Blauwasser: Deutsches Langfahrt-Paar erkundet St. Peter- und St. Paul-Inseln mit Etap 38 “Miepke” im Atlantik

Besuch der geheimnisvollen Inseln

Die geheimnisvollen St.Peter-und-St.Paul-Felsen mitten im Atlantik. © Wegner/Wester

Es sind acht Tage vergangen, seit wir die idyllische Bucht Tarrafal der Kap Verdischen Insel Santiago verlassen haben. Ungefähr genau so lange ist es her, dass ich mir das Bein mit einer Kanne mit kochendheißem Tee verbrüht habe. Bei den mit jedem Tag steigenden Temperaturen hat das Bein keine Chance auf Heilung.

Es kommt wie es kommen muss: die Wunde entzündet sich. In unserem voll gestopften Medikamentenfach befindet sich so gut wie alles – nur eben keine Salben gegen Verbrennungen und Entzündungen.

Der St. Peter und St Paul Felsen liegt mitten im Atlantik nahe des Äquators und gehört zu Brasilien.

Es ist wie in einem schlechten Film. Das nächstgelegene Land ist noch Tage entfernt. Es sei denn, wir schaffen es, die St. Peter und St. Paul Felsen zu besuchen, – was wir ohnehin gerne machen würden – und von den dortigen Stationsmitarbeitern medizinische Hilfe zu bekommen.

Der langersehnte Wind setzt endlich ein und bläst uns in Richtung der Felsen. Bei diesen traumhaften Segelbedingungen werden wir unser Ziel schon in der Nacht erreichen. Die Verlockung, an den Felsen vorbei weiterzusegeln, ist groß. Denn in den letzten Tagen hatten wir abwechselnd nur Flauten und Regenschauern.

Brasilianische Forschungsstation auf der aus 15 Felsen bestehenden Inselkette. © Wegner/Wester

Wir waren die ganze Zeit beschäftigt: Segel ‘rauf, Segel ‘runter, Segel reffen, Segel trimmen. Manchmal trieben wir ganz ohne Segel. Aber wir widerstehen der Versuchung, an den Felsen vorbeizusegeln. Als wir vor Mitternacht die Feuer der Felsen ausmachen, drehen wir bei und treiben für den Rest der Nacht langsam auf die Lichter zu.

Bei Sonnenaufgang, heißem Kaffee und Nutellabrot segeln wir das letzte Stück zu den St. Peter und St. Paul Felsen. Wir sind gespannt, was uns dort erwartet. Wir wissen, dass diese brasilianischen Felsen mitten im Atlantik wenn überhaupt dann nur selten von jemand besucht werden.

Blick aus dem Stationshaus. Meistens bricht sich die Brandung über den Felsen. © Wegner/Wester

Wegen des ständigen Schwells soll das Anlanden so gut wie unmöglich sein. Selbst wenn wir es nicht schaffen sollten, auf diese Steine mitten im Atlantik zu kommen, so wollen wir wenigstens aus nächster Nähe Fotos aufnehmen.

Eine männliche Stimme ruft uns über UKW: “Velero, Velero…” Andreas spricht mit ihm. Aber da der Mann weder englisch noch spanisch und Andreas kein portugiesisch spricht, ist das Gespräch freundlich aber kurz. Ziemlich enttäuscht nähern wir uns den Felsen weiter an, um wenigstens die Fotos zu machen.

Leuchtturm auf der Insel. 1511 strandete hier die Karavelle "Saint Peter" unter dem Kommando des Portugiesen Manuel de Castro Alcoforado. © Wegner/Wester

Allerdings wollen wir nicht so schnell aufgeben. Dieses Mal versuche ich mein Glück und frage über UKW die Station auf Spanisch an, ob wir die Felsen besuchen dürfen. Von meiner Verletzung erwähne ich zuerst nichts. Es meldet sich diesmal eine Frau.

Wir haben Glück! Sie versteht mich und antwortet mir auf Spanisch. Sie müsse erst die Erlaubnis für unseren Besuch vom Festland per Satellitentelefon einholen. Ein Paar Minuten später liegt die Erlaubnis vor und ein Fischerboot begleitet uns zu einer Muringboje, an der wir festmachen dürfen. Auch werden wir von einer großen Schule von Delphinen sehr freundlich begrüßt.

Bei näherer Betrachtung sind es mehrere kleinere und ein paar größere kahle Felsen ohne jeglichen Bewuchs, die aus dem Wasser herausragen. Es ist verwunderlich, dass auf diesen paar Steinen jemand verweilt und sogar ein Gebäude darauf passt, samt Leuchtturm, Satellitenantenne und großer Brasilienflagge.

Kahles, felsiges Eiland mit spärlichem Leben. © Wegner/Wester

Ich steuere die Boje an und Andreas greift den schweren Festmacher. Alles klappt bestens. Natürlich sind wir aufgeregt. Denn die Nähe der Felsen und der starke Schwell flößen einem gehörigen Respekt ein. Zwei Fischer kommen mit ihrem Beiboot um die Markierungsboje mitzunehmen und um uns zu signalisieren, dass wir gleich abgeholt werden.

Wir fragen sie, ob es auf der Station einen Arzt gebe. Es gäbe leider keinen. Aber auf der Station leben drei Frauen, von denen zwei unmittelbar zur Hilfe auf unser Boot gebracht werden. Als sie meine Wunde sehen, sind sie sehr beeindruckt, aber von Medizin verstehen sie auch nicht mehr als ich. Wir zeigen ihnen kurz unser Schiff und steigen anschließend alle in das Beiboot. Es geht los durch die faszinierende Felsenlandschaft und gewaltige Brandung zur Station.

Tölpel sind die eigentlichen Bewohner der Inseln. © Wegner/Wester

Die Fahrt in die kleine Lagune hinein zu dem größeren Felsen, auf dem die Station steht, ist beeindruckend. An dem Felsen ist eine kleine Leiter befestigt, an der wir vom Boot aus hinaufklettern. Obwohl die Lagune etwas geschützter ist, steht auch dort gewaltiger Schwell.

Auf der Station lernen wir Lilian kennen. Mit ihr habe ich über Funk kommuniziert. Sie ist Biologin und erforscht das Leben der Delphine rund um die Felsen. Hauptsächlich geht es um ihr Territoriumsverhalten, d.h. ob es Wandertiere oder dem Territorium treue Tiere sind. Letzteres scheint wohl zuzutreffen.

Auf der Station wird als erstes mein Bein versorgt. Ich bekomme sogar zwei Tuben Salben und eine Flasche Antiseptikum geschenkt. Dann beköstigen die Stationsmitarbeiter uns mit selbstgebaсkenem Kuchen. Wir lernen überaus nette und hilfsbereite Menschen kennen.

Die Inselkette besteht aus 15 verschiedenen Felsen. © Akihisa Motoki

Das Seegebiet rund um die Felsen wird hauptsächlich für den Fischfang genutzt. Das Stationsgebäude ist klein gehalten und nimmt dennoch ein Drittel der waagerechten Fläche des größten Felsens ein. Der Vorgängerbau wurde im Sturm von einer Welle weggespült. Deshalb ist das neue Gebäude von einer Architektin geplant und gebaut worden, die sich hauptsächlich mit erdbebensicherer Architektur beschäftigt.

In dem Gebäude können höchstens drei bis vier Personen übernachten. Die Fischer leben auf ihren Schiffen und kommen immer in zweiwöchigem Rhythmus vom Festland herüber. Derzeit befinden sich dort vier mittelgroße Fischerboote.

Die unzähligen Tölpel sind die eigentlichen Bewohner der Felsen. Sie teilen den Lebensraum mit den Stationsbewohnern. Sie nutzen das Gebäude als Grenze: auf der einer Seite leben die Paare mit ihrem Nachwuchs, auf der anderen Seite leben die Singles. Eine Ordnung, die von den Tölpeln strengstens eingehalten wird. Außer den Tölpeln leben auf dem Felsen noch Krebse und auch kleine Fische in natürlichen Aquarien, die bei Ebbe entstehen.

Andreas Wester und Nana Wegner sind mit ihrer Etap 38i über den Atlantik gesegelt. © Wegner/Wester

Neben dem Gebäude auf der höchsten Stelle des Felsens ragt ein kleines Podest mit einem Leuchtfeuer empor. Der Leuchtturm leistet nicht nur seinem eigentlichen Dienste, sondern er ist auch Zuflucht vor Monsterwellen. Dort sind immer Notproviant und Trinkwasser gelagert. Das hat bereits zwei Fischern das Leben gerettet, als das frühere Stationsgebäude von einer Welle weggespült wurde.

Nach der Führung durch die Station und über das Gelände werden wir auf eines der Fischerboote eingeladen. Kaum dort angekommen, werden sofort Langusten, Dorado, Kokosbrot, Saft-Milch-Eis-Getränk und der Rohrzuckerrum Cachaca serviert. Zum Glück haben auch wir ein kleines Geschenk parat: Hamburger Kümmerling.

Wir werden durch das Schiff geführt. Es gibt Schlafplätze für ungefähr zehn Fischer und Skipper. In dem Steuerhaus thront ein großer Flachbildfernseher, der uns stolz präsentiert wird.

Andreas begutachtet im tiefgekühlten Lagerraum den Fang der letzten Nacht: drei Tunfische, eine große Dorado, einige kleinere Fische, Langusten und leider auch einige Haifischflossen.

CTMJessJob

Dann ist es Zeit für den Abschied. Wir werden zurück zu unserem Schiff gebracht. Vom Dingi aus beobachten wir noch einen riesigen Mantarochen, dessen Abmessungen ca. drei mal drei Meter erreichen.

Wir setzen Segel, gehen wieder auf Kurs und lassen das Erlebte auf uns wirken. Wir verlassen die Felsen und diese freundlichen Menschen mit gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite sind wir von der Gastfreundschaft überwältigt, auf der anderen Seite gehen uns die Haifischflossen nicht aus dem Kopf. Aber wir sind uns einig: das war ein echtes Abenteuer! Auch für unsere „Miepke“, die mitten im Atlantik – nicht weit vom Äquator – bei gewaltigem Wellengang an einer Boje schaukelte.

Homepage der Miepke-Crew

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