Betrug: Segel-Unternehmerin sitzt Chinesen auf

"Merkwürdige Anfrage"

Gybeset, Betrug, china, Niederlande

Mit dem Vertrag in der Tasche kam Fettje höchst zufrieden aus China zurück… dann sollte sie Provisionen bezahlen! © gybeset

Trainingsprogramm für 58 Segler – für das junge Start-Up-Unternehmen „Gybeset“ aus Amsterdam las sich die Offerte aus China wie der perfekte Einstieg ins internationale Segelbusiness. Also flog Fettje Osinga ins „Reich der Mitte“…

Eine schöne, aufgeräumte Wohnung im Herzen Amsterdams. An der Wand steht ein Regal voller Segelbücher. Fettje Osinga strahlt, wenn sie vom Segeln erzählt. Man sieht ihr den Verlust nicht an, den sie gerade gemacht hat.

Die 31-jährige hat ihren Traum verwirklichen können und verdient mit ihrem Hobby jetzt ihr Geld. Mit ihrer Firma organisiert und plant sie Segelveranstaltungen, organisiert Sponsorship für Teams und baut neue Projekte in der niederländischen Segelszene auf.

Bis vor einem Monat waren alle ihre Projekte gut gegangen, sie genießt immer höheres Ansehen in Segler-Kreisen. Dann kam eine etwas merkwürdige Anfrage.

Ein Bekannter aus ihrem Netzwerk hatte per LinkedIn eine offizielle Anfrage des chinesischen Seglerverbandes erhalten, ob er jemanden kenne, der ein Kielboot Trainingsprogramm für 58 junge Chinesen durchführen könne. Sechs Monate lang. Gute Bezahlung. Was lag da also näher, als diese an Osinga weiterzuleiten, die seit gut einem Jahr ein ebensolches Programm in den Niederlanden leitet.

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Die Niederländerin Fettje Osinga © gybeset

Budgets für bestimmte Sportarten

Sie hält drei Visitenkarten in der Hand, auf ihnen sind chinesische Schriftzeichen zu sehen und ein Logo. „Das ist das offizielle Logo der chinesischen Segel-Föderation“, erklärt sie, „es war auch auf der Anfrage zu finden“.

Sie ging also auf die Anfrage ein, nahm Kontakt auf, alles schien sehr professionell. Nur auf einem der Dokumente stand in der Fußzeile Volleyball-Verband statt Seglerverband, doch das habe sie nicht allzu sehr abgeschreckt. „Einige meiner Geschäftskontakte erklärten mir, dass manchmal von der Regierung Budgets für bestimmte Sportarten freigegeben werden, und dann werden ausländische Organisationen mit der Durchführung eines Programmes beauftragt. Es kann schon sein, dass immer die gleiche Institution diese Aufträge schreibt.“

Osinga soll ein Trainingsprogramm für 58 Segler auf die Beine stellen, so der Auftrag. Ort der Durchführung und die Wahl der Bootsklasse sind ihr freigegeben. „Keine Ahnung was die eigentlichen Inhalte des Programmes sein sollten“ erklärt sie und grinst, “ wahrscheinlich wusste die Firma selbst nicht, wie so etwas auszusehen hätte.“ Genaue Informationen sollte sie bei einem Termin in China erhalten. „Ich stürzte mich also in die Planung und Finanzierung“ fährt sie fort.

Mit ihrer Firma Gybeset hat Fettje Osinga ein beeindruckend großes Netzwerk in der weltweiten Segelszene aufbauen können. Sie fand Unterstützer und Sponsoren, ebenso wie Unternehmen die ihr bei der Prüfung des Vertragspartners aus China und bei der Abwicklung der finanziellen Geschäfte helfen sollten. Alles war organisiert, die involvierten Unternehmen zeigten großes Interesse an dem neuen Projekt. Die Geschäftspartner vermittelten Osinga ein gutes Gefühl: „Alle waren auf Standby.“.

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Das Start-Up aus Amsterdam bietet u.a. “Kielboot-Akademien” an © gybeset

Ab nach Kunming

Also bucht sie Flüge nach China, für sich selbst und eine Geschäftspartnerin. Als sie von dem Hinflug spricht, fängt Osinga plötzlich an zu kichern. „Ich hatte ein Upgrade erhalten und eine Menge Beinfreiheit. Mit meinen 1,65m brauchte ich die eigentlich nicht“. Gleich darauf verfinstert sich das Gesicht der Unternehmerin. Denn die Kosten der Flüge würde sie nicht, wie geplant, durch reichlichen Verdienst wettmachen können.

Sie werden vom Flughafen abgeholt, alles läuft wie geplant. Vom Hotel aus erkundet Osinga mit ihrer Beraterin die Stadt Kunming, wo sich die angebliche Trainingsbasis des chinesischen Seglerverbandes befinden soll. Sie besichtigt einen Tempel, sieht sich lokale Sehenswürdigkeiten an. Sie sei froh, ihre freie Zeit genutzt zu haben, sagt sie im Nachhinein. So habe sie zumindest einige positive Erinnerungen an die Reise.

Bei einem Meeting am nächsten Tag geht es fast ausschließlich um Finanzen. „Wenn vier Parteien involviert sind, dauert es eine Weile bis man sich einigt.“, erklärt sie. Doch sie verschieben den Start des Trainingsprogrammes auf ein späteres Datum, so ist allen geholfen. Fettje O. ist nicht bereit, mit der Finanzierung zu beginnen bevor eine erste Anzahlung auf ihrem Geschäftskonto war, die chinesische Partei erklärt, sie würde so schnell wie möglich die erste Zahlung auf den Weg bringen.

Dann konfrontieren sie die Niederländerin mit einer ungewöhnlichen Forderung: Sie solle einen Teil der Provisionszahlung, die mit Wechselkursen und Bankgebühren begründet wurde, selbst zahlen. Wieder reagiert sie korrekt: „Ich sagte ‚Sie machen ein Geschäft mit einer europäischen Firma, die Gebühren sind ihre Verantwortung‘“.

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Zuletzt reichlich Glück gehabt © gybeset

Die Provisionszahlung wird zum Gesamtbudget hinzugefügt, sodass es für Osinga zu keinem finanziellen Risiko kommt.

Mit unterschriebenem Vertrag zurück

Während des gesamten Geschäftsaufenthaltes bekommt Fettje nicht einmal die Trainingsstätte zu sehen. Mit einem unterschriebenen Vertrag inklusive neuem Budget im Gepäck fliegt sie drei Tage später zurück nach Amsterdam.

Zuhause angekommen geht der Emailverkehr weiter. Osinga verschickt die Rechnung, damit die erste Transaktion geschehen und sie mit der Arbeit beginnen könnte. Als Antwort bekommt auch sie eine Rechnung. Sie solle doch bitte jetzt die Provisionsleistung zahlen. Wieder vermutet sie ein Missverständnis: Es war nicht abgesprochen, dass die Zahlung im Voraus geleistet werden sollte. Fettje erklärt ihren Vertragspartnern, dass sie die Summe von ihrer ersten Rechnungssumme abziehen oder warten sollen, bis sie die erste Zahlung erhalten hat.

Von hier werden die Emails immer unfreundlicher und Osinga schöpft Verdacht: „Ich habe also noch einmal versucht, die Kontakte zu überprüfen. Diesmal war ich erfolgreich und erhielt einen Kontakt des chinesischen Seglerverbandes.“ Ergebnis: Der Seglerverband kennt keinen der Namen auf den Visitenkarten. Weiterhin hat niemand in der Gegend Kunming Nutzungsrechte für das Logo des Verbandes.

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Fettje in Aktion © gybeset

Glück gehabt

Mit der eigenen Firma betrogen zu werden- eine Erfahrung, die sich kein Jungunternehmer wünscht. „Eine Woche lang ging es mir nicht besonders gut. Aber ich habe viel recherchiert und entdeckt, dass ich einfach Glück habe, dass ich den Vertragspartnern gegenüber so standhaft geblieben bin. Meine Geschäftspartner haben mir große Unterstützung gezeigt und es war ein kalkuliertes Risiko für mein Unternehmen.“

Das Programm, erzählt Fettje Osinga dann, hätte sie schon gerne organisiert. Aber nun habe sie einen fertigen Geschäftsplan für dieses Trainingsmodell und könne es gar nicht erwarten, diesen eines Tages anwenden zu können.

Bis dahin hat Osinga erstmal einen Blog geschrieben. Um andere zu warnen. Und um diesen ihr so wertvollen Sport zu beschützen.

Website Gybeset

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