat zudem richtig lange Ruder-Törns entlang der europäischen und afrikanischen Küsten auf seiner Erlebnisliste und vermisste bei alledem immer nur eines: Ein bisschen Unterstützung durch ein Segel, wenn die Winde günstig stehen.

Also gründete er eine Werft, die zunächst leichte, aber dennoch sichere und stabile Wanderruderboote baute. Boote, die aufgrund ihrer für Ruderer mitunter etwas seltsam anmutenden Form (breites Heck) für die Szene zunächst gewöhnungsbedürftig waren, dann aber aufgrund guter Leistungen schnell angenommen wurden. 

Für die R2A-Ausgabe 2016 entwarf Bonnier schließlich gemeinsam mit dem bekannten Designer Sam Manuard einen Segel-Ruder-Trimaran, mit dem er am Alaska-Kult-Rennen teilnahm (siehe Video). 

Das Konzept eines neuen Bootes für eine neuartige Regatta war aufgegangen – doch würde sich der Trimaran auch unter „Normalos“ bewähren, die vielleicht nur eine Wander-Ruder-Segeltour machen wollen? 

Vom Tri zum Mono-Rudersegelboot

Manuard und Bonnier waren skeptisch. Also entwarfen sie ein Ruder-Segel-Touren-Boot, das weniger auf Regatta und Rennen ausgerichtet wurde, sondern eher auf Spaß, Wochenendtörns oder längere Urlaubsfahrten. 

Und mit dem LiteXP gelang ihnen gleich ein großer Wurf. Vor einem Jahr ließen sie die ersten Prototypen zu Wasser, im August segelten und ruderten zwei Test-Teams durch den Stockholmer Archipelageo und im September letzten Jahres stellten sie das innovative Boot offiziell in La Rochelle vor. 

Seitdem ist die Szene begeistert. Von den Kollegen des französischen Voiles et Voiliers erhielten sie eine Auszeichnung für besondere Innovation, britische Magazine stellten das Ruder/Segelboot bereits mehrfach vor und die ersten Käufer des Lite XP zeigen sich durchweg begeistert. 

Das LiteXP stellt einen idealen Zwitter aus Ruder- und Segelboot dar. Der Monorumpfer ist für ein bis zwei Personen ausgerichtet und hat – im Vergleich zum R2A-Lite-Trimaran – mit 12 qm Segelfläche im Groß und 11 qm Gennaker deutlich mehr Potential am und vor dem Wind. Überhaupt macht das Boot auf den ersten Blick eher den Eindruck eines reinen Segelbootes, doch beim zweiten Hinschauen, zum Beispiel in die Plicht, wird klar, um was es hier wirklich geht. Denn im Boot ist eine waschechte Rudersitzbank mit Fußstützen eingebaut. 

In der Schlupfkajüte ist ausreichend Platz für zwei Schlafplätze – wenn jedoch noch Proviant und Wasser für kleinere Expeditionsausfahrten hinzu kommen, dürfte es eng werden. 

Luxus außen vor lassen

Aber was soll’s, wer sich mit so einem Boot verlustiert, steht sowieso nicht auf Luxus, sondern erfreut sich am Rudimentären. 

Apropos, Karbon-Mast und Beschläge sind zwar einfach, aber funktionell und durchaus sinnvoll angelegt. Etwas nachdenklich stimmt jedoch der freistehende, nicht verstagte Mast: Am Wind mag der durchaus seine Berechtigung haben (das Großsegel wird ohne Baum angeschlagen), wenn in den Gennaker auf raumen Kursen allerdings mal eine Böe klatscht, mag es relativ rasch Bruch geben. Vielleicht schreiben die Designer auch deshalb explizit von einem „Gennaker für leichte Winde“? 

Egal, das Lite XP macht einen durchweg spannenden Eindruck. Gerade für Reviere wie den Stockholmer Archipelageo, die dänische Südsee, die Bretagne oder etwa die griechischen Inseln dürfte das Boot Seglern mit gestählten Oberarmen eine Menge Spaß bringen. 

Während der diesjährigen „boot“ in Düsseldorf begeisterte das LiteXP vor allem die skandinavische Fachpresse. Die jedoch auch monierte, dass man für das 6 m kurze, 1,80 m breite  und 180 kg leichte Boot in der Basisversion 25.000 Euro hinblättern muss. Gennaker, Karbonruder und eine Art Kuchenbude sind in dem Preis noch nicht inbegriffen. 

Dafür legen die französichen „Macher“ des Lite XP besonderen Wert auf gute Verarbeitung und lassen sich entsprechend Zeit mit den Serienproduktion. Bis zum Sommer 2018 sollen lediglich acht Boote ausgeliefert werden. Aber in Frankreich geht längst das Gerücht um, dass ausreichend viele Boote vorbestellt wurden, um eine „echte“ Serienproduktion zu beginnen.  

Wird hier eine neue Wassersportart ins Leben gerufen? Wer weiß, vielleicht erleben wir ja bald schon erste One-Design-Rennen auf LiteXP im Stile des R2A. 

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Besonderes Boot: Rudern statt Motor – Jollenwandern mit heißem Franzosen-Skiff“

  1. avatar Stefan sagt:

    Das mit dem “jüngst” ist nicht richtig. In England ist schon seit langem bei einer Vielzahl von Rennen das Rudern erlaubt. Sogar beim Round Britain wurde in der Vergangenheit schon gerudert.

    Die NoR erlauben das explizit:
    2.2.5. Rule 42.3 (Exceptions): add (i) “oars/paddles may be used”.

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  2. avatar Julian sagt:

    Das ganze Boot/Konzept erinnert stark an das Eric Henseval Design V448.
    Schade das er keine Auszeichnung von Voiles et Voiliers bekam.

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